Wie wird man eigentlich Bestatter?

Berufe-Special "Man lernt das eigene Leben mehr zu schätzen"

Von Beruf Bestatter… Blick stellt euch heute den außergewöhnlichen Ausbildungsberuf vor. Andreas Morgenstern ist geschäftsführender Gesellschafter bei Antea Bestattungen in Chemnitz Bernsdorf auf der Wartburgstraße. Seit 40 Jahren arbeitet er im Bestattungsgewerbe und erzählt uns im Interview, wie er zu der Arbeit mit Verstorbenen gekommen ist, welche Aufgaben der besondere Beruf mit sich bringt, welche Eigenschaften Auszubildende mitbringen müssen und wie er selbst mit Trauer und Tod umgeht.    
 
Wie sind Sie zu dem Beruf gekommen und wie lange üben Sie diesen schon aus?

Dazu gekommen bin ich durch den Tod meines Vaters. Er ist relativ früh gestorben, meine Mutter war bis zu dem Zeitpunkt Hausfrau. Sie hat sich dann eine Arbeit suchen müssen und als Sekretärin in der Friedhofsverwaltung angefangen. Dadurch hatte ich dann einen anderen Blick auf die Arbeit als Bestatter. Sie hat von der Arbeit sachlicher berichtet, als das in der allgemeinen Bevölkerung kommuniziert wurde. Ich habe dann erst eine Ausbildung gemacht in der Textilindustrie und habe in der DDR relativ wenig verdient, habe jung geheiratet und ein Kind war unterwegs. Ich musste also mehr Geld verdienen und habe mich umgeschaut, was ich machen könnte. Da ich gern etwas mit Autos machen wollte, gern Auto gefahren bin, habe ich dann als Kraftfahrer beim Bestattungsbetrieb der Stadt Karl-Marx-Stadt angefangen und eine weitere Ausbildung gemacht, am 6. Mai 1980.  
 
Welche Eigenschaften muss man mitbringen für den Beruf?

Empathie und Einfühlungsvermögen in einem gesteigerten Maß, auch persönliche Befindlichkeiten muss man hinten anstellen können und man muss sich Mitgefühl auf alle Fälle bewahren. Das darf nicht zum Job werden, denn das spüren die Hinterbliebenen. Und ich habe über die Jahrzehnte die Erfahrung gemacht, dass man den Beruf entweder ein Leben lang ausübt oder es nach kurzer Zeit wieder sein lässt. Fleiß gehört auch dazu und Flexibilität. 
 
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag so aus und welche Aufgaben umfasst dieser?

Seit 2003 ist Bestattungsfachkraft ein Ausbildungsberuf in Deutschland. Wir haben in den vergangenen Jahren einige Auszubildende im Unternehmen gehabt. Ihre Tätigkeit umfasste alle Arbeiten in einem Bestattungshaus. Angefangen von der Überführung Verstorbener bis zur hygienischen und kosmetischen Versorgung, was umgangssprachlich noch immer als Heimbürgentätigkeit bezeichnet wird. Dann müssen Gespräche mit den Angehörigen geführt und die Bestattung organisiert werden. Auszubildende müssen auch ein Stück Trauerfloristik  beherrschen und die Angehörigen unterstützen bei der Formulierung von Traueranzeigen und Texten für Trauerbriefe und -karten. Außerdem müssen sie kaufmännisch fit sein, kalkulieren können und eine betriebswirtschaftliche Auswertung lesen können. Sie müssen auch in der Lage sein, ein Grab auszuheben. Die Ausbildung ist sehr umfangreich und erfordert Fleiß. Mein Arbeitsalltag ist mittlerweile spezialisierter und umfasst mehr die Organisation des betrieblichen Ablaufs, Öffentlichkeitsarbeit und die Tätigkeit als Gastdozent in medizinischen Fachschulen und in der Hospizhelferausbildung. Ich halte auch Vorträge zu Bestattungsvorsorge.   
 
Was hat Sie an dem Beruf begeistert, was weniger?

