"Wenn man zu viel über die Krise liest und schaut, wird man von ihr verschluckt"

Uwe Ochsenknecht lebte wochenlang im spanischen Lockdown, denn seit Beginn der Krise harrt er in seinem Haus auf Mallorca aus. Im Interview zu zwei neuen ARD-Sozialkomödien spricht er über das Manko systemrelevanter Berufe, falsche Erziehungsmodelle und was ihm an den Corona-Maßnahmen stört.

Uwe Ochsenknecht lebte wochenlang im spanischen Lockdown, denn seit Beginn der Krise harrt er in seinem Haus auf Mallorca aus. Im Interview zu zwei neuen ARD-Sozialkomödien spricht er über das Manko systemrelevanter Berufe, falsche Erziehungsmodelle und was ihm an den Corona-Maßnahmen stört.

teleschau: Ihre Müllmänner-Reihe feierte schon vor Corona ehemals belächelte, heute aber als systemrelevant gefeierte Jobs. War die Idee prophetisch?

Uwe Ochsenknecht: Wenn es so war, dann gilt der Dank der Produzentin Doris Zander und den Autoren. Aber in der Tat - früher hatte der Beruf des Müllmanns ein schlechtes Image. Da sagte man sogar zu Kindern: "Wenn du nichts lernst, musst du bei der Müllabfuhr arbeiten." Das hat sich doch deutlich geändert. Mittlerweile wird respektiert, dass das die Menschen sind, die unseren täglichen Dreck wegmachen. Und wir machen eine Menge Dreck. Dabei sind die Leute von der Müllabfuhr meistens gut gelaunt. Sie strahlen ein positives, zupackendes Lebensgefühl aus.

teleschau: Haben wir in der Corona-Krise ein anderes Bewusstsein dafür entwickelt, welche Jobs die Gesellschaft am Laufen halten?

Ochsenknecht: Ja, das denke ich schon. Diese Jobs haben sich den Respekt aber auch lange verdient. In Krisenzeiten merkt man eben, auf was es wirklich ankommt. Dass auch Dinge, die man für selbstverständlich hielt, nicht selbstverständlich sind. Auch dass es Leute gibt, die sich für die Gemeinschaft einsetzen, aber kein großes Aufhebens darum machen. Es ist das einzig Positive, was eine derartige Krise mit sich bringt. Wir denken wieder darüber nach, was wir haben. Nicht nur darüber, was wir noch wollen.

"Man muss schauen, woher das Gefühl der Verlorenheit kommt"

teleschau: Das Image der Müllabfuhr hatte sich aber schon vor Corona verbessert, oder?

Ochsenknecht: Ich kann nur für Berlin sprechen. Da gab es eine sehr kluge Werbekampagne, die man auch ein bisschen in unseren Filmen sehen kann. Lustige Wortspiele rund um den Müll. Dazu bekamen die Mitarbeiter coolere Klamotten. Es wurden Image-Filme gedreht, vor allem aber wurde die Bezahlung aufgewertet. Letztlich kann man nur dadurch echte Wertschätzung für systemrelevante Berufe ausdrücken. Bezahle die Menschen besser, dann wird sich ihr Fremd- und Selbstbild ebenfalls verbessern.

teleschau: Warum strahlen Müllmänner meistens gute Laune aus, wenn man sie bei der Arbeit trifft?

Ochsenknecht: Ich kann die gute Laune bestätigen. Wir sind auch mal einen Tag mitgefahren, bevor wir mit den Filmen begannen. Und wir drehen ja nach wie vor oft in deren Hauptverwaltung. Die Jungs fahren morgens um 6 Uhr vom Hof. Es wird zugepackt, einer passt auf den anderen auf. Das schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Der Job ist nicht ungefährlich. Es kommt immer wieder mal zu Unfällen mit der Schütte, weil Müllleute mit Armen oder Händen da reingeraten sind. Auch das Rückwärtsfahren bringt Risiken mit sich. Ich denke, bei allen Jobs, die körperlich anspruchsvoll und ein bisschen gefährlich sind, entsteht eine solche Achtsamkeit - auch füreinander. Sie setzt sich übrigens auch ins Privatleben fort. Diesen Eindruck hatten wir auch bei der Berliner Müllabfuhr.

teleschau: Jeder der Filme erzählt außerdem von einem gesellschaftliches Problem. Es ging schon um Digitalisierung der Arbeit, es wird über Gentrifizierung erzählt - und nun von einem orientierungslosen Jugendlichen, der durch zupackende Arbeit in die Spur zurückgeholt wird. Glauben Sie an dieses Konzept?

