Zwischen Club und Spülbecken

Nadine Shahs viertes Album "Kitchen Sink" ist eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Weiblichkeit und Sexismus. Die britische Musikerin untermalt ihre gewohnt pointierten Texte außerdem mit dem bisher komplexesten Sound ihrer Karriere.

Der Titel "Kitchen Sink" verweist auf eine künstlerische Bewegung innerhalb des britischen Sozialrealismus - Werke, die das Leben der Arbeiterklasse abbilden, wie man sie zum Beispiel mit dem Filmemacher Ken Loach assoziiert. Die enge Küche als Setting bildet einen Gegensatz zu den großen Wohnzimmern und Restaurants, in denen Geschichten über die High Society spielen. Der Begriff der "Angry Young Men", der bis heute gerne verwendet wird, wenn man über britische Kultur spricht, entstammt ursprünglich dieser Bewegung der 50er- und 60er-Jahre.

Nadine Shahs musikalische Sozialisation hat nicht in einer Küche, sondern in einem Jazzclub im Londoner Viertel Soho stattgefunden. Wut hat in ihrem Schaffen schon immer eine Rolle gespielt, doch Schah steht nicht in der Tradition der wütenden Arbeiterjungen. Auf dem 2013er-Debütalbum "Love Your Dum And Mad" bearbeitete sie verflossene Liebschaften ohne jegliche unterwürfige Wehmut. Stattdessen klagte sie toxisches männliches Verhalten an und schmiedete Rachepläne.

"Kitchen Sink", ihr inzwischen viertes Album, setzt sich nun mit Frauenbildern und Sexismus-Erfahrungen auseinander. Obwohl man diesbezüglich gut wütend sein kann, klingt das Album beschwingter als der Vorgänger "Holiday Destination" (2017), eine Abrechnung mit der Politik von Donald Trump und den britischen Brexiteers. Über Männer, die nicht in der Politik sind, muss man eben manchmal auch lachen - zum Beispiel, wenn sie eine 34-jährige Frau schon als "Cougar" bezeichnen, die vermeintlich nur im Club sein kann, um Jagd auf jüngere Männer zu machen, wie es Shah auf dem Opener "Club Cougar" beschreibt. Im Outro des Songs ist Percussion-begleitetes Hinterhergepfeife zu hören.

Zwischen Talking Heads und stolperndem Jazz-Rock

Auf dem darauffolgenden Song "Ladies For Babies (Goats For Love)" geht es um die widersprüchlichen Erwartungshaltungen, die Männer an ihre Partnerinnen haben, je nachdem, in welchem Kontext diese nun gerade stolz präsentiert werden. Auf "Triad" singt Shah dann plötzlich vom "heiligen Bund der Ehe". Weitere Zeilen offenbaren aber, dass es auch darum geht, wie die Gesellschaft über alleinstehende ältere Frauen denkt: "Shave My Legs / Freeze My Eggs / Will You Want Me When I'm Old".

Klar ist: "Kitchen Sink" verhandelt Weiblichkeit und Sexismus aus vielen verschiedenen Perspektiven. Im Titelsong schlüpft Nadine Shah sogar in die Rolle einer traditionellen Hausfrau. Die Band baut dazu aus übersteuernden Gitarren, Bläser-Fanfaren und einer Vielzahl an Rhythmen und Rhythmusinstrumenten eine Art stolpernden Jazz-Rock. In Interviews hat Shah erzählt, dass diese neue rhythmische Verspieltheit von "Naked", dem unterschätzten letzten Album der Talking Heads, inspiriert ist. Nur vereinzelt erinnert "Kitchen Sink" noch musikalisch an die "Angry Young Men" der britischen Post-Punk-Tradition. Die Britin ist auf ihrem neuen Album in Höchstform.

Nadine Shah - Ladies For Babies