"Wir zelebrieren Würstchen und Kartoffelsalat!"

Erst tobte er sich auf Live-Bühnen und in TV-Shows aus - nun gibt Luke Mockridge mit der Netflix-Miniserie "ÜberWeihnachten" sein Schauspieldebüt. Welche Herausforderungen ihm dabei begegneten und wie er privat Weihnachten feiert, verrät der 31-jährige Entertainer im Interview.

Bislang fühlte sich Luke Mockridge vor allem auf den Comedy-Bühnen und in den Fernsehshows der Republik am wohlsten. Auf Live-Touren wie zuletzt "Welcome to Luckyland", als Host von TV-Formaten wie "Luke! Die Greatnightshow" (SAT.1) oder als Juror der ProSieben-Show "FameMaker" profilierte er sich als gefragter Comedian und Entertainer. Nun wagt der umtriebige 31-Jährige einen nächsten Schritt: In seiner Mini-Serie "ÜberWeihnachten" spielt der in Bonn geborenen Sohn eines Kanadiers und einer Italienerin erstmals eine fiktionale Hauptfigur - und das wohlgemerkt in einem Format, das er koproduzierte und letztlich gar beim Streamingdienst Netflix (ab 27. November verfügbar) unterbringen konnte. Welche Herausforderungen sein Schauspieldebüt barg, wie er persönlich Weihnachten begeht und was Corona mit Fest, Familie und Kultur macht, verrät Luke Mockridge im Interview.

teleschau: Bedrückt es Sie als Entertainer besonders, seit Monaten nicht vor großem Livepublikum auftreten zu können?

Luke Mockridge: Bedrückung würde ich das nicht nennen. Ich bin manchmal sogar eher froh, dass wir in dieser Zeitepoche leben, mit diesen medizinischen und digitalen Möglichkeiten. Das war bei früheren Pandemien nicht möglich. Dass uns so etwas irgendwann ereilen würde, war ohnehin abzusehen.

teleschau: Wie haben Sie die Zeit verbracht?

Mockridge: Ich habe in den letzten Monaten keinen Podcast gemacht - immerhin ein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Unterhaltungsbranche (lacht)! Von derlei Wegwerfformaten bin ich kein großer Fan. Als die neue Situation kam, sprinteten gefühlt alle Kreativen los, um einen Hit zu landen - und fielen dabei meist auf die Nase. Ich war gesegnet genug damit, mich zurückzuziehen, zu schreiben und zu entwickeln - neue Fernsehformate und fiktionale Projekte. Mir war nicht langweilig!

teleschau: Neben zahlreichen Shows im Fernsehen bringen Sie nun bei Netflix Ihre erste fiktionale Serie ans Publikum. Haben Sie als Produzent und Schauspieler mit "ÜberWeihnachten" Blut geleckt?

Mockridge: Wenn es nach mir geht, kann das total gern weitergehen - aber das entscheiden immer auch andere mit. Ich bin sehr dankbar, dass ich mich gerade auf so vielen Dancefloors ausbreiten darf - ob im Livegeschäft, im TV oder jetzt bei Netflix. Das ist ein großer Segen.

teleschau: Netflix könnte man durchaus als eine Art Hauptgewinn bezeichnen.

Mockridge: Das sind die Coolen auf dem Streaming-Schulhof! Wenn die fragen, ob man Bock hat, mitzumachen und sich dazuzustellen, ist das eine Adelung. Fühlt sich sehr gut an.

teleschau: Die Figur Ihrer Miniserie glaubt regelmäßig, dass sie als Hochstapler angesehen werden könnte. Hatten Sie zu Beginn Ihrer Karriere ähnliche Sorgen?

Mockridge: Ich glaube, das kennt jeder. Das ist das so genannte Impostor-Syndrom. Bei uns Künstlern existiert das öfter. Während ein Tischler etwas Handfestes schafft, sind ja in unserem Geschäft viele Zwischentöne zu bemessen. Aber das ist nicht nur bei Künstlern so - sondern jeder hat in seiner Lebensperformance Momente, in denen er denkt: Wieso kommt denn niemand darauf, dass das komplett gelogen und gefaked ist?

"Ich hatte einen Riesenrespekt vor dem Job"

teleschau: Bei Netflix wird Ihre Miniserie weltweit gezeigt - was verändert sich durch diesen Fakt?

Mockridge: Was wir beschreiben, ist ein sehr deutsches Phänomen. Es wird spannend, das auf einem internationalen Markt zu überprüfen: Gibt es ein Interesse daran in den USA oder in Indien, zu sehen, wie Deutsche Weihnachten feiern? Es ist reizvoll, das global zu betrachten.

teleschau: Gab es denn internationale Familienfilme und RomComs als Vorbild?

Mockridge: Persönlich war für mich einer der wichtigsten Filme immer "Garden State" von Zach Braff. Darin kehrt die Hauptfigur zur Beerdigung der Mutter in die Heimat zurück. Dieses Milieu fand ich immer spannend. Dieses Eintauchen in diese Welt, für ein paar Tage, samt allem Gossip. Da kenne ich mich aus - und das geschieht bei mir an Weihnachten. Aber ich hatte nicht das Ziel, einem Vorbild nachzueifern, sondern wollte eine Geschichte erzählen. Es ist eine bescheidene Story, und sie will nicht zu viel. Viele wollen immer so viel: klug und sexy und bombastisch und bildgewaltig sein. Ich sitze dann immer da und denke: Das hat nichts mit meinem Leben zu tun. Ich mag kleine süße Geschichten, die einen ins Herz treffen.

teleschau: War es Ihnen wichtig, eine lebensnahe Geschichte zu erzählen?

