"Wir hatten immer getrennte Schlafzimmer"

22 beziehungsweise 18 Jahre waren sie als Inga Lürsen und Stedefreund im deutschen TV-Dienst. Am Ostermontag lösen die Bremer "Tatort-Kommissare ihren letzten Fall. Was bleibt zurück?

Wenige Wochen nach Ausstrahlung ihrer letzten Bremer "Tatort"-Folge wird Sabine Postel 65 Jahre alt. Und Oliver Mommsen, ihr einst junger Sidekick? Er feierte im Januar auch schon seinen 50. Das Kommissar-Duo Lürsen und Stedefreund gehörte über fast zwei Jahrzehnte zu den Konstanten der TV-Landschaft. Meist blieben ihre Charaktere - wie es früher im deutschen Krimi üblich war - im Hintergrund, die Fälle standen im Mittelpunkt. Doch welche Filme sind es, die aus 18 gemeinsamen Jahren in Bremen bleiben? Im Doppelinterview ziehen Sabine Postel und Oliver Mommsen eine sehr persönliche "Tatort"-Bilanz - und geben vor Ausstrahlung ihres letzten Falls ("Tatort: Wo ist nur mein Schatz geblieben?", Ostermontag, 22. April, 20.15 Uhr, ARD) zu, dass es ab sofort auch um mehr Lebensqualität geht.

teleschau: Durften Sie sich aussuchen, auf welche Weise Sie von der Bremer "Tatort"-Bühne abtreten?

Sabine Postel: Wir haben nicht darum gebeten. Wir wollten nur, dass es ein "fettes" Ende wird. Als klar war, dass Florian Baxmeyer die letzte Episode schreibt und inszeniert, haben wir ihn einfach machen lassen.

Oliver Mommsen: Florian hat sich in den letzten Jahren zum Stammregisseur unseres "Tatorts" entwickelt. Wir wussten, dass es außer uns niemanden gibt, dem die Figuren mehr am Herzen liegen und der sich besser damit auskennt. Also haben wir die Entscheidung über das Ende entspannt laufen lassen.

teleschau: Wie wichtig ist es, dass ein Abgang "fett" ist?

Mommsen: Ein guter Abgang ist wichtig! Ich wurde einmal ausgesprochen öde aus einer Serie verabschiedet. Bei "Fieber" von SAT.1 hat man meine Figur gefragt, wann sie denn nach Afrika gehe. "Morgen", durfte ich sagen - und das war's. Bei einer anderen Arztserie, "Dr. Stefan Frank", war es für mich schöner. Da lag ich ewig im Koma, bis sie mich doch haben sterben lassen. Ein neuer Regisseur sagte mal zu mir: "Du bist der Arsch, der sein Geld im Schlaf verdient" (lacht).

"Da ging ein Lebensabschnitt zu Ende"

teleschau: Man darf schon mal verraten, dass Ihr Abgang diesmal sehr viel wuchtiger ist. Aber was war sonst anders in der letzten Folge?

Sabine Postel: Wir hatten etwas mehr Geld zur Verfügung, weil es ein Feiertags-"Tatort" ist. Das haben wir dazu genutzt, ein paar größere Bilder mit mehr Action einzuflechten. Sie haben aber auch zu der Story gepasst.

teleschau: Es gibt sogar einen gemeinsamen Fallschirmsprung!

Mommsen: Der aber nicht wirklich von uns gesprungen wurde. Trotzdem war auch das teuer und aufwendiger als üblich. Um es so zu inszenieren, dass es echt aussieht.

teleschau: Frau Postel, Sie haben 22 Jahre mit der Rolle verbracht. Herr Mommsen, bei Ihnen waren es 18. Was fühlten Sie am letzten Drehtag nach der letzten Klappe?

Postel: Ich musste schon schlucken. Da ging ein Lebensabschnitt zu Ende. Am letzten Drehtag haben fast alle geweint oder hatten zumindest Tränen in den Augen. Das ganze Team war ein sehr enger, fröhlicher Haufen. Auch mit der Bremer Polizei, die uns immer sehr unterstützt haben, war es toll.

Mommsen: Man kann es doch sagen - das waren Freunde. Die letzte Einstellung sah so aus, dass wir in zwei Wagen hintereinander im Dunkeln aus einer Tiefgarage gefahren sind. Als wir rauskamen, überraschte man uns mit Konfetti-Kanone und Champagner. Das ganze Team war da, und die Bremer Polizei machte für uns das Blaulicht an. Auch das war ein wunderbarer Abgang.

Das Bremer Prinzip: Mal Kopf, mal Bauch

teleschau: Was war das Besondere an den Bremer "Tatort"-Kommissaren?

Mommsen: Es klingt spießig, aber wir waren immer pünktlich und haben nie rumgezickt. Bei uns haben sich alle Gastschauspieler und auch die Menschen hinter der Kamera immer wohl gefühlt. Es mag trivial klingen, aber mir ist so etwas wichtig.

Postel: Stimmt, die Stimmung war immer sehr gut bei uns. Mit der Chemie haben wir sicher einige Folgen besser gemacht, deren Drehbücher vielleicht nicht so der Brüller waren.

teleschau: Welche waren Ihre persönlichen Lieblingsfolgen?

Postel: Es gibt eine gemeinsame, das ist der Film "Brüder" über die Macht des organisierten Verbrechens beziehungsweise bestimmter Familien-Clans. Das Buch war glänzend recherchiert. Dazu kam, dass in der Woche der Ausstrahlung, das war 2014, sogar ein wichtiger Prozess losging, dessen Fall man schon fast als reale Entsprechung unserer Fiktion bezeichnen konnte.

