Wundertüte des Wahnsinns

Damit war so nicht zu rechnen: David Hasselhoff veröffentlicht ein künstlerisch interessantes Album - inklusive Post-Punk, Industrial und Udo Jürgens.

Eigentlich lagen schon alle Plattitüden bereit. Irgendwas zum Mauerfall-Jubiläum wäre sicher unumgänglich, vielleicht eine kleine "Baywatch"- oder "Knight Rider"-Spitze ... was man eben so schreibt, wenn David Hasselhoff ein Cover-Album veröffentlicht und der Text über musikalische Belanglosigkeiten irgendwie ein bisschen aufgemotzt werden will. Und dann das: Braucht man alles gar nicht, denn der Langspieler "Open Your Eyes" ist ganz alleine schon interessant genug. Nicht unbedingt gut, aber auf jeden Fall höllisch interessant. Vielleicht vor allem höllisch.

In der Auswahl der Songs und seiner Kollaborationspartner ist "The Hoff" gleichermaßen eklektisch wie treffsicher. Zum Einstieg widmet der 67-Jährige sich vor allem den 80-ern: Der erste Track "Open Your Eyes", im Original von den heute fast vergessenen Gothic-Rockern Lords of the New Church, klingt mit seiner Endzeit-Botschaft wieder erstaunlich aktuell und wird begleitet von Stooges-Gitarrist James Williamson. Dass Hasselhoffs Stimme hier ziemlich absackt, gerät dabei zur Nebensache. Denn mal ernsthaft: David Hasselhoff, Gothic Rock und die Stooges in einem Track? Wer hätte damit rechnen können?

California Daddy trifft Shoegaze

Dieser Überraschungseffekt hält auch in den nächsten Songs noch an: Wen kümmert es, dass in "Head On" Hasselhoffs gut gelaunter California-Daddy-Gesang nicht so ganz genau zu den Shoegaze-Ikonen von The Jesus and Mary Chain passt? Elliott Easton von The Cars greift hier in die Saiten! Auch im folgenden Track reißt der Gitarrist es raus: Steve Stevens spielte früher für Billy Idol, jetzt sorgt er dafür, dass der Titel "I Melt With You" seine Lässigkeit behält, obwohl Hasselhoff mit Semino-Rossi-artigem Schmalz dagegen ansingt. Das Echo-and-the-Bunnymen-Cover "Lips Like Sugar" klingt sogar erstaunlich stimmig. Das dürfte allerdings zum größten Teil daran liegen, dass die kürzlich wiederauferstandenen A Flock Of Seagulls hier für die Musik verantwortlich waren.

Wie hat er die nur alle gekriegt? Ist David Hasselhoff etwa ein heimlicher New-Wave-Connaisseur? Wird das hier am Ende noch ein gutes Album? Die ersten beiden Fragen bleiben vorerst unbeantwortet, die letzte immerhin läuft auf ein deutliches "Nein" hinaus. Denn nun folgt: ein Sakrileg. Die Version von David Bowies "Heroes", die David Hasselhoff zusammen mit dem Filmmusikproduzenten Tyler Bates fabrizierte, ist mit eigentümlich schunkelndem Rhythmus und offenbar komplett absentem Enthusiasmus seitens des Sängers seltsam bis ärgerlich.

In der zweiten Hälfte kommen nun doch noch die gefürchteten Belanglosigkeiten, sei es das etwas schwerfällige Stück "Jump In My Car", an dem Hasselhoff sich nach 2009 nun schon zum zweiten Mal versucht, der "Rhinestone Cowboy", dessen Produktion sich so auch auf einem Amigos-Album wiederfinden könnte, oder der immerhin irgendwie skurrile Song "Mit 66 Jahren" (ja, Udo Jürgens, und ja, zumindest teilweise auf Deutsch). Einzig "Sweet Caroline" sticht hier wie ein verheißungsvoll glitzernder Gipfel des Irrsinns heraus: Das Cover des 1969er-Gassenhauers von Neil Diamond ließ Hasselhoff von den Industrial-Metalern Ministry produzieren. Der entstandene Track ist absolut hörenswert, gerade weil er so vollkommen verspult wirkt, wie Ministry-Mastermind Al Jourgensen selbst erklärt: "Es war das surrealste Projekt, an dem ich je gearbeitet habe. Ich musste nicht einmal Acid einwerfen und fühlte mich, als sei ich komplett high."

Es ist also nicht gerade so, als würde auf "Open Your Eyes" ein renommierter Künstler die prägenden Werke der Pop- und Rock-Musik zwischen 1969 und 1989 neu interpretieren. Es ist aber auch nicht der peinliche Onkel, der auf der Familienfeier nach ein paar Bier zu viel die Hits seiner Jugend nachgrölt. Stattdessen fühlt man sich wie auf einer wilden, fast planlosen Taxifahrt durch diese Ära - neben einem irren Fahrer mit Hawaiihemd, Zigarre im Mundwinkel und einem beängstigenden Grinsen im Gesicht. Selbst wenn man sich nie wieder in ein Auto mit diesem Wahnsinnigen setzen würde: Unterhaltsam war der Trip allemal.

David Hasselhoff - Open Your Eyes