Ochsenknecht: Man kann sicher nicht alle Probleme junger Menschen lösen, indem man ihnen einen körperlich fordernden Job gibt. Da muss man schon schauen, woher das Gefühl der Verlorenheit kommt. In unserem Film ist es so, dass eben niemand da ist, der dem jungen Mann Orientierung bietet. Der ihm Grenzen und klare Regeln aufzeigt. Viele kennen das vielleicht noch von sich selbst: Als junger Mensch testet man Grenzen aus, um zu erfahren, bis wohin man gehen kann. Auch weil man wissen will, wohin man gehört. In meiner Generation wurden einem die Grenzen noch mit Schlägen aufgezeigt. Das ist sicher die falsche Lösung. Klare Regeln und Konsequenzen halte ich aber nach wie vor für wichtig, wenn es um Erziehung geht.

"Schläge sind nicht nur grausam, sie bringen auch nichts"

teleschau: Ist Ihnen das als Vater leicht gefallen?

Ochsenknecht: Nein, Erziehung ist nie einfach. Sie macht auch oft keinen Spaß. Weder den Kindern noch den Eltern. Trotzdem ist konsequentes Erziehen wichtig. Ich hatte immer den Eindruck, wenn ich meinen Kindern keine klaren Grenzen aufgezeigt habe, hatten die den Eindruck, dass ich mich nicht für sie interessiere. Und das hat meist üble Folgen. Zumindest wird dann erst recht Unsinn gemacht. Ich wurde als Kind geschlagen. Da kann ich nur aus Erfahrung sagen: Schläge sind nicht nur grausam, sie bringen auch nichts. Grenzen und Regeln ohne körperliche Züchtigung klar aufzuzeigen, bringt indessen langfristig eine Menge. Es ist letztendlich ein Liebesbeweis.

teleschau: Wie anstrengend fanden Sie die Erziehung Ihrer Kinder?

Ochsenknecht: Man bekommt Übung mit der Zeit, wie bei allem. Es wird einfacher. Andererseits ist es besser, wenn man vor dem ersten Kind nicht weiß, was auf einen zukommt. Und alle Eltern kennen diese Momente, in denen man denkt: Hört das mit dem Erziehen denn nie auf? Werden die niemals reifer, erwachsener? Dann vergehen noch zwei, drei Jahre und plötzlich ist es vorbei. Dann sind sie groß und benehmen sich wie Erwachsene. Da ist man dann verblüfft - und natürlich stolz.

teleschau: Wie geht es Ihnen persönlich momentan. Leben Sie noch im schauspielerischen Lockdown?

Ochsenknecht: Ja, ich befinde mich seit Beginn der Krise in meinem Haus auf Mallorca. Hier führen wir ein sehr zurückgezogenes Leben. Drehpläne oder Reisen nach Deutschland liegen noch auf Eis. Vor dem Drehstopp hatten wie an der dritten Staffel "Ku'damm" gedreht - dieses Projekt musste unterbrochen werden. Für die Zeit danach gab es andere Filmprojekte, die aufgeschoben wurden. Momentan weiß niemand, wie und wann es weitergeht.

teleschau: Wie füllen Sie die Zeit?

Ochsenknecht: Ich habe immer etwas zu tun. Ich habe vier Wochen lang jeden Abend um 19 Uhr live auf Instagram Märchen gelesen, um den gestressten Eltern mal für einen Moment Ruhe zu schenken. Ich schaue mir zukünftige Projekte an. Wir haben Tiere hier - und auch im Haus gibt es immer etwas zu tun.

"Das sind ja keine Nachrichten mehr, sondern Nachrichtenshows!"

teleschau: Durften Sie denn ausreisen nach Spanien, als die Krise begann?

Ochsenknecht: Als der Lockdown begann, befand ich mich gerade auf Mallorca. Ich erfuhr vom Drehstopp und bin dort geblieben. Seitdem darf man Mallorca nur in Ausnahmen verlassen. Es gab für mich dazu noch keinen Anlass.

teleschau: Sind Sie denn mit allen Maßnahmen gegen Corona einverstanden?

Ochsenknecht: Ach, es gibt viele und immer mehr unbeantwortete Fragen. Irgendwann ging mir dieses permanente Wiederholen schlechter Nachrichten tierisch aufn Zeiger. Das sind ja keine Nachrichten mehr, sondern Nachrichtenshows! Ich sorge dafür, dass ich jeden Tag eine Basis an seriösen Informationen über den Stand der Krise bekomme. Ich glaube, wenn man zu viel über die Krise liest und schaut, wird man von ihr verschluckt. Man muss sich auch ein Stück weit distanzieren, um sein eigenes Leben - mit anderen Themen - weiterzuleben. Sonst verliert man die Objektivität.

teleschau: Wissen Sie schon, wann Sie nach Deutschland zurückkehren?

Ochsenknecht: Wenn die Arbeit wieder losgeht. Ich hoffe nur, dass bald wieder Menschen nach Mallorca dürfen, die hier eine Immobilie besitzen. Insgesamt ist es für die Insel lebenswichtig, dass der Tourismus bald wieder in Gang kommt. Sollten Hotels und Gastronomie noch lange dicht sein, wird es ein Massensterben beruflicher Existenzen geben. Dann ist locker die Hälfte der Insel arbeitslos.