Windradzoff: Zwei Landtagsabgeordnete stellen sich der Bürgerinitiative Gegenwind

Dialog im Oberen Vogtland offenbart das Konfliktpotenzial

Bösenbrunn

Bösenbrunn. Wenn Bürgerinitiativen (BI) auf die Barrikaden gehen, fliegen meistens verbal die Fetzen. Bisweilen bleibt dann nur verbrannte Erde zurück. Die BI Gegenwind Vogtland hat diese Woche gezeigt, dass sich Bürgerbeteiligung kritisch-scharf in der Sache, zugleich aber auch fair und sachlich anfühlen kann. Die Landtagsabgeordneten Jörg Schmidt und Andreas Heinz stellten sich im Oberen Vogtland der Bürgerinitiative. Es kam zu einem intensiven, hochinteressanten Austausch.

Wohin mit den Windrädern?

Mit Respekt stand man sich gegenüber. Wohlwissend, dass die CDU-Politiker aus dem Vogtland nur bedingt Einfluss haben. „Gleichzeitig aber sind wir natürlich verantwortlich für unsere Region. Deshalb sind wir hier“, stellte sich Jörg Schmidt dem „Gegenwind“. Andreas Heinz stellte nach anderthalb Stunden einen ersten Vorgehensansatz in Aussicht: „Ich möchte vorne an stellen, dass ich selbst Landwirt bin und weiß, dass keiner ein Windrad vor der Haustüre stehen haben möchte. Die Frage lautet: Wohin mit den Windrädern?“

Naturidyll in Gefahr

Hintergrund: Die Städte in Sachsen und die Industriegebiete brauchen immer mehr Strom. Gleichzeitig sind die Atomkraftwerke vom Netz gegangen. Das Netz ist an manchen Tagen fragil. Neue Energie soll zum Beispiel durch neue Windkraftanlagen bereitgestellt werden. Die Windmühlen stehen dann auf den Bergen. 2,0 Prozent ihrer Fläche sollen die Bundesländer als mögliche Vorranggebiete ausweisen. Ein richtiger Regionalplan Wind fürs Vogtland ist nicht zustande gekommen. Das heißt, der Gesetzgeber kann jetzt sämtliche Möglichkeiten in Betracht ziehen, um die besten Standorte zu finden. Das hatte Rot-Grün in Berlin so gesetzlich vorgeschrieben. In Bösenbrunn sieht man nun ein Naturidyll in Gefahr.

Es regt sich Widerstand

Gegen den Waldstandort regt sich in Bösenbrunn Widerstand. 13 Windräder könnten dort entstehen. Vor dem permanenten Lärm der „weißen Spargel“ fürchten sich viele Menschen. In Bobenneukirchen, Bösenbrunn, Burkhardtsgrün, Engelhardtsgrün, Ottengrün, Schönbrunn und Zettlarsgrün führt man noch weitere Argumente gegen die weißen Riesen an. Die Bürger in den Nachbarorten lehnen insbesondere Windradstandorte im Wald ab. Tiere, Pflanzen, der Grundwasserspiegel - alles spielt irgendwie eine Rolle. Und trotzdem braucht auch das Vogtland Strom. „Das Ziel muss lauten, mit Vernunft Strom zu erzeugen“, betont Jörg Schmidt.

Technologieoffen in die Zukunft

Die Gegenwindseite stellte dazu fest, dass es die Natur vormacht. Die Vielfalt in den natürlichen Lebensräumen hat ein Ensemble geschaffen, welches sich nie auf eine Spezies festlegt. Genