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Chemnitz

Tests und Corona-Zahlen: "Das passt nicht mehr aufeinander"

Corona Sachsen fährt wieder runter - Bürgermeister und Wissenschaftler kritisieren Inzidenzwert als Maß aller Dinge

Sachsen. 

Sachsen. Kommt jetzt, was viele im Vorfeld schon befürchtet hatten? Lockdown in Dauerschleife? Öffnen, schließen, öffnen, schließen - je nachdem, wie hoch der sogenannte 7-Tage-Inzidenzwert ist? Übersteigt er 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner ist erstmal wieder Schicht im Schacht. Heißt: Die Anfang März beschlossenen Lockerungen werden zurückgenommen. Nachdem im Vogtlandkreis, dem Erzgebirgskreis und im Landkreis Zwickau der Grenzwert von 100 überschritten wurde, ist nun auch Chemnitz betroffen. "Da mit dem heutigen Tag der Sieben-Tage-Inzidenzwert von 100 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in Chemnitz an drei aufeinanderfolgenden Tagen überschritten wurde, müssen die Lockerungen ab Freitag wieder aufgehoben werden", hieß es Mitte der Woche in einer Mitteilung der Stadt. Ministerpräsident Michael Kretschmer sieht sich in seinen Befürchtungen, die er während der letzten Bund-Länder-Schalte äußerte, bestätigt. Derweil protestieren immer mehr Experten und Kommunalpolitiker gegen die Inzidenzregel als Maß aller Dinge.

Kretschmer sieht Bedenken bestätigt

"Ich glaube, Deutschland geht zu schnell und auch zu weit in der Öffnung", sagte Sachsens Landeschef noch vor einer Woche. Jetzt sieht er seine Bedenken bestätigt: "Wir müssen heute feststellen, dass die Situation sich genauso schwierig und zunehmend außer Kontrolle geratend darstellt, wie ich es am 3. März befürchtet habe", sagt Kretschmer am Mittwoch in einer Videokonferenz mit Stadtoberhäuptern aus dem Erzgebirge "Die Infektionszahlen steigen. Das ist die Dritte Welle, die durch die wesentlich ansteckenderen Corona-Varianten entsteht. Wie schnell sich das Blatt wendet, kann an vielen Stellen in Deutschland beobachtet werden. Wenn das System der grundlegenden Kontaktvermeidung verlassen werden solle, müssten andere Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden", warnte er bereits vor den Beschlüssen der letzten Ministerpräsidenten-Konferenz. Da sich die Impfgeschwindigkeit kaum erhöhen ließe, könne derzeit nur die Erhöhung der "freiwilligen und verpflichtenden Tests" helfen, die Infektionszahlen zu kontrollieren.

Je mehr Tests, desto höher die Inzidenz-Werte?

Aber genau diese Tests und das gleichzeitige Festhalten an Inzidenzwerten stoßen wiederum bei Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern in den betroffenen Landkreisen und Städten auf harte Kritik. Die Vergleichbarkeit der Inzidenz-Werte sei nicht möglich, weil sich im Laufe des vergangenen Jahres die Teststrategie mehrfach geändert habe, kritisieren die Stadtoberhäupter im Erzgebirgskreis in einem offenen Brief die aktuelle Corona-Politik der Landesregierung. Im Frühjahr 2020 seien nur Menschen mit Symptomen getestet worden, im Herbst dann auch Kontaktpersonen ohne Anzeichen einer Erkrankung. Bei den nun breit angelegten Tests müsse man die zusätzlich ermittelten Fälle in ein angemessenes Verhältnis setzen. Schneebergs Bürgermeister Ingo Seifert gegenüber dem MDR: "Auf der einen Seite sagt man, das Testaufkommen muss erhöht werden." Das bringe zwangsläufig mehr positive Testergebnisse. "Auf der anderen Seite hält man an diesen festen Zahlen 100, 50 und 35 fest. Das passt nicht mehr aufeinander."

Breite Kritik am Inzidenzwert

Zahlreiche Wissenschaftler kritisieren schon seit langem den Inzidenzwert als Maß aller Dinge. So werde zum Beispiel nicht angezeigt, welche Altersgruppen infiziert sind. Das wäre aber wichtig, weil ältere Menschen stärker gefährdet sind, jüngere weniger. Außerdem hängt die Zahl der ermittelten Infizierten von der Zahl der insgesamt getesteten Personen ab. Es sei besser, "repräsentative Kohorten" zu beobachten und zu testen, meint der Chef des Sachverständigenrats im Gesundheitswesen, Ferdinand Gerlach. "Wenn wir wissen, wie groß das Infektionsrisiko am Arbeitsplatz, in der Schule, beim Einkaufen, im Kino, im Museum oder im öffentlichen Verkehr ist, können wir gezielter reagieren und müssen nicht eine ganze Volkswirtschaft herunterfahren", erklärte der Spahn-Berater. Notwendig sei eine nach Altersgruppen ausgerichtete Inzidenzanalyse als Frühwarnsystem. Aus dem Kreis der Berliner Amtsärzte hieß es bereits Mitte Februar, es sei ein "großer Unterschied", ob eine 7-Tage-Inzidenz von 100 herrsche, alle Infizierten symptomfreie Kinder und Menschen über 80 schon durchgeimpft seien oder ob bei einer Inzidenz von 100 vor allem Risikogruppen betroffen seien. Danach müsse man die politischen Maßnahmen ausrichten.

Kretschmer hält an Kurs fest

Die aktuellen politischen Maßnahmen werden auch im offenen Brief der Kommunalpolitiker aus dem Erzgebirge kritisiert: "Das komplette - undifferenzierte - Herunterfahren ganzer Branchen oder Lebensbereiche über Monate hinweg erweckt mit zunehmender Dauer eher den Eindruck einer Plan- und Hilflosigkeit." Zwar ist auch für Kretschmer der Inzidenzwert nicht das Maß aller Dinge, dennoch hält er an seinem Kurs fest und sieht nach wie vor keinen Grund für Lockerungen. Im Gegenteil, man bewege sich derzeit auf einem sehr dünnen Eis und könne bei jedem Schritt einbrechen: "Es ist nur deswegen noch nicht zum Ertrinken gekommen, weil wir noch nahe genug am Rand sind. Aber wir werden den Teich nicht durchschreiten können", sagte er am Mittwoch. Schon kleinste Veränderungen im Verhalten der Bevölkerung würden sofort für ein anderes Infektionsgeschehen sorgen. "Mobilität und Kontakte sind die entscheidenden Größen in dieser Pandemie."



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