Heimkehr mit Hindernissen

Popcorn-Autorenfilmer Christopher Nolan will es wissen: In "Die Odyssee" erzählt er eines der wirkmächtigsten abendländischen Heldenepen mit viel Hollywood-Prominenz und großer formaler Schlagkraft nach. Inhaltich ist jedoch längst nicht alles ausgereift.

Schon erstaunlich: Obwohl die Homer zugeschriebene "Odyssee" zu den einflussreichsten Heldenerzählungen der abendländischen Kultur gehört, ist das Werk in seiner Gesamtheit bislang nur selten für die große Leinwand adaptiert worden. 1954 erschien der Monumentalfilm "Die Fahrten des Odysseus" mit Kirk Douglas in der Rolle des antiken Kriegers auf Reisen. Mehr als 70 Jahre später tritt nun Matt Damon in seine Fußstapfen.

Mit Christopher Nolan hat sich ein Regisseur und Drehbuchautor an den klassischen Stoff herangetraut, der den Ruf genießt, Anspruch und Blockbuster-Erfordernisse geschickt zu verbinden. In seiner Batman-Trilogie (2005 bis 2012) etwa ließ er das Superheldenkino in eher unbekannte psychologische Abgründe blicken, blieb das erwartete Spektakel aber keineswegs schuldig. "Tenet" (2020), ein während der Covid-Pandemie veröffentlichter Mix aus Science-Fiction- und Agententhriller, wiederum spielte, wie nicht wenige Arbeiten im Schaffen Nolans, kreativ mit dem Aufbau der Geschichte.

Jetzt also: "Die Odyssee". Ein Großepos, das wie gemacht scheint für den in London geborenen Filmemacher, der nach seinem Kassenschlager "Oppenheimer" aus dem Jahr 2023 einmal mehr ungewöhnlich großen Gestaltungsraum erhielt. Im notorisch kontrollwütigen Hollywood hat sich Christopher Nolan schon vor längerer Zeit eine Position erkämpft, von der viele Kollegen nur träumen können.

Gefahren, überall Gefahren

Wie man es von ihm gewohnt ist, springt seine Interpretation des antiken Textes munter zwischen den Zeiten hin und her. Aus den Gesprächen, die Odysseus (Damon), der griechische König der Insel Ithaka, mit der ihn festhaltenden Nymphe Kalypso (Charlize Theron) führt, entspringen regelmäßig Flashbacks: Langsam erinnert sich der derangierte Kämpfer daran, was ihm und seiner Mannschaft nach dem Ende des Trojanischen Krieges widerfuhr. Die geplante Heimreise verzögerte sich dramatisch, da die Crew auf dem Meer die Orientierung verlor und bei Landgängen immer neuen Gefahren ins Auge blickte. Einäugige Riesen, Poseidons Wut und Hexenzauber sind nur einige der Herausforderungen, die es zu meistern galt.

Während der Troja-Veteran bei Kalypso immer klarer auf die vergangenen Geschehnisse schaut, macht sich Odysseus' Sohn Telemachos (Tom Holland) auf die Suche nach seinem verschollenen Vater. Penelope (Anne Hathaway), die Ehefrau des vermissten Herrschers, muss sich derweil zahlreichen aggressiven Werbern widersetzen, darunter der besonders vorlaute Antinoos (hat Spaß, den Schmierlappen zu geben: Robert Pattinson). Sie alle halten Odysseus für tot und schielen gierig auf den vakanten Thron, wobei sie die Gastfreundschaft nach Zeus' Gesetz schamlos ausnutzen. Auf Kosten der Königsfamilie lassen sie es sich am Hof gutgehen.

Neben den Irrfahrten des Odysseus gibt es auch Rückblenden und Schilderungen über die Ereignisse im Trojanischen Krieg. Konkret: die bekannte List mit dem hölzernen Pferd, das die Trojaner für ein Geschenk halten und daher in ihre Stadt ziehen. Bei Nacht entsteigen ihm jedoch Soldaten unter dem Befehl des Königs von Ithaka. Der Anfang vom Ende Trojas!

Szenen wie diese zählen zu den atmosphärischen Höhepunkten von Nolans Verfilmung, unterstreichen, wie souverän der Regisseur seine Mittel beherrscht. Die Bilder der im Inneren des Holzgebildes zusammengepferchten Männer, dazu der hämmernd-pulsierende Score von Ludwig Göransson - schon entsteht maximale Intensität. Die Wucht der Elemente, das Knarzen der Schiffsruder, Geräusche generell schwappen derart laut in den Saal, dass es einen stellenweise rettungslos mitreißt. Kino der Überwältigung in Reinform, passend zur unglaublichen Reise des Protagonisten.

Analoges Filmemachen

Erfreulich auch, wie erdig, wie bodenständig der Film trotz seiner Fantasy-Elemente, seiner Monsterauftritte wirkt. Gedreht auf komplett analogem Material und an vielen echten Schauplätzen rund um den Globus, hebt sich "Die Odyssee" positiv ab von den oft so künstlich wirkenden Superheldenabenteuern mit ihren digitalen Bilderfluten. Bei Nolan passiert so viel wie möglich am Set - das spürt man deutlich.

Während der Regisseur die Inszenierung im Griff hat, ist er in seiner Haltung zur Hauptfigur allerdings seltsam unentschlossen. Einerseits macht er Anstalten, am Heldenstatus des Odysseus zu kratzen, von blinder Wut, menschlichem Größenwahn und dem nachhallenden Schrecken des Krieges zu erzählen. Andererseits feiert der Film aber gerade gegen Ende Odysseus' Leistungen und sein Image als zupackender, keinem Konflikt aus dem Weg gehender Anführer. Die Zweifel, die dunklen Flecken, die Nolan eigenem Bekunden nach an ihm so spannend findet, kommen dadurch bloß sporadisch zur Geltung.

Was man dem Regisseur zudem häufiger vorwirft, gilt mit Abstrichen auch in diesem Fall: Angesichts der Übermacht von Ton und Bildern gehen die emotionalen Momente manchmal unter, erscheinen aufgepfropft. Telemachos' persönliche Entwicklung beispielsweise kann nicht aus dem Schatten von Odysseus' Geschichte heraustreten. Hängen bleibt nach rund drei Stunden kernigen Abenteuerspektakels, das sich keineswegs so lang anfühlt, überdies die irrwitzige Starpower. Selbst kleine Nebenrollen sind mit Leinwandgrößen besetzt. Schauspielerische Klasse wird dabei mitunter regelrecht verschwendet. Zendaya als Göttin Athene, Mia Goth als verschlagene Dienerin Penelopes oder Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong'o in einem Zwillingspart bekommen überraschend wenig zu tun. Dass sie dennoch Nolans Ruf gefolgt sind, spricht dann aber auch für sich.

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