In Würde altern: Geht das überhaupt noch?

Beruf Auch der Freistaat bleibt nicht vom Personalmangel in Pflegeberufen verschont - ein Azubi berichtet von seinen Erfahrungen

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Foto: AOK-Mediendienst

Region. Erwin Rüddel, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses, war der Meinung, dass Pflegeberufe viel zu negativ dargestellt werden. Deswegen herrsche auch ein fataler Pflegenotstand in Deutschland. Auf Twitter rief Rüddel dazu auf, doch mal über die schönen Seiten der Alten- und Krankenpflege zu schreiben. Überraschenderweise, oder auch nicht, fiel die Resonanz nicht ganz so positiv aus: unter dem Hashtag #twitternwierueddel berichten Pflegekräfte seitdem über die Missstände im Bereich der Pflege.

Pflegekräfte sind maßlos überfordert

"Wenn du morgens um 7.00 Uhr die liebe, alte Dame auf der Toilette sitzend findest, weil die Nachtschwester ihr um 02.08 Uhr gesagt hat, sie komme gleich wieder. Und sie es vor lauter Arbeit vergessen hat."

"Jackpot! Spätdienst mit 34 Patienten alleine bestreiten. Noch zwei Verlegungen von der ITS und ein Patient gibt Brustschmerzen an. Mal sehen, wer zuerst aufgibt, die Patienten oder ich."

"Eine vollkommen klare, aber körperlich eingeschränkte Bewohnerin in eine Windel packen müssen, weil keine Zeit dafür ist ihr auf die Toilette zu helfen. Und sie dann durch den Zeitmangel im Urin sitzen zu lassen. Toll, diese Pflege!"

Das sind nur ein paar der erschreckenden Beiträge, die vor kurzem in dem sozialen Netzwerk veröffentlicht wurden. Doch sind die Bedingungen in Alten- und Pflegeheimen tatsächlich so schlimm? BLICK unterhielt sich mit einem jungen Mann, der momentan eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger macht.

Jonas (19) berichtet von seinen Erfahrungen

Jonas ist einer der wenigen, der sich für die Arbeit im Bereich der Pflege entschieden hat. Denn in Sachsen kommt laut der Leipziger Volkszeitung. auf zehn freie Plätze nur ein geeigneter Bewerber. Der 19-Jährige macht derzeit eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger in Chemnitz. Später möchte er gerne mit behinderten Personen arbeiten, da diese einem Verständnis und auch Zuneigung entgegenbringen.

Momentan ist er aber in einem privaten Altenpflegeheim tätig. Dort kümmert er sich um die wichtigsten Bedürfnisse der Bewohner - Nahrungsversorgung, Toilettengänge oder auch Türen aufhalten stehen dort auf dem Programm. Jonas weiß um den Personalmangel in Pflegeberufen: "Das ist überall so." Vor vier Wochen hätte er eigentlich Ferien gehabt, allerdings fehlten Leute, sodass er kurzfristig einspringen musste.

Je sozialer der Beruf, desto problematischer das Gehalt

Um solche Berufe vor allem für junge Menschen attraktiver zu machen, muss sich seiner Meinung nach vieles ändern: vor allen Dingen sollten soziale Berufe mehr Lohn bekommen. Jonas bekommt während seiner Ausbildung keine Vergütung - ganz im Gegenteil. Er muss dafür bezahlen. Klar, dass das viele potenzielle Bewerber unter Umständen abschreckt. Im letzten Jahr hat das Bundeskabinett allerdings eine Erhöhung des Mindestlohns für Pflegekräfte festgelegt. Bis 2020 soll das Gehalt im Osten auf 10,85 Euro pro Stunde (brutto) erhöht werden. "Das ist, auf den Tag gerechnet, nicht viel", sagt Jonas. Man leistet körperlich und geistig viel mehr, als letztendlich bezahlt wird, wie er findet. Vor allem für Angestellte mit Familien sei das Gehalt bei weitem nicht ausreichend.

Pflegeheim-Ketten haben keinen guten Ruf

"An meinem momentanen Arbeitsplatz habe ich noch nicht erlebt, dass Senioren respektlos behandelt werden", versichert Jonas. Das liegt aber seiner Meinung nach auch daran, dass dort nur um die 50 Personen leben. Für acht Bewohner hat er am Morgen etwa vier Stunden Zeit - da bleibt auch mal genug Freiraum für ein kleines Pläuschchen. Er weiß aber auch, dass das nicht unbedingt der Normalfall ist. In Pflegeheim-Ketten steht den Angestellten oftmals viel weniger Zeit zur Verfügung. Eine Bekannte von Jonas arbeite in so einer Unterkunft - sie hätte für etwa 15 Bewohner nur rund zwei Stunden zur Verfügung.

Solche Ketten versuchen natürlich Profit zu machen - manchmal würdem dann auch Abstriche bei der medizinischen- oder Nahrungsversorgung gemacht. "Sowas kann einfach nicht sein! Das Geld müsste eigentlich neu investiert werden, vor allem in solchen sozialen Berufen", sagt Jonas.

Wir brauchen grundlegende Änderungen

Es gibt Missstände. Das kann man nicht bestreiten. Pflegekräfte sind überfordert - zu wenig Zeit und zu viele Bewohner. Diesen Umstand kann man zumindest den zahlreichen Twitter-Beiträgen zum Thema entnehmen. Allerdings scheint es von Pflegeheim zu Pflegeheim sehr unterschiedlich zu sein. Jonas arbeitet momentan in einem privaten Pflegeheim, dort wird sich individuell um jeden Bewohner gekümmert. Doch nicht jeder kann sich so eine Unterkunft leisten.

Eines ist klar: Sachsen braucht mehr junge Leute, die einen Beruf in der Pflege anstreben. Doch bevor das geschehen kann, müssen sich grundlegende Dinge ändern. Da reicht es nicht, positiver über den Beruf der Pflegekraft zu reden, so wie Erwin Rüddel es vorgeschlagen hat.