Rollt bald auch wieder in Liga 3 der Ball? Eine Momentaufnahme

FUSSBALL CFC und FSV bereiten sich auf mögliche Fortsetzung vor

Das sehnsüchtige Warten der Fußballfans hat dieses Wochenende ein Ende: Sowohl in der 1. als auch in der 2. Bundesliga rollt nach mehr als zwei Monaten endlich wieder der Ball, wenngleich bei Geisterspielen. Bund und Länder hatten für beide Bundesligen grünes Licht gegeben. Für die Fortsetzung der 3. Liga hat das Präsidium des "Deutsche Fußball-Bund" (DFB) den 26. Mai ins Auge gefasst, muss von diesem Vorhaben allerdings vorerst Abstand nehmen, da eine politische und übergeordnete behördliche Freigabe zum jetzigen Zeitpunkt noch fehlt. Am zeitnahen Re-Start gibt es dennoch keine Zweifel, wenngleich der ursprüngliche Zeitplan etwas angepasst werden muss. Dieser beinhaltete zur Beendigung der regulären Spielzeit bis zum 30. Juni mehrere englische Wochen, für den 4. sowie 7. Juli waren Relegationsspiele vorgesehen. Im Falle von Spielabsagen stünde der 4. Juli als potenzieller Nachholspieltag zur Verfügung, mit der Folge, dass sich die Relegationsspiele auf den 7. und 11. Juli verschieben. Peter Frymuth, als DFB-Vizepräsident zuständig für die 3. Liga, kommentierte den optimistischen Plan mit der Hoffnung, "dass die gesundheitliche Situation und die bevorstehenden Entscheidungen der Politik die baldige Wiederaufnahme des Spielbetriebs auf Grundlage der von DFB und DFL erarbeiteten Hygienekonzepte erlauben."

So weit die Theorie, nur sieht die Praxis mittlerweile ganz anders aus: Innerhalb der 3. Liga ist ein heftiger Streit zwischen Vereinen, die für eine Saisonfortsetzung stimmen, und denen, welche für Abbruch plädieren, entbrannt. Täglich werden zwischen Verantwortlichen Pro- und Contra-Argumente ausgetauscht. Dazu ist ein Machtkampf zwischen DFB und Landespolitik ausgebrochen.

Ausgangslage: Am Anfang war das Meinungsbild

Eine Sitzung zwischen DFB, dem Ausschuss der 3. Liga sowie den 20 Drittligavereinen hatte Ende April folgendes Meinungsbild ergeben: Alle fünf bayerischen Klubs sowie Braunschweig, Rostock, Köln, Uerdingen und der Chemnitzer FC votierten für die Fortsetzung der Spielzeit 2019/2020. Aus Meppen und Kaiserslautern gab es eine Enthaltung. Beide Vereine wiesen allerdings darauf hin, dass ihre Entscheidung vor allem davon abhängt, ob die Saison überhaupt bis zum 30. Juni beendet werden kann. Mannheim, Magdeburg, Halle, Münster, Großaspach, Duisburg, Jena und der FSV Zwickau forderten den Saisonabbruch und untermauerten das mit finanziellen, gesellschaftlichen und moralischen Argumenten. Am Ende stimmten zehn Vereine für und acht gegen eine Fortsetzung; doch nun - mehr als zwei Wochen später - wird dieses Ergebnis hinterfragt. Mannheim und Kaiserslautern sprechen sich aufgrund der veränderten Ausgangslage für eine neue Abstimmung aus. Wäre damit die geplante Wiederaufnahme der 3. Liga in Gefahr?

Zur Erinnerung: Nur durch den überraschenden Meinungsumschwung des CFC, auf den Insolvenzverwalter Klaus Siemon entscheidenden Einfluss ausgeübt hat, kam das knappe Ergebnis zustande. Hätten die Himmelblauen - wie in dem mit sieben anderen Vereinen beschlossenem Positionspapier - für die Einstellung der Saison gestimmt, wäre es zu einer Patt-Situation gekommen. Aus Halle und Magdeburg ernteten die Sachsen für den Kurswechsel Kritik.

