Wenn Greta Thunberg singen könnte ...

Auf ihrem neuen Album "A Different Kind of Human (Step 2)" verhandelt die norwegische Electropop-Künstlerin Aurora große Themen wie Depressionen oder Klimawandel. Ihre Lieder sind bombastisch, elektronisch, naturverbunden - aber leider nicht sehr variantenreich.

In der Zoologie bezeichnet "Metabolie" die Umwandlung eines Organismus durch Stoffwechsel. Die Raupe wird zum Schmetterling, die Kaulquappe zum Frosch, die Zoea zum Krebs. Auroras zweites Album "A Different Kind Of Human (Step 2)" ist im Grunde ein Album über Metabolie. Doch auch, wenn die 22-jährige Norwegerin auf ihrer Vorab-Single "Animal", einem jagbetriebeneen Event-Electro-Song, "let me become an animal" singt, geht es auf "A Different Kind Of Human (Step 2)" nicht um Verwandlung. Es geht um (Selbst-)Entwicklung.

Im Herbst 2018 hatte Aurora überraschend die EP "Infections Of A Different Kind" veröffentlicht. Der zweite Teil ihrer "Different Kind"-Serie knüpft nun dort an, wo der Vorgänger aufhörte. Himmelhochjauchzende Stadion-Pop-Harmonien hageln auf hyperenergetische Beats, zu denen die aus Stavanger stammende Sängerin- und Songschreiberin mal kindliche Einzelgängermelodien, mal naturverbundene Stammeschöre heraufbeschwört. Irgendwo zwischen der spielerischen Metaphorik von Björk und der weiträumigen Schwermut von Fever Ray textet sich Aurora durch das Dickicht der Seele, ja den (inneren) Planeten. Überhaupt verhandelt "A Different Kind of Human (Step 2)" viele zeitgeistliche Themen wie Selfcare, Depressionen und Klimawandel, aber auch den Mut zu träumen von einer besseren Welt.

Ein Schmetterling schwebt ins offene Nichts

Das dystopische Stück "The Seed" ermahnt den Hörer mit Zeilen wie "You cannot eat money", in "Apple Tree" heißt es sogar "Let her save the world". Würde Greta Thunberg singen, ihre Musik klänge vermutlich so wie bei Aurora. Bei den Aufnahmen in der französichen Provence und im norwegischen Bergen könnte Aurora Aksnes, so ihr bürgerlicher Name, aber auch von Madonnas "Ray Of Light"-Album inspirert worden sein, so senibel und anmütig watet sie durch das tränennasse Moos ihrer Melancholie. Ihren neuen mythologischen Bombast-Pop schrieb sie zusammen mit den Produzenten My Riot (London Grammar, Birdy) und Magnus Skylstad, der Aurora auch schon beim Debüt "All My Demons Greeting Me As A Friend" (2016) zur Mischpultseite stand.

Lauter und lärmender wollte sie das Album gestalten, sagt sie. Im Vergleich zu "Infections Of A Different Kind" sind ihre Lieder diesmal tatsächlich wuchtiger, bedrohlicher, ja weltlicher. Mit der Kraft eines kühlenden Sommergewitters erhellt ihre Elfenstimme kratvollen Weltschmerz-Pop, der nach einiger Zeit aber auch ein paar Abnutzungserscheinung aufweist. Die stets ähnlichen Synkopen-Motive der Songs und die wiederkehrende Waldgedicht-Poesie verlieren nie ihren Glanz, aber irgendwann wird die verwunschene Klanglandschaft zu einem esotherischen Sumpf. Bei einem so ausdefiniertem Schaffensprofil, wie man es bei Aurora vorfindet, könnte man mit Blick auf dieses Album von eintretender Ideenlosigkeit sprechen - oder von einer Mission, die hier ihr Ende findet. In dem Abschlussstück "Mothership" schwebt Aurora mit einem medititaven "You are home" auf den Lippen - wie ein Schmetterling - ins offe Nichts.

Aurora - The Seed