"Wenn mich keiner aufhält, übernehme ich jede Rolle"

Auch auf neuen Solopfaden wandelt Klaas Heufer-Umlauf sicher - etwa als Hauptdarsteller seiner eigenen Provinz-Dramedy-Serie "Check Check". Über seine eigenen Provinzerfahrungen und jene als Schauspieler spricht der 36-Jährige im Interview.

Auch auf neuen Solopfaden wandelt Klaas Heufer-Umlauf sicher - etwa als Hauptdarsteller seiner eigenen Provinz-Dramedy-Serie "Check Check". Über seine eigenen Provinzerfahrungen und jene als Schauspieler spricht der 36-Jährige im Interview.

Klaas Heufer-Umlauf scheint es geschafft zu haben. Spricht man über den 36-Jährigen, fällt immer seltener auch der Name Joko wie automatisch. Über zwei Jahre nach dem Ende der ProSieben-Show "Circus HalliGalli" findet das Duo, das beide berühmt machte, für einzelne Sendungen zwar noch wie gewohnt zusammen. Vom spaßigen Comedianbild emanzipieren konnte sich der Entertainer dennoch - auch wenn sich der Start seiner Sendung "Late Night Berlin" holprig gestaltete, auch wenn seine Spendenaktion für Seenotrettung einige Kritik hervorrief. Heute gilt Heufer-Umlauf weniger als Blödeltyp, denn als kluger Kopf mit Sinn für Ironie und politischer Verantwortung. Und der nunmehr auf Solopfaden wandelnde Wahlberliner probiert sich weiter aus - aktuell mit der Provinz-Dramedy-Serie "Check Check" (ab Montag, 21. Oktober, als Stream bei Joyn, später auch bei ProSieben), die er selbst schuf, produzierte und mitschrieb. Zudem übernimmt der gebürtige Oldenburger die Hauptrolle des Großstädters, der zur Pflege des dementen Vaters (Uwe Preuss) zurück in die Heimat zieht, und sich dabei als Mitarbeiter am örtlichen Mini-Flughafen über Wasser hält. Wie er den Spagat zwischen Schauspieler und Produzent bewältigte und welche Erfahrungen er selbst mit der Provinz machte, erklärt Klaas Heufer-Umlauf im Interview.

teleschau: Mit Ihrer Serie "Check Check" wagen Sie den Spagat zwischen Comedy und Tragik. War das für Sie von Vornherein klar?

Klaas Heufer-Umlauf: Ich glaube, ich hätte selbst keine Lust, eine ausschließlich lustige Serie zu schauen. Da würde mir die Substanz fehlen. Es muss auch befreiend wirken, wenn es witzig wird. Es geht in "Check Check" ums Nachhausekommen. Das ist nicht nur nervig oder albern, sondern hat auch eine große Melancholie. Ich wollte daher aufpassen, dass es keine ganz klassische Sitcom wird. Gerade in Deutschland verbinde ich das schnell mit einschlägigen Comedy-Sachen, mit denen ich Schwierigkeiten habe.

teleschau: Wie entgeht man dem?

Heufer-Umlauf: Mit einer gewissen Schwere, und mit einer Tiefe von Charakteren und Story. Ich hatte eine vage Vorstellung davon, aber selbst herstellen kann ich es nicht. Daher hatte ich Hilfe von erfahrenen Drehbuchautoren, als Headwriter oder beratend.

teleschau: Allein zu schreiben und zu produzieren erfordert schon viel Kraft. Warum haben Sie zusätzlich noch die Hauptrolle übernommen?

Heufer-Umlauf: Naja, total klar: Ich habe ein Mittelpunktsbedürfnis (lacht). Sonst würde ich das alles nicht machen. Natürlich will ich der Hauptdarsteller sein, das ist ja logisch. Und ich will damit berühmt werden und ins Fernsehen kommen. Aber im Ernst: Es gibt bei so einer Serie auch Bereiche, in denen ich nichts verloren habe. Ich weiß genau, was ich kann - aber auch, was ich nicht kann. Der Typ in "Check Check" ist mir ja nicht unähnlich, das kann ich spielen. Sobald es aber eine richtige Rolle wäre, würde ich mich zurückziehen und einem Schauspieler den Vortritt lassen.

teleschau: Wobei Sie es in den letzten Jahren ja vermehrt mit der Schauspielerei versucht haben ...