Hohe Hürde: Hygienekonzept

Als besonders hohe Hürde betrachten die meisten Drittligisten das umzusetzende Hygienekonzept. An diesem werden vor allem die personellen Anforderungen als organisatorische und finanzielle Herausforderung empfunden. Die Suche nach einem Hygienebeauftragten verdeutlicht das am besten. Während der Chemnitzer FC mit Dr. Jörg-Uwe Fischer, Facharzt für Orthopädie und ehemaliger Mannschaftsarzt des CFC, eine "interne" Lösung gefunden hat, versucht der FSV Zwickau nach öffentlicher Stellenausschreibung diese Posten schnellstmöglich zu besetzen. Aufgaben, die der Hygienebeauftragte übernehmen muss, sind unter anderem: Sicherstellung der im Informationshandbuch des DFB definierten Abläufe und Strukturen, Einhaltung der hygienebezogenen Maßnahmen, Entnahme der Testproben aller Personen der Testgruppe des Vereines, Organisation und Dokumentation der Zusammenarbeit mit dem zuständigen Labor, Zutrittskontrolle und Gesundheitsüberprüfung aller am Spielbetrieb im Stadion beteiligter Personen, Abstimmung besonderer Hygienemaßnahmen mit den zu Auswärtsspielen benötigten Hotels. Die Tätigkeiten nehmen, so schätzt es der FSV Zwickau ein, zirka 40 Wochenstunden ein - eine Vollzeitstelle also. Tobias Leege, Vorstandssprecher der Westsachsen, sagt zum aktuellen Stand der Umsetzung des Hygienekonzeptes: "Daran arbeiten wir, aber im Moment sind einige Punkte einfach noch nicht realisierbar. Das hat nichts mit fehlendem Willen zu tun, sondern mit den Möglichkeiten, die für viele Drittligisten begrenzt sind."

Wettbewerbsunterschiede und neutrale Orte

Ein weiterer großer Unterschied, der mittlerweile nicht mehr zu übersehen ist, stellen die unterschiedlichen Trainingsbedingungen, welche entscheidend für einen fairen Wettbewerb sind, dar. Während beispielsweise Duisburg und Rostock seit vier Wochen - zumindest in Kleingruppen - trainieren, konnten andere Mannschaften erst wesentlich später aktiv werden. Die CFC-Kicker stehen seit dem 1. Mai wieder auf dem Platz, die des FSV Zwickau gar erst seit wenigen Tagen. Die Spieler des FC Carl-Zeiss Jena dürfen zwar trainieren, allerdings maximal in Zweiergruppen, was der Verein ablehnt. Verantwortlich dafür ist das Gesundheitsamt der Stadt, welches in diesem Fall das Trainings- und Wettkampfverbot im professionellen Mannschaftssport bis zum 5. Juni verbietet.

Sollte also Ende Mai bzw. Anfang Juni wirklich der Ball in der 3. Liga rollen, dann entweder gänzlich ohne den FCC - und damit übrigens auch ohne den Chemnitzer FC, der als erstes auf das Schlusslicht treffen würde - oder an einem "neutralen Ort". Diese Option zieht der DFB diesbezüglich in Betracht. Neben Jena betrifft das ebenfalls Halle und Magdeburg, so ist in Sachsen-Anhalt bis zum 27. Mai der Trainings- und Wettkampfbetrieb untersagt. Doch damit nicht genug: Beide Oberbürgermeister - Lutz Trümper in Magdeburg und Bernd Wiegand in Halle - schließen Geisterspiele in der MDCC-Arena bzw. dem Erdgas-Sportpark aus.

Mario Kallnik, Geschäftsführer des 1. FC Magdeburg, schimpft über die DFB-Idee: "Das ist klare Wettbewerbsverzerrung und hat mit Fußball nichts mehr zu tun." Der HFC-Präsident Jens Rauschenbach schlägt in dieselbe Kerbe: "Dem DFB ist es egal, ob wir auf dem Mond oder in Weißrussland spielen." Oder - wie es der DFB vorgeschlagen hat - in der Red-Bull-Arena von RasenBallsport Leipzig. Jedoch lehnte der Bundesliga die Anfrage bereits mit folgender Begründung ab: "Aufgrund der eng getakteten Wettbewerbe ist eine zusätzliche Mannschaft in der Red-Bull-Arena nicht darstellbar."

Machtkampf zwischen DFB, Vereinen und Landespolitik eskaliert

Vergangene Woche knallte es dann so richtig zwischen DFB, Vereinen und den politischen Vertretern der Landespolitik. Reiner Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, erhob schwere Vorwürfe gegenüber dem DFB und sprach in diesem Zusammenhang von einem möglichen Lizenzentzug für seine beiden sachsen-anhaltinischen Traditionsvereine, sollten diese nicht willens sein, nach DFB-Regeln spielen: "Das können nicht die Spielregeln in unserer Gesellschaft sein", bewertet Haseloff den "unerträglichen Druck auf Politik und Vereine" durch den DFB.

