Zwischen Kirchenbank und aufgeschlitzten Autoreifen

Religion und Politik in Trumps Amerika, dazu viel Persönliches: Brittany Howard, die mit den Alabama Shakes schon für Barack Obama sang, legt mit "Jaime" ein beeindruckendes Solodebüt vor.

Als Sängerin der Bluesrock-Band Alabama Shakes errang Brittany Howard Charterfolge und Grammys, zudem sang sie schon im Weißen Haus für Barack Obama. Ihr erstes Soloalbum "Jaime" aber ist ihr persönlichstes, politischstes und bestes musikalisches Statement bis jetzt. Zu diesem Zweck hat Howard tief gegraben. Das Album beginnt mit dem jazzigen Stück "History Repeats" und einer Gesangsspur, die angeblich entstand, als sie einer Freundin zeigen wollte, wie die Software "Logic" funktioniert. Auf "Run To Me" sind Vocals zu hören, die mit dem Handy aufgenommen wurden. Derartige Elemente hätten dem Mischer eines Alabama-Shakes-Albums vielleicht schlaflose Nächte bereitet. Hier sind die Rockgitarren aber fast vollständig verschwunden. An ihre Stelle tritt ein lebhafter Mix aus psychedelischem Funk, Kirchenorgeln und noch vielem mehr.

"Georgia" ist ein queeres Liebeslied an eine Frau. "It's not unnatural", singt Howard und emanzipiert sich vom kleinstädtischen Amerika ihrer Jugend, in dem sie solche Gefühle nicht so frei hätte ausdrücken können. Auch "Goat Head" setzt sich mit der Mentalität der Menschen im südöstlichen US-Bundesstaat Alabama auseinander. "My momma was brave to take me outside / cause momma is white and daddy is black" - diese Lyrics erfordern wenig Interpretation. "When I first got made, guess I made these folks mad", ist die noch stärkere Zeile. Ihre bloße Existenz als Kind von Eltern unterschiedlicher Hautfarben war den Nachbarn so zuwider, dass ihr Vater eines Tages sein Auto mit aufgeschlitzten Reifen und einem Ziegenkopf auf der Rückbank vorfand.

Gegen Rassismus und Homphobie

Auch Religion spielt eine Rolle: "13th Century Metal" klingt wie ein Glaubensbekenntnis, allerdings eines, das sich vor allem zu Liebe und Zwischenmenschlichkeit verpflichtet. Die aufgewühlte Instrumentierung aus Trommelwirbeln und einer bedrohlich dröhnenden Orgel scheint dagegen zu arbeiten. Auf "He Loves Me" ist Howard sich sicher, dass sie von ihrem Gott auch dann noch geliebt wird, wenn sie kifft, zu viel trinkt und nicht jeden Sonntag auf der Kirchenbank zu finden ist.

Brittany Howard nutzt ihr Solodebüt, um ihre Geschichte zu verarbeiten, um Rassismus, Homophobie und unterdrückerische Auslegungen von Religion anzuprangern. Es ist persönlicher als alles, was sie je für die Alabama Shakes oder ihre Nebenprojekte Bermuda Triangle und Thunderbitch sang, und musikalisch vielschichtiger. "13th Century Metal" ist die ungewöhnlichste Nummer, mit dem Rest des Albums nur verbunden durch den ausdrucksstarken Gesang, und doch fühlt der Song sich an wie das spirituelle Herzstück, das der Angst und dem Hass in Trumps Amerika ein bisschen "All You Need Is Love" entgegenhält. Es ist zu hoffen, dass Howard noch viele Soloalben produzieren wird.

Brittany Howard - Stay High