Als in einer Vogtländer Werkstatt der Funke übersprang: Zwei Freunde, zwei Oldtimer, 3.100 Kilometer Abenteuer

Was mit einem Feierabendbier und einem Handschlag im Vogtland begann, wurde mit einer BMW R35 und einer Touren-AWO zu einer Reise über Freundschaft, Leidenschaft, Vertrauen in alte Technik und den Mut, einfach loszufahren.

Klingenthal, Tannenbergsthal

Manche Reisen beginnen am Schreibtisch. Zwischen Hotelportalen, Navigations-Apps und einer Liste mit Sehenswürdigkeiten. Alles ist geplant, jeder Tag durchgetaktet, jede Unterkunft Wochen vorher gebucht.

Und dann gibt es Reisen wie diese.

Ein Bier, ein Gedanke, ein Handschlag - Der Funke sprang in der Werkstatt über

Sie beginnen mit einem Feierabendbier. Mit dem Geruch von Motoröl in einer Werkstatt. Mit zwei Freunden, die eigentlich nur darüber nachdenken, wohin die nächste gemeinsame Tour führen könnte.

Irgendwann fällt ein Name.
Hermannstadt. „Weißt du eigentlich, wo das liegt?“
Die Antwort kommt fast ohne Nachdenken.
„Das klingt nach Siebenbürgen in Rumänien. Da wollte ich schon immer mal hin!“

Mehr brauchte es nicht.
Ein breites Grinsen. Ein fester Handschlag. Ein kurzer Blick in die Augen.
Der Plan stand.

So entstehen die besten Geschichten...

Zwei Männer, zwei Maschinen – und jede Menge Herzblut

Die beiden sind keine Abenteurer aus dem Fernsehen. Keine Influencer mit Sponsoren oder Begleitfahrzeug. Es sind zwei bodenständige Vogtländer, die ihr Geld mit ehrlicher Handarbeit verdienen und Maschinen nicht nur fahren, sondern verstehen.

Jörg Meyer (40) arbeitet als CNC-Fräser und Mechaniker, Oliver Möckel (46 Jahre) als Ingenieurbaupolier. Beide verbindet die Leidenschaft für historische Motorräder – und das Vertrauen in Technik, die längst nicht mehr selbstverständlich ist. Wer mit einer BMW R35 von 1947 und einer Touren-AWO von 1955 unterwegs ist, verlässt sich nicht auf Assistenzsysteme. Er verlässt sich auf Erfahrung, Werkzeug und den Mann, der neben ihm fährt.

Wenn Vorfreude in der Werkstatt wächst

Die Wintermonate wurden genutzt, um genau dieses Vertrauen noch einmal zu stärken. Jede Schraube wurde kontrolliert, Verschleißteile ersetzt, Ersatzteile zusammengestellt. Dazu kamen Reiseberichte anderer Rumänienfahrer, die verschlungen wurden wie spannende Abenteuerromane. Je näher der Mai rückte, desto größer wurden Vorfreude und Respekt.

Zwischen Rückhalt und Kopfschütteln

Die Familien wussten längst Bescheid. Ohne ihr Einverständnis hätte es diese Reise nie gegeben. Sie kannten den Plan, unterstützten ihn – und wussten gleichzeitig, dass zwei Wochen auf Motorrädern aus den Jahren 1947 und 1955 immer auch ein kleines Restrisiko bedeuten. Vertrauen gehörte deshalb zum Reisegepäck, lange bevor Werkzeug und Ersatzteile in den Packtaschen verschwanden.

Im Freundeskreis dagegen überwog zunächst das Kopfschütteln.

„Ihr spinnt doch!“

Diesen Satz hörten die beiden häufiger als jede andere Reaktion. Einige äußerten Zweifel, andere konnten den Plan überhaupt nicht nachvollziehen. Wieder andere lächelten nur und gaben zu, dass sie selbst schon lange von einer solchen Reise träumten – sich bislang aber nie den entscheidenden Ruck gegeben hatten.

Vielleicht braucht es für ein echtes Abenteuer gar nicht so viel Mut. Manchmal reicht schon die Bereitschaft, eine verrückte Idee einfach nicht wieder loszulassen.

Alte Motorräder - Große Träume - Umgesetzt in die Realität

Am 9. Mai war es schließlich so weit.