Dieser antworte prompt und reagierte mit "Verwunderung". Friedrich Curtius, DFB-Generalsekretär, fasste den Inhalt das Gespräch zwischen ihm, DFB-Präsident Fritz Keller und Ministerpräsident Haseloff verklausuliert zusammen: "Vielmehr ging es darum, die Perspektive des DFB zu hinterlegen, der allein aus statuarischen Gründen dazu verpflichtet ist, alle Möglichkeiten zu prüfen, den Spielbetrieb wiederaufzunehmen." Es sei dabei weder Druck aufgebaut noch gedroht worden. Curtius versteht das Vorgehen in einigen Bundesländern dennoch nicht: "Die Mehrheit arbeitet konzentriert und engagiert an einer möglichen Saisonfortsetzung (...) Wieso ist dies überall dort möglich, aber ausgerechnet bei den Klubs nicht, die sich seit Wochen für einen Saisonabbruch aussprechen (...) Kann man nicht oder will man nicht?"

Wenn ein Koch den Brei verdirbt

Mit diesem öffentlichen Gedankengang goss Curtius weiter Öl ins Feuer - und erhöhte damit die Schlagzahl in diesem Machtspiel zwischen DFB, Vereinen und Landespolitikern. Das letzte Wort in dieser Auseinandersetzung ist definitiv noch nicht gesprochen, zumal jetzt der DFB von den Abbruchsbefürwortern bis zum 25. Mai ein klares und machbares Konzept verlangt, in dem vor allem diese Fragen zwingend zu beantworten sind: Soll es bei einem Saisonabbruch Absteiger geben? Wann soll der Spielbetrieb in der kommenden Saison beginnen? Wie geht man mit Geisterspielen um? Darüber hinaus liebäugelt der DFB damit, entstehende Regress- und Schadenersatzforderungen von Sponsoren oder TV-Partnern bei Abbruch der Drittliga-Saison auf die Vereine umzulegen. Damit wächst der Druck auf die Drittligisten erneut.

Genau in diese Diskussion mischt sich Rainer Koch, DFB-Vizepräsident Präsident sowie Präsident des "Bayerischer Fußball-Verband" (BFV), ein und verschärft ebenfalls noch einmal den Ton: "Ein Teil der Vereine der 3. Liga spielt seit Wochen ein für den Fußball in Deutschland unwürdiges Schauspiel (...) Dies ist unerträglich und nicht länger hinzunehmen."

FCM, HFC und FCC halten dagegen und dem DFB den Spiegel vor das Gesicht

Der 1. FC Magdeburg antwortete mit einem offenen Brief, in dem ein Satz besonders hervorsticht und zeigt, dass der DFB die Sonderrolle des Fußballs in der 3. Liga rücksichtslos und egoistisch durchdrücken möchte: "Vereine, welche sich an geltende Gesetze und Verfügungen unseres Landes halten und diese im Sinne der Gesundheit Ihrer zahlreichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vorschriftsmäßig umsetzen, als problemorientiert Denkende oder für Probleme sorgende Vereine darzustellen, sorgt für großes Unverständnis und lässt uns fassungslos zurück." Die mit Bedacht gewählten Worte der FCM-Verantwortlichen sollen den DFB an seinen eigenen Ethik-Kodex erinnern.

Der Hallesche FC verweist in seiner Antwort auf die behördliche Verfügungslage in Sachsen-Anhalt und verweist auf die DFB-Vorgaben, "der DFB jede Aufnahme des Spielbetriebes in der 3. Liga von der Zustimmung der Behörden abhängig" macht. In Bezug auf ein lösungsorientiertes Konzept benennt der HFC das Positionspapier, in dem jüngst "sachlich neben den aus unserer Sicht plausiblen Gründen für einen Abbruch der Saison auch sehr konkrete Vorschläge für das weitere Vorgehen eingearbeitet" wurden.

