Zweispurig unterwegs

Ja, Reinhard Mey ist noch da. Der vielleicht bekannteste deutsche Liedermacher legt nach seinem letzten Werk "Mr. Lee" (2018) ein besonderes Doppelalbum vor, das mit kleinen Akustiksongs und filigranen Arrangements gleichermaßen glänzt.

Ja, Reinhard Mey ist noch da. Der vielleicht bekannteste deutsche Liedermacher legt nach seinem letzten Werk "Mr. Lee" (2018) ein besonderes Doppelalbum vor, das mit kleinen Akustiksongs und filigranen Arrangements gleichermaßen glänzt.

Einen wie Reinhard Mey muss man nicht vorstellen. Der Liedermacher aus Berlin mit der eindringlich-weichen, manchmal bebend-ehrlichen Stimme, der unzählige Auftritte absolviert und seit 1967 geschätzte 60 Alben auf Deutsch, Französisch, Niederländisch und Englisch veröffentlicht hat, ist über den Ikonenstatus längst hinaus. Zum Musiker-Helden wurde er auch durch sein gesellschaftliches Engagement, gegen soziale Missstände und Tierquälerei (Mey ist seit Langem Vegetarier), für die Rettung von Schiffbrüchigen, was natürlich auch in seinen Songtexten immer wieder Raum einnimmt.

Obwohl man 77-jährigen Männern mit Konzertgitarre und einem flotten Picking gemeinhin nicht mehr viel Zeitgeist zutraut, ist gerade Mey in Corona-Zeiten besonders präsent. Ein Wohnzimmerkonzert und ein Terrassenkonzert stellte Mey zuletzt ins Netz, das Foto-Video zum neuen Song "Das Raunen in den Bäumen" erreichte innerhalb eines Tages immerhin 11.000 Aufrufe bei YouTube - ein Künstler in Rente sieht anders aus. Beweisen aber muss Mey nichts mehr, und deswegen darf sich einer wie er auch ein besonderes, etwas spleeniges Werk wie "Das Haus an der Ampel" gönnen. Mey nahm das Doppelalbum mit Manfred Leuchter und Jörg Surrey in den Berliner Teldex-Studios auf - 32 Songs auf zwei CDs, die äußerst unterschiedlich, aber doch immer typisch Reinhard Mey sind.

Das Beste aus zwei Welten

Beide Tonträger enthalten die gleichen Songs, allerdings in unterschiedlichen Arrangements. Während "Das Album" ein ausproduziertes Studioalbum (inklusive des Bonussongs "Scarlet Ribbons" mit Tochter Victoria-Luise) ist, mit vollem Sound, einigen E-Gitarren-Licks und Streichern, handelt es sich bei "Skizzenbuch" um die rohe, unbearbeitete Variante des gleichen Albums. Hier sind die Songs in ihrer ursprünglichen Form zu hören; nur eine Stimme und eine Gitarre. Inhaltlich gibt es viel Melancholie, aber auch vieles, das Mut macht, und überhaupt natürlich - wie immer - kluge und poetische Texte, die Mey auch im fortgeschrittenen Alter noch hervorragend umzusetzen weiß.

Für Folk-Puristen und Mey-Fans bietet dieses Doppelalbum also das Beste aus zwei Welten, wobei die nackte Variante eines Songs wie "Wir haben jedem Kind ein Haus gegeben" ebenso Gänsehaut erzeugt wie die ausproduzierte Version. Überdies schlägt Mey hier einen Bogen zwischen verschiedenen Epochen seiner Karriere, in der es neben opulent-modernen Alben immer auch sehr reduzierte Platten gab. Für Fans auch interessant: Die CD-Variante enthält ein üppiges, 28-seitiges Booklet, und daneben ist auch noch eine limitierte Edition in Buchgröße mit vielen Fotos aus Meys Privatarchiv (112 Seiten mit mehr als 260 Fotos) erhältlich.

Reinhard Mey - Das Raunen in den Bäumen