Mockridge: Ich konsumiere auch persönlich gern Filme und Serien, die nah am Leben sind. Durch den ganzen Marvel- und Avengers-Kram sind unsere cineastischen Vorlieben von sehr viel CGI geprägt. Mich interessiert das alles nicht. Deshalb entwickelte ich den Stoff nah an meinem Leben. Meine Mutter hat immer gesagt: "Unter jedem Dach ein Ach." Ich wuchs sehr provinziell auf, und da stieß man auch bei angeblich perfekten Familien auf Dinge, die nicht stimmten. In jeder Familie herrscht eine Spannung, das ist unser gemeinsamer Nenner. Deshalb glaube ich, dass sich viele damit identifizieren können.

teleschau: "ÜberWeihnachten" ist Ihre erste echte fiktionale Rolle als Schauspieler. Hatten Sie Sorge, dass das schiefgehen könnte?

Mockridge: Ja, klar. Ich hatte einen Riesenrespekt vor dem Job. Oft habe ich das Gefühl: Viele Comedians, Sänger oder Moderatoren rutschen als Quereinsteiger in die Schauspielerei und besitzen nicht die nötige Demut vor dem Handwerk. Die werden dann auch oft bestraft - mit schlechten Filmen von Leuten, die das nie ernstgenommen haben. Bei mir gibt es immerhin den schauspielerischen Background in meiner Familie: Mein Vater ist Schauspieler und hat den Beruf auch gelehrt, zwei meiner Brüder waren auf der Schauspielschule.

teleschau: Stand Ihre Familie Ihnen mit Ratschlägen bei?

Mockridge: Sicher, wir haben einen tollen, offenen Umgang miteinander. Meine Familie ist sehr uneitel dahingehend. Da kann man auch mal sagen: "Nee, das war scheiße gespielt!" Oder: "Das hab ich dir nicht geglaubt". Es existiert keine Konkurrenzsituation, wir sind sehr reflektiert und empfänglich für Kritik. Daher wissen wir, wie man das formuliert - aber auch annimmt.

"Für viele bin ich noch der Lukie vom Fußball"

teleschau: Was war vor der Kamera als fiktionale Figur anders als auf der Bühne?

Mockridge: Auf der Bühne gibt es nur hundert Prozent und maximales Selbstbewusstsein. Bei der Schauspielerei hingegen kannst du Unsicherheiten oder Überforderungen ganz authentisch in deinen Charakter einfließen lassen. An dieser abgegriffenen Formulierung "Benutz' das!" ist tatsächlich viel dran. Du kannst deine aktuelle Emotion und Gefühlslage als Würze in die Figur mit reinnehmen.

teleschau: Was von Ihnen steckt beispielsweise in Ihrer Serienfigur?

Mockridge: Das sind kleine private Türen, die man öffnet. Es ist ja eine absurde Situation: das Leben nachzuspielen und eine Kamera draufzuhalten. Ich legte daher die Rolle so an, dass sie ein Ziel hat, einem Bedürfnis und einem Gefühlsfaden von A nach Z folgt. Bastis Bedürfnis ist es, von seiner Familie geliebt zu werden - auch wenn er dabei immer gegen eine Wand läuft. Das war ein schöner Anker. Egal ob wir um sechs Uhr morgens oder völlig unchronologische Szenen drehten - das konnte ich immer abrufen.

teleschau: Ihr Charakter sagt an einer Stelle: "Bei uns gibt es nie Zoff, ich liebe Weihnachten". Diente Ihre Familie auch als Vorlage?

Mockridge: Bei uns ist es nicht so wie in einer normalen deutschen Familie. "Deutsche Familie" - das ist eigentlich schon eine eigene Rolle, weil es so geil spießig ist (lacht). Oft sind das aber auch Attribute, die negativ assoziiert werden. Ich wollte diesen Spieß umdrehen und sagen: Wir zelebrieren Würstchen und Kartoffelsalat! Auch wenn das deutsch und spießig ist, ist es ein Teil von uns. Dahingehend hatte ich eher die Familien meiner Freunde als Vorlage. Das lief immer sehr freundlich ab, am Gartenzaun zumindest. Und drinnen herrschte total das Chaos (lacht)! In meiner Familie hingegen sagen wir uns die Dinge eher geradeaus. Da kommt es nicht irgendwann zur Vulkaneruption.

teleschau: Sie sind seit einigen Jahren eine bekannte Persönlichkeit. Hat sich das weihnachtliche Heimkommen auch abseits der Familie dadurch verändert?

Mockridge: Klar, es ist anders geworden. Tendenziell kennen mich jetzt mehr Leute als ich kenne. Man wird angesprochen und begrüßt. Aber dadurch, dass das so egal ist und so beiläufig passiert, hat das gar kein Gewicht. Für viele bin ich tatsächlich noch der Lukie vom Fußball oder vom Kommunionsunterricht. Und der macht jetzt halt so ein paar Sachen im Fernsehen, heißt es dann (lacht). Das ist so herrlich normal. Allerdings bin ich auch niemand, der viel auf Rote Teppiche geht oder Promifreundschaften auf Instagram ins Schaufenster stellt. Eigentlich fühle ich mich in meinem Familienkosmos und bei meinen alten Freunden am wohlsten.

teleschau: Man findet Sie also - ebenso wie Ihre Figur - an Heiligabend in der heimatlichen Kneipe?

Mockridge: Klar! Das ist genau so. Bei uns heißt die Kneipe nur nicht "Hirschwirt", sondern "Spleen". Und da geht dann die Post ab (lacht).