Die Packtaschen waren gefüllt, allerdings anders, als man es von modernen Motorradreisen kennt. Vier T-Shirts, vier Unterhosen, vier Paar Socken, Regenkleidung und ein Schlafsack für den Notfall – viel mehr Kleidung brauchte es nicht. Den größten Teil des Stauraums belegten ohnehin Werkzeug, Bowdenzüge, Zündkerzen, Schrauben und Ersatzteile.

Man fährt schließlich nicht mit einem achtzig Jahre alten Motorrad los und hofft einfach, dass schon alles gutgehen wird.

Man bereitet sich vor.

Und trotzdem weiß man, dass unterwegs immer etwas passieren kann.

Vor den beiden lagen vierzehn Tage, sechs Länder und am Ende genau 3.100 Kilometer.

Die Heimat verschwand im Rückspiegel

Klingenthal verschwand langsam im Rückspiegel. Die ersten Kilometer führten durch Tschechien, weiter nach Österreich und durch Wien. Anschließend ging es über Bratislava entlang der Donau nach Ungarn, mitten hinein in das geschäftige Zentrum von Budapest. Zwischen Straßenbahnen, Autos und hupendem Verkehr wirkten die beiden historischen Motorräder fast wie eine Zeitreise auf zwei Rädern.

Der Alltag blieb hinter Budapest zurück

Je weiter die Reise nach Osten führte, desto mehr veränderte sich die Welt um sie herum.

An der Grenze nach Rumänien verschwand nicht nur die mitteleuropäische Zeitzone. Es war auch der Moment, in dem beide spürten, wie weit sie sich inzwischen von zu Hause entfernt hatten.

Der Alltag blieb irgendwo hinter Budapest zurück.

Die Stadt Oradea empfing die beiden mit liebevoll restaurierten Fassaden, lebendigen Straßencafés und einer Atmosphäre, die sofort Lust auf mehr machte. Von dort führte die Route weiter nach Turda und schließlich nach Hermannstadt – jenem Ort, dessen Name Monate zuvor in einer Werkstatt den ersten Funken ausgelöst hatte.

Eigentlich war Hermannstadt das Ziel.

Begegnungen statt Reiseführer

Die schönsten Erinnerungen sammelten die beiden bei den Menschen. Schon in Ungarn fanden sie sich nach einem spontanen Interview am nächsten Tag in einer Tageszeitung wieder.

In Rumänien sorgten die historischen Motorräder überall für Gesprächsstoff. Ein Taxifahrer, selbst AWO-Besitzer, konnte die Reise kaum glauben und ging scherzhaft vor den beiden auf die Knie. Andere schenkten ihnen selbst gebrannten Schnaps oder luden sie auf ihren Bauernhof ein – inklusive Käseverkostung und Nachtquartier.

Kleine Momente, große Wirkung

Schneebedeckte Gipfel, urige Dörfer und winkende Menschen prägten die Reise ebenso wie kleine Begegnungen. Drei rumänische Kinder durften auf den Oldtimern Platz nehmen und einmal am Gasgriff drehen – eine Freude für beide Seiten.

Überraschungen am Wegesrand

Eine Straßensperre wurde mit einer Zigarette und einem Augenzwinkern passiert. In der Slowakei verschenkte ein englischer Motorradfahrer spontan Aufnäher seines Indian-Motorcycle-Clubs. Skurril wurde es schließlich in einem tschechischen Hotel mit Wehrmachtspanzer im Vorgarten, Motorradsammlung, Waffenladen und Schießstand direkt neben der Rezeption.

Eindrücke, die bleiben

Nachdenklich stimmten die Roma-Siedlungen in der Ostslowakei. Solche Lebensverhältnisse, sagen die beiden, könne man erst begreifen, wenn man sie selbst gesehen habe.

Der Weg ist das Ziel

Unterwegs wurde beiden schnell klar, dass Ziele überschätzt werden.

Denn die schönsten Erinnerungen entstehen selten dort, wo man ankommt.

Sie warten am Straßenrand.

Man reist anders, wenn der Motor Geschichte erzählt

Moderne Motorräder beeindrucken mit Leistung, Elektronik und Komfort. Sie verschlingen Kilometer beinahe lautlos.

