Zurück ins Abseits

Don't call it a comeback: Kinderzimmer Productions machen nach 13 Jahren Abwesenheit da weiter, wo sie 2007 aufhörten. Tatsächlich klingt das HipHop-Duo 2020 sogar noch abseitiger als zuvor.

Don't call it a comeback: Kinderzimmer Productions machen nach 13 Jahren Abwesenheit da weiter, wo sie 2007 aufhörten. Tatsächlich klingt das HipHop-Duo 2020 sogar noch abseitiger als zuvor.

Zu akademisch, zu abgehoben, zu geeky: HipHop-Deutschland fremdelte stets mit diesem Rap-Duo aus der schwäbischen Provinz. Und auch Kinderzimmer Productions selbst wollten spätestens 2007 nicht mehr dazugehören. Zum einen hatte dies wirtschaftliche Gründe. Ebenso erklärte man damals aber auch, sich nicht mehr wohlzufühlen im einst so warmen Deutschrap-Mantel: "Leider halten viele Menschen HipHop inzwischen für dumpf und dumm, und wer sich den Mainstream ansieht, muss ihnen leider recht geben", hieß es damals in einer Pressemitteilung. Man wollte nicht mehr länger "dagegenhalten", Ende. Damit räumten echte Urgesteine das Feld, zwischen 1994 und 2007 veröffentlichten Hendrik "Textor" von Holtum am Mikrofon und Sascha "Quasi Modo" Klammt an Plattentellern und Reglern ganze sieben Alben. Dass diese im Gegensatz zu den Erzeugnissen vieler Weggefährten auch heute noch hörbar sind, liegt zuvorderst an ihrer Jazz- und Urzeit-Rap-infizierten Abseitigkeit. "Todesverachtung To Go", das mit Spannung erwartete neue Album, knüpft rumpelnd daran an.

Rückblick: Vor 13 Jahren ist der deutsche Rap am Boden. Zumindest sehen das die Alteingesessenen so. Die Kids geben für Musik ohnehin kaum Geld aus, und wenn, dann nur für den harten Stoff. Bushido ist der erfolgreichste deutsche Rapper und für die Medien auch der einzige von Bedeutung. Rap steht für Einfachheit - im besten wie im schlechtesten Sinne. Für aufwendiges Beat-Gefrickel und undurchsichtige Reimstrukturen, also für Kinderzimmer Productions, ist kein Platz - anpassen nicht möglich. Dabei darf man nicht verwechseln: Die KiZi, so eine gerne verwendete Abkürzung für die Band, machen keinen Emo-Rap, wie er nur wenig später erfolgreich war. Auch verfolgte man nie einen dezidiert politischen oder sonstig verbissenen Ansatz. Party-Rap war das ebenso nicht.

Kein "Wir sind zurück!"

Eigentlich ist es viel einfacher. Und viel komplizierter. Kinderzimmer Productions bauen aus einem Jazz-Ride-Pattern aus den 1950-ern, industriellem Fiepen und dem Bass eines Funk-Krachers Ver-, Über- und Abgedrehtes. Der studierte Kontrabassist Textor rappt darüber formschöne Reimketten und vergnügt sich in neunmalschlauem Palavern, er fordert in alter Battle-Tradition zum Kampf auf, geht in Deckung und trifft dann spitzbübisch wieder ins Schwarze. Oft ergeben KiZi-Lieder auf Anhieb keinen tiefergehenden Sinn. Es sind die Einzelheiten, die hängen bleiben. Einzelne Zeilen, markante Beat-Schleifen. Und irgendwann später dann offenbart sich das Ganze als eins.

Bevor man sich dieser Herausforderung bei "Todesverachtung To Go" stellen kann, bedarf es einer Feinjustierung des Abspielgeräts. Der Bass auf dieser Platte dröhnt von Beginn an. Die schleifenden Becken von "Baeng" legen sich über ein tiefes Wummern, und Textor verzichtet auf jede Einführung. Kein "Wir sind zurück!", kein "Habt ihr uns vermisst?", auch im späteren Verlauf nicht. Das ist keine Comeback-Party, sondern die musikgewordene Ignoranz gegenüber einer langen Abwesenheit. Mit großer Überzeugung und konsequent anschließend an das bisherige Oeuvre stampft und klirrt es durchgängig. Wer die früheren Platten nicht kennt und daher auch nicht weiß, worin der Charme der Ulmer zu suchen ist, dem wird es hier nicht leicht gemacht.

Was fremd war, bleibt fremd

"Was soll das werden?", fragt ein Sample-Fetzen am Anfang von "I Don't Mind" - und Textor bleibt eine zufriedenstellende Antwort schuldig. "Mir ist egal, ob du voll drauf bist oder voll daneben. Nervt dich das? Mach doch was dagegen!" Anspielungen sind dies höchstens, und manchmal meint man, es gehe vielleicht einfach nur um die gewitzte Wortfolge, punktgenau und flockig gesetzt als Ausgleich zum musikalischen Wahnsinn: "Die Welt dreht sich weiter wie ein Berliner Dönerspieß, Spießbürger schlafen nachts, Hipster sind nachtaktiv / Einige sind abstoßend, andere attraktiv, für das, was ich auslöse, gibt es noch kein Adjektiv" ("Watch Me"). Kinderzimmer Productions' achte Platte bringt auch alte Fans ins Wanken - selbst den eingefleischtesten könnte etwa der kakofonische, fast gänzlich Loop-freie Titeltrack Probleme bereiten. Die Konsequenz und die Chuzpe, die über diesem Album stehen, suchen allerdings auch in der heutigen, weit offenen Rap-Landschaft ihresgleichen.

Kinderzimmer Productions - Boogie Down