Ebenso der FC Carl-Zeiss wehrt sich mit einem offenen Brief gegen die Vorwürfe, schlägt zugleich versöhnliche Töne an und ein Konzept nach Abbruch vor. Die Thüringer sprechen sich für eine Abstiegsaussetzung sowie die einmalige Aufstockung der 3. Liga auf 24 Mannschaften in der kommenden Saison aus. In dieser soll es dann sechs Absteiger geben, um perspektivisch eine 3. Liga mit 22 Mannschaften und fünf Absteiger zu haben. Damit würden alle Meister der fünf Regionalligen direkt aufsteigen können.

Erpresserische Einmischung eines Externen

Nach Rainer Koch mischt nun mit Klaus Siemon, seit nunmehr schon zwei Jahren Insolvenzverwalter des Chemnitzer FC, ein zweiter externer Protagonist in dieser Diskussion mit. Mit "Befremden" blickt Siemon auf das Verhalten insbesondere von Magdeburg, Halle und Jena. Für den Juristen aus Düsseldorf gibt es - explizit nach dem bemerkenswerten Hygienekonzept sowie der solidarischen Übernahme zusätzlicher Kosten durch den DFB - keinerlei Ansatzpunkte, die einen Abbruch notwendig erscheinen lassen. Darüber hinaus bewertet er das Handeln der Landesregierungen in Sachsen-Anhalt in Thüringen als "rechtswidrig und willkürlich", und begründet das mit dem Art. 12 GG. "Der Profisport steht unter dem besonderen Schutz. Die Bundesländer haben deshalb die Pflicht, die Berufsausübung im Profisport zu ermöglichen (...) Thüringen und Sachsen-Anhalt müssen begründen, warum sie die 3. Liga zugunsten ihrer Vereine blockieren."

Siemon ruft aus diesem Grund die Verantwortlichen des 1. FC Magdeburg, des Halleschen FC sowie vom FC Carl-Zeiss Jena dazu auf, "gegen das offenkundig rechtswidrige Verhalten - notfalls mittels Eilanträgen - vor dem Verwaltungsgericht vorzugehen". Sollten die drei mitteldeutschen Vereine nicht auf das erpresserische Gebaren des Insolvenzverwalters eingehen, möchte dieser gegenüber den Abbruchbefürwortern Ansprüche prüfen lassen. "Als Insolvenzverwalter und Inhaber des Mutterspielrechts für den Chemnitzer FC e.V. ist es meine Pflicht", begründet er diesen Schritt. Vor gut einem Monat trat Siemon zuletzt in Erscheinung, als er mit der für ihn bekannten Vehemenz Hilfsprogramme staatlicherseits forderte.

Und wer spricht eigentlich mit den Spielern?!

Bei all den Diskussionen rund um Fortsetzung oder Abbruch werden immer wieder diejenigen vergessen, um die es eigentlich geht: die Spieler, die elf Spiele in fünf Wochen bestreiten sollen. Sören Bertram, Mittelfeldstratege des 1. FC Magdeburg, war einer der ersten Spieler, der sich dazu in der Öffentlichkeit äußerte und klar positionierte: "Der DFB will unbedingt, dass es weitergeht. Die Spieler werden zu diesem Thema aber überhaupt nicht einbezogen. Wir sind nur Marionetten." Und der 28-Jährige vergisst dabei nicht die gesundheitlichen Risiken, die beim Fußballspiel auf dem Spiel stehen: "Ich habe Angst davor, mich bei einem Spiel anzustecken. Die Gefahr ist bei vielen Zweikämpfen gegeben. Wir sind alle im Kopf nicht frei, weil wir nach einer Infektion für den Rest unseres Lebens Lungenprobleme haben könnten."

Unterstützung erfährt Bertram vom Zwickauer Davy Frick: "Was teilweise über unsere Köpfe hinweg entschieden wird, ist Wahnsinn!" Aus Sicht des 30-jährigen Innenverteidigers werde bei einer "Saison-Fortsetzung nicht nur die wirtschaftliche Existenz von Vereinen, sondern auch die Gesundheit von uns Profis leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Das scheint denjenigen, die das entscheiden, alles völlig egal zu sein".

Die 3. Liga - das Prestigeprojekt des DFB - ist zu einem Problemfall geworden. Gegenwärtig scheint eine zeitnahe, noch dazu halbwegs zufriedenstellende Lösung in weite Ferne gerückt zu sein. Zu verhärtet sind die Fronten, zu tief die Gräben. Wenn es der Profi-Fußball nicht schon längst getan hat, spätestens jetzt verspielt er seine Glaubwürdigkeit und Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.