Eine Touren-AWO oder eine BMW R35 tun genau das Gegenteil.

Sie erzählen bei jedem Zündschlag ihre eigene Geschichte.

Man fährt nicht einfach durch eine Landschaft.

Man ist Teil von ihr.

Das Leben spüren auf zwei Rädern

Man riecht frisch gemähte Wiesen, lange bevor man sie sieht. Man bemerkt, wenn die Luft kühler wird, weil hinter der nächsten Kurve ein Wald beginnt. Und wenn nach einem Regenschauer der Asphalt langsam wieder trocknet, steigt dieser ganz besondere Geruch auf, den wohl jeder Motorradfahrer kennt.

Teilweise zeigte das Thermometer gerade einmal sechs Grad. Wind und Regen machten einzelne Etappen anstrengend. Doch gerade diese Tage gehören im Rückblick zu den schönsten. Denn sie zeigen, dass Freiheit nicht immer sonniges Postkartenwetter braucht.

Sie braucht nur den Mut, trotzdem weiterzufahren.

Und genau das taten die beiden. Jeden Tag. Ohne fest gebuchte Hotels.

Ohne zu wissen, wo sie am Abend schlafen würden.

Der schönste Plan war keiner

Morgens wurde die Karte aufgeschlagen, überlegt, diskutiert und entschieden. Mehr Planung brauchte es nicht. Für alle Fälle lagen Schlafsack und Isomatte auf den Motorrädern. Falls sich keine Unterkunft finden würde, wäre eben irgendwo unter freiem Himmel übernachtet worden.

Dazu kam es glücklicherweise nie.

Aber allein die Möglichkeit machte den Kopf frei.

Der erste Härtetest

Eigentlich hätte die Reise schon am Start scheitern können.

Noch bevor überhaupt die ersten Kilometer gefahren waren, verabschiedete sich an der BMW die Lichtmaschine.

Für viele wäre das der Moment gewesen, an dem die Tour abgesagt worden wäre.

Nicht für die beiden.

Der Bruder eines Fahrers wollte sie ohnehin ein Stück begleiten – ebenfalls auf einer baugleichen BMW. Also wurde kurzerhand dessen Lichtmaschine ausgebaut, in wenigen Minuten umgebaut und die Reise konnte beginnen.

So einfach.

So pragmatisch.

Genau so, wie Schrauber Probleme eben lösen.

Schrauben statt verzweifeln

Etwa 250 Kilometer später wartete bereits die nächste Überraschung. Mitten im tschechischen Budweis ließ sich an der AWO plötzlich kein Gang mehr einlegen. Ursache war eine gebrochene Schaltfeder im Getriebe.

Also hieß es wieder: Werkzeug raus.

Hände schmutzig machen.

Straßenrand statt Werkstatt.

Eine gute Stunde später lief die Maschine wieder, als wäre nichts gewesen.

Alte Technik, großer Charakter

Im weiteren Verlauf der Reise riss während einer zufälligen Servicepause noch der Bremsbowdenzug an der BMW. Später verabschiedete sich an der AWO eine Zündkerze. Mehr war es tatsächlich nicht.

Erstaunlich wenig.

Wenn man bedenkt, dass beide Motorräder zusammen älter sind als viele ihrer Besitzer.

Mit Rückenwind nach Hause

Ein besonderer Dank gilt den Partnerinnen, Kindern und Familien. Ohne ihre Unterstützung wäre diese Reise nicht möglich gewesen. Ebenso den Freunden, die im Notfall jederzeit bereit gewesen wären, mit Auto und Anhänger loszufahren.

Natürlich kam unterwegs beim Blick auf die Landkarte und die große Entfernung zur Heimat immer mal der Gedanke auf: „Sind wir eigentlich verrückt, wenn das fast 80 Jahre alte Alteisen jetzt den Geist aufgibt?“ Rückblickend war die Sorge größer als die Probleme. Und deshalb steht für beide fest: Wenn Familie, Gesundheit sowie Haus und Hof es zulassen, wird die nächste Tour nicht lange auf sich warten lassen.

Habt ihr eine Meinung zu diesem Artikel oder einen Fehler entdeckt? Dann weist uns gern darauf hin.

Auch interessant für dich