Positiv ist die abwechslungsreiche Tätigkeit.  Weniger kann ich eigentlich nichts sagen. Wir müssen morgens auf die Arbeit gehen und dann kann ich oftmals nicht sagen, wann ich Feierabend habe. Wobei wir mittlerweile in der Lage sind, durch die Größe des Betriebs, auch das gut zu organisieren. Aber man lernt jeden Tag andere Menschen kennen und es passieren jeden Tag Dinge, die sich nicht planen lassen. Man muss also extrem flexibel sein und sich auf Situationen einlassen können, das macht es so interessant. Menschen in einer schweren Ausnahmesituation zu helfen ist eine gute Sache. Der Tod eines uns nahestehenden Menschen ist wohl die schlimmste Ausnahmesituation, die uns treffen kann. 

Wie gehen Sie mit der allgegenwärtigen Trauer der Kunden um? 

Es entsteht dann doch eine sogenannte Professionalität, dass man viele Dinge nicht so nah an sich heranlässt, wobei das immer wieder mal passiert. Es gibt also Fälle, die aus diesem oder jenem Grund etwas außergewöhnlicher sind und das berührt einen tiefer, als es für einen persönlich gut ist. Aber man kann das gut in Gesprächen mit den Kollegen und Mitarbeitern verarbeiten. Wir dürfen das nicht nach außen tragen, weil die Datenschutzverordnung ein ganz wichtiges Thema ist. Deshalb gibt es die Gespräche miteinander unter den Kollegen und es ist wichtig, dass man auch selbst zu Mechanismen findet, die einem helfen, zum Beispiel Menschen im Umfeld zu haben, denen man sich, ohne über konkrete Fälle zu sprechen, anvertraut. Das ist wichtig. 
 
Wie gehen Sie mit dem Tod um?

Ich würde sagen, man hat eine andere Verbindung zum Tod, man hat mehr  Respekt und lernt das eigene Leben mehr zu schätzen.  

 Warum sollte ein Schüler eine Ausbildung machen?

Der Beruf wird gebraucht, wobei wir jetzt nicht aktiv suchen, weil die Auszubildenden eher auf uns zukommen. Und warum sollte das jemand machen? Ich würde nie jemandem raten den Beruf zu ergreifen. Die Person muss von sich aus neugierig darauf sein und das aus irgendeinem inneren Antrieb heraus wollen. Also unserer Auszubildenden waren im Vorfeld schon bei uns, haben Praktika gemacht als Schüler zum Beispiel. Ich hab da auch die eigenen Vorbehalte beiseite räumen müssen. Die Schüler sind sehr jung, ich habe sie schützen wollen und die, die ich kennengelernt habe, waren reifer als ihre Altersgenossen. Sie hatten sich mit dem Thema auseinandergesetzt und einige haben dann auch die Ausbildung gemacht. 
 
Wo kann man sich bewerben?

Unser Unternehmen gehört der Landesinnung der Bestatter Sachsen an, zu deren Vorstand ich gehöre. Und die Landesinnungen Deutschland und die Berufsfachverbände sind wieder organsiert in dem Bundesverband deutscher Bestatter mit Sitz in Düsseldorf. Dieser organsiert bundesweit die Ausbildung. Die Berufsschule für angehende Bestattungsfachkräfte befindet sich in Bad Kissingen in Bayern. Im Nachbarort Münnerstadt unterhält unser Bundesverband ein Ausbildungszentrum, die Theo-Remmertz-Akademie mit einem Gästehaus. Dort werden die Auszubildenden in Lehrgängen, über die betriebliche Ausbildung hinaus, praktisch unterrichtet, zum Beispiel: Hygienische Versorgung, Trauerpsychologie, Beratungsgespräche. Angeschlossen ist dem Ganzen ein Lehrfriedhof auf dem Grabmachertätigkeiten vermittelt werden. Im Ausbildungszentrum sind Auszubildenden, in den drei Jahren ihrer Lehre, zu unterschiedlich langen Seminaren. Die nicht unerheblichen Kosten müssen durch den Ausbildungsbetrieb getragen werden. Damit findet unsere Ausbildung dreigleisig statt: Ausbildungsbetrieb, Berufsschule und Ausbildungszentrum. Für die Ausbildung verantwortlich sind die Handwerkskammern. 
 
Vielen Dank für das Interview!

Eine Übersicht über alle Interviews des Berufe-Specials finden sich hier.