Heufer-Umlauf: Klar, wenn jemand denkt, ich kann das, und mich die Sender machen lassen - dann mach ich das die ganze Zeit! Wenn mich keiner aufhält, übernehme ich jede Rolle. Würde mich jemand fragen, ob ich mir vorstellen könnte, Otto von Bismarck darzustellen - dann würde ich sagen: Ja, das mach ich!

"Klar will ich als King zurückkehren"

teleschau: Überhaupt scheinen Sie aktuell viele Projekte zu verwirklichen, die Ihnen am Herzen liegen. Probieren Sie sich gerade aus?

Heufer-Umlauf: Ich hätte ein ungutes Gefühl, wenn ich Möglichkeiten liegenließe. Man weiß ja auch nicht, wie lang das alles noch gutgeht. Karrieren, wie ich sie habe, werden ja nicht freiwillig beendet. Deshalb versuche ich in diesem Wurmloch, das sich aufgetan hat, die Dinge zu machen, die mir am Herzen liegen. In der Zeit, die mir zur Verfügung steht und mit größtmöglicher Sorgfalt.

teleschau: Das heißt, Sie haben noch immer Angst vorm Scheitern?

Heufer-Umlauf: Ja, schon. Wie viele meiner Kollegen habe ich oft das Gefühl, es könnte auch morgen vorbei sein. Das lässt mich nicht los. Das nötige Selbstbewusstsein fehlt mir nicht - aber vorsichtig sollte man sein. Auch wenn ich mir manchmal wünschte, entspannter zu sein.

teleschau: Ging das beim Serienschaffen einfacher - oder ist der Frustrationsanteil höher?

Heufer-Umlauf: Gerade bei "Check Check" merkte ich: Es gibt beim Schreiben Phasen, wo mal zwei Tage nichts rauskommt. Wenn man vier Stunden lang schreibt und dann merkt, dass das alles scheiße ist. Da ist man dann weniger euphorisch. Aber am nächsten Tag geht es wieder. Das ist Teil eines kreativen Prozesses, das kenne ich etwa auch aus "Late Night Berlin". Auch da sitzt man manchmal mit zehn Leuten den ganzen Tag da und am Ende sind null Ideen entstanden. Die Erfahrung muss man machen.

teleschau: Ihre Serie dreht sich um die Rückkehr in die Provinz. Sie stammen aus Oldenburg, das ist immerhin schon eine echte Stadt - gab es dennoch ein persönliches Anliegen, davon zu erzählen?

Heufer-Umlauf: Ich kenne die Provinz natürlich. Von Oldenburg aus kann man den Arsch der Welt zumindest gut sehen. Ich bin froh, dort nicht zu wohnen und weiß, warum ich mit 18 Hals über Kopf weggezogen bin. Aber eigentlich liebe ich Oldenburg.

teleschau: Inwiefern?

Heufer-Umlauf: Ich bin so dankbar, aus so einer Stadt zu kommen. Sie fördert die Kreativität, weil man sich selbst Dinge ausdenken muss. Man muss selbst aktiv werden, wenn es niemanden gibt, der etwas vorher schon genau so gemacht hat. Zum anderen kann man sich auf eine Stadt wie Oldenburg einfach verlassen. Alles kann noch so schieflaufen - am Ende steht man dann doch zusammen.

teleschau: Ist das etwas, die Sie auch persönlich erfuhren?

Heufer-Umlauf: Klar. Wenn ich nach Oldenburg komme, wunder ich mich erst mal, warum die Häuser so klein sind. Und an jeder Ecke hängt eine Erinnerung. Das ist total schön. Zum anderen habe ich noch viele Freunde dort, die ein glückliches Leben führen, mit Kindern und allem. Ein Leben, das ich damals als Kind auch führte. Mit wachsendem Abstand zum eigenen Wegzug entsteht eine größere Nähe dazu.

teleschau: Also kein Herabblicken auf die Provinz?

