Angriff auf Notfallsanitäter: Retter bereiten sich auf Terror und bewaffnete Konflikte vor

Die Johanniter passen derzeit Ausbildungsinhalte an

Pirk

Weil Retter immer häufiger angegriffen werden, müssen sich die Einsatzkräfte nun auch auf solche Überraschungsmomente vorbereiten. Die Bevölkerungsschutztage sorgen derzeit im Vogtland für Aufsehen. Die ehrenamtlichen Einheiten des Bevölkerungsschutzes stellen sich den neuen Ausbildungsinhalten.

Notfallsanitäterin wird beim Einsatz beschossen und geht zu Boden

Die Notfallsanitäterin Philine Graichen geht zu Boden. „Wir werden beschossen. Sie haben mich am Bein getroffen.“ Einheitsführer Udo Hornhauer eilt zur Verletzten. Schnell zeiht der Chef die Kameradin hinter das Einsatzfahrzeug. Dort wird sie versorgt. „Das ist eine realistische Situation“, sagt Sebastian Späthe. Der Bereichsleiter für Kommunikation informiert als Pressesprecher der Johanniter-Unfall-Hilfe (Landesverband Sachsen) über die neuen Szenarien.

Neue Szenarien: Terror, bewaffnete Konflikte, Angriffe auf die Retter

Katja Böwe ist im Regionalverband Zwickau/Vogtland die Vorstandsassistenz und Teamleiterin für Kommunikation beim Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.: „Es geht hier an der Talsperre um das Thema ‚Retten auch bei Terrorlagen oder bewaffneten Konflikten‘.“ Das typische Szenario bislang sah so aus: Hochwasser, heftige Stürme und Waldbrände mit vielen Verletzten und dem Zusammenbruch der Infrastruktur. Menschen müssen evakuiert und erstmedizinisch versorgt werden. Darin sind die ehrenamtlichen Kameradinnen und Kameraden umfangreich geschult. Neu gedacht und trainiert werden nun Terrorlagen oder gar bewaffnete Konflikte. Auch Angriffe auf die Retter werden trainiert.

 

Die Sanitäter müssen sich auf beengtem Raum durchsetzen können

Katrin Rupprecht zeigte als Schieß- und Einsatztrainerin den vogtländischen Einsatzkräften, woraus es bei einem Angriff ankommt. Die Polizeihauptmeisterin der Polizeidirektion Görlitz hat alle Kniffe drauf. „Wenn Gaffer die Retter bedrängen, dann müssen sich die Sanitäter auf beengtem Raum durchsetzen können. Wenn es zu Handgreiflichkeiten kommt, sind kontrollierte Abwehrmaßnahmen zu ergreifen“, stellt der Johanniter-Landesvorstand Carsten Herde fest.

Wie gehen die Johanniter mit erheblichem Stress in Gefahrensituationen um?

Bei den Bevölkerungsschutztagen der sächsischen Johanniter an der Talsperre Pirk bei Oelsnitz stehen deshalb entsprechende Übungen auf dem Ausbildungsprogramm. Ron Seidel von der Bundespolizei Klingenthal übt den tätlichen Angriff auf die Johanniter. Die Sanitäter geraten auch noch unter Beschuss mit „Kreide-Munition“. „Das sind tatsächlich vollkommen neue Herausforderungen für unsere Einheiten“, betont Carsten Herde. Als Mitglied des Landesvorstandes der Johanniter in Sachsen stellt er fest: „Wir wollen keine Soldaten oder gar Rambos ausbilden. Es geht darum, dass wir gemeinsam ein Gefühl für veränderte Bedrohungslagen bekommen. Die Einheiten der Johanniter müssen Strategien entwickeln, wie sie mit erheblichem Stress in der Gefahr umgehen und mit begrenzten Mitteln agieren können. Auch in der akuten Bedrohung müssen sie sich professionell verhalten und vor allem wissen, wie man sich selbst schützt oder was zu tun ist, wenn man selbst verletzt wird.“ Dazu gehört beispielsweise der Umgang mit einem Tourniquet, mit dem man in Sekunden Gliedmaßen abbinden kann.

Psychosoziale Notfallversorgerin: „Wir kümmern uns um Betroffene in Krisensituationen.“

Gewachsen sind auch die Anforderungen an die Teams der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV). „Wir kümmern uns um Betroffene in Krisensituationen. Darüber hinaus bereiten wir Einsatzkräfte psychisch vor, auch mit schrecklichen Erlebnissen umgehen zu können“, erklärt Sabine Ebert, Mitarbeiterin beim Rettungszweckverband Südwestsachsen. „Als Erstes sollte sich jede und jeder im Ehrenamt fragen: Habe ich gerade im Kopf und Herz die Kraft für einen Einsatz, oder übernehme ich mich?“, so die erfahrene Notfallsanitäterin. „Viele überschätzen ihre eigene Resilienz. Selbst wenn ich mich in diesem Augenblick stark fühle, kann das morgen schon ganz anders sein. Dafür sensibilisieren wir in Workshops und vermitteln Techniken für die eigene Psychohygiene. Die neuen Herausforderungen durch das Klima und die weltpolitische Lage erfordern, dass wir diese Skills flächendeckend und viel intensiver trainieren.“

Generalarzt der Bundeswehr: „Zivil-Militärische Zusammenarbeit ebenfalls ein Thema“

Um gut vorbereitet zu sein, bauen die Hilfsorganisationen die Kooperation mit der Bundeswehr aus. „Unter dem Stichwort Zivil-Militärische Zusammenarbeit ist die Johanniter-Unfall-Hilfe in der veränderten Sicherheitslage Europas ein noch wichtigerer Partner geworden“, erklärt Bruno Most, Generalarzt der Bundeswehr und stellvertretender Kommandeur im Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung in Weißenfels. „Für mich ist diese Veranstaltung eine hervorragende Gelegenheit, um bei der Podiumsdiskussion die Botschaft des Sanitätsdienstes an die Kameradinnen und Kameraden heranzutragen und mir gleichzeitig ein Bild von Übung, Ausbildung und Einsatz der Johanniter in Sachsen zu machen.“

Abläufe und Zusammenarbeit abgestimmt

„Nicht nur mit der Bundeswehr wollen wir die Einsatzszenarien abgleichen. So trainieren die Johanniter mit der Feuerwehr aus Plauen, wie Personen aus großer Höhe in Sicherheit gebracht werden können“, ergänzt Dietmar Link, Mitglied des Landesvorstandes der sächsischen Johanniter. „Gemeinsam mit Spezialisten der Sächsischen Polizei üben wir zudem den Selbstschutz in engen Räumen – beispielsweise bei aggressiven Patienten im Rettungswagen. Auf keinen Fall sollen die Johanniter in Zukunft Brandmeister oder Polizisten ersetzen! Wir wollen aber sehen, wie die anderen arbeiten, und schauen, wie das mit unseren Abläufen zusammenpasst.“

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