Mommsen: Ja, der Film war hammerbrutal und tat echt weh. Unser Prinzip in Bremen lautete immer, dass wir einen Film für den Kopf und einen für den Bauch machen. Nach Möglichkeit immer abwechseln. So kamen einige ziemlich knallige, aber auch ein paar sehr ernste, wichtige Filme zustande.

teleschau: Kann man sagen, Bremen hatte eine Handschrift?

Postel: Bei uns war immer der Fall im Mittelpunkt. Wir haben nie unsere privaten Eskapaden in den Vordergrund gerückt. Unsere Plots waren auch schwer auszurechnen. Man wusste eben nie: Ist es der Fall für den Kopf, bei dem wir mit oft fast zehn Millionen Zuschauern eben auch schmerzhafte, schwierige Themen in die Diskussion bringen wollten - oder war es der Bauch-Fall, der einfach nur spannende Unterhaltung sein sollte. Oft wurde das erst im Laufe des Films klar.

teleschau: Gab es auch "Tatorte", wo Sie im Nachhinein sagen, die waren Grütze?    Mommsen: Na ja, unser Beitrag zur "Künstlichen Intelligenz" ("Echolot" von 2016, d. Red.) kann man sicher in die Tonne treten (lacht). Wir sind uns in Sachen "gescheiterte Filme" aber auch nicht immer einig. Ich bin immer raus bei Fällen, wo mir der Lehrauftrag als zu dominant erschien.

Sabine Postel: Klar, man darf beim "Tatort" nicht das Gefühl bekommen, man säße in einer Doku. Gerade trockene Themen müssen spannend aufbereitet werden, damit man sich für sie interessiert

Mommsen: Das stimmt. Vor einem Jahr hatten wir einen "Tatort" über Altenpflege und Sterbehilfe ("Im toten Winkel", 2018, d. Red.). Da habe ich vorher gesagt: Habt ihr noch alle Tassen im Schrank? Aber ich musste mich revidieren, das war ein ausgezeichneter Film. Direkt im Anschluss drehten wir übrigens mit Philip Koch, dem gleichen Regisseur, die Folge "Blut" über Vampirismus. Das allein zeigt, wie wunderbar unberechenbar wir waren.

"Zwischendurch eine leichte Unterforderung"

teleschau: Welche Bremer "Tatorte" machten am meisten Furore?

Mommsen: Ich erinnere mich an "Die Liebe der Schlachter" (2003, d. Red.). Da waren wir - beziehungsweise der tote Peter Kurth aufgehängt am Fleischerhaken - ganz groß auf Seite eins der "Bild"-Zeitung. Kurz davor gab es eine GEZ-Gebührenerhöhung, und das wurde aufgegriffen. Nach dem Motto: Dafür Gebührenerhöhung? Abends nahm sich dann Harald Schmidt die Sache zur Brust. Er fand die Szene so krass, dass er empfahl: Dafür bitte noch mehr Gebührenerhöhung (lacht)!

Postel: Mir fällt noch "Strahlende Zukunft" (2007, d. Red) ein, ein Krimi über Handy-Strahlen. Auch der zog in der Diskussion weite Kreise. Außerdem hatte wir einen Film über Frontex, die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache, als das Thema Flüchtlinge noch nicht wirklich in der Gesellschaft angekommen war. Dazu eine Folge über Homosexualität im Fußball, als auch darüber noch kein Mensch redete.

teleschau: Sie wirken sehr vertraut miteinander. Auf welche Weise wollen Sie beide denn nun Kontakt halten?

Mommsen: Wie immer, gar nicht (lacht). Ich lebe in Berlin, Sabine in Köln. Weiter weg geht es innerhalb Deutschlands kaum.

Postel: Ja, aber genau das wird tatsächlich unsere Aufgabe sein. Olli und ich haben uns tatsächlich immer super verstanden. Aber hatten, im übertragenen Sinn, immer getrennte Schlafzimmer. Will sagen, wir hatten beruflich stets eine super Zeit, haben uns privat aber nie verabredet. Damit wir uns nicht völlig aus den Augen verlieren, müssen wir jetzt etwas tun.

teleschau: Was kann man denn tun?

Mommsen: Wir rufen hiermit dazu auf, schreibt uns Filme, in denen wir gemeinsam spielen dürfen - nur eben außerhalb des Bremer "Tatorts".

teleschau: Wenn alles so wunderbar war, wie Sie beide es jetzt beschreiben, warum wollten Sie dann überhaupt aufhören?

Mommsen: Bei mir war es ganz klar - es drohte Routine aufzukommen. 18 Jahre ist eine lange Zeit. Ein Kind wird in dieser Spanne geboren und ist am Ende volljährig. Ich spürte zwischendurch eine leichte Unterforderung. Interessanterweise bekam ich in den letzten beiden Filmen noch mal so viel zu spielen, wie noch nie. Da denkt man dann manchmal doch: Mist, hätte ich es sein lassen und weitergemacht (lacht).

Postel: Bei mir war es so, dass ich mich ein bisschen wie ein Hamster im Rad fühlte. Durch die ARD-Serie "Die Kanzlei", für die ich 13 Folgen im Jahr drehe und zwei "Tatorte" dazu, hatte ich quasi nie frei. Ich habe seit zehn Jahren keinen Urlaub mehr gemacht. Außer einem verlängerten Wochenende ab und zu, hatte ich nie mal länger am Stück frei. Wenn andere Leute sagten: Ich fahre jetzt mal drei Wochen nach Thailand, hat mich das schon nachdenklich werden lassen. Ich sehe ja auch, dass meine Zeit läuft - und wollte deshalb etwas in meinem Leben verändern.