Heufer-Umlauf: Es gab natürlich diese Radikalität, zu sagen, man wäre der Coolste, weil man nach Hamburg, Köln oder Berlin zieht. Aber ich glaube, man braucht diese Überheblichkeit, um sich abzusichern. Weil man selbst auch nicht weiß, ob das alles was wird. Damit gräbt man das Loch der eigenen Demütigung relativ groß. Wer dauernd sagt, er zieht weg, muss es auch machen - und die anderen dafür niedermachen, dass sie dageblieben sind. Aber je mehr Zeit vergeht, desto besser versteh ich die.

teleschau: Gab es einen Moment, in dem man Sie in Ihrer Heimat dafür bewundert hat, dass Sie nun Prominenter sind?

Heufer-Umlauf: Die Oldenburger sind da nicht so. Die sagen eher: "War ja klar." Da war keiner stolz auf mich - und ich bin jetzt auch nicht der Sohn der Stadt, der sich ins Goldene Buch eintragen darf. Dümmliche Begeisterungsfähigkeit ist den Leuten da nicht zu eigen. Finde ich eigentlich sympathisch. Das höchste der Gefühle lautet: "Da kann man nicht meckern."

teleschau: Ist das auch in Ihrer Familie so?

Heufer-Umlauf: Meine Eltern haben eigentlich auch nur Dinge gesagt wie: "Ja ist doch okay, ist doch in Ordnung so. Hast du gut gemacht. So, was willst du essen?". Über diese Haltung bin ich eigentlich ganz froh.

teleschau: So eine Rückkehr als Held erträumten Sie sich nie?

Heufer-Umlauf: Klar will ich als King zurückkehren, aber das machen mir die Leute da nicht möglich (lacht). Eigentlich würde ich schon gern im Mannschaftsbus rumfahren und bejubelt werden. Das geht aber nicht. George Michael hat mal gesagt, dass man eigentlich nur bekannt wird, um es den 300 Leuten in seinem Dorf zu zeigen. Aber dann sieht man: Die meisten vernünftigen anderen Leute von damals haben auch alle super Sachen gemacht in ihrem Bereich. Es gibt Menschen, die ich von früher kenne, die auf den ersten Blick sinnvollere Dinge machen als ich. Als Krankenschwester, in der Pflege oder bei Ärzte ohne Grenzen etwa.

"Da steckt viel Gefühl und eine große Melancholie drin"

teleschau: Gedreht haben Sie "Check Check" tatsächlich an einem Provinzflughafen - wurde der Flugverkehr in Kassel dadurch aufgehalten?

Heufer-Umlauf: Der ist im Winter überschaubar. Aber wir mussten dennoch viel drumherum organisieren, das ging nur durch die Kollegen vor Ort. Ohne die ging es nicht. Auch wenn die sicher froh waren, als wir wieder weg waren.

teleschau: Gaben die Flughafenangestellten auch Tipps?

Heufer-Umlauf: Wir hatten extra einen Mitarbeiter, der herumgelaufen ist, um Storys zu sammeln. Und sagen wir mal so: Das, was da vor Ort passiert, übertrifft hier und da die Fiktion. Wir konnten nicht alles einbauen wegen: unglaubwürdig. Aber dass etwa Hasen die Landebahn untertunneln, ist in Tegel beispielsweise echt ein Problem gewesen. Vieles ist aus dem Leben gegriffen.

teleschau: Der anderer Fokus der Story betrifft den demenzkranken Vater, der in der Provinz umsorgt werden muss.

Heufer-Umlauf: Ich wünschte mir das. Gerade in dieser Generation, wo die Väter eher ruppig und keine Smalltalker sind, verändert sich einiges, wenn die Männer dann verletzlich werden. Geht es denen nicht mehr so gut, entsteht da eine große Nähe. Demenz kann da auch eine Schranke öffnen, die jahrelang zu war. Manchmal zeigt sich eine Emotionalität, die vorher nicht existierte.

teleschau: Haben Sie eigene Erfahrungen damit gemacht?

Heufer-Umlauf: Ich absolvierte in der geriatrischen Abteilung in Köln meinen Zivildienst, und auch bei meiner eigenen Oma konnte ich einen ähnlichen Verlauf beobachten. Ich weiß, wie es ist, täglich mit dementen Menschen umzugehen. Da steckt viel Gefühl und eine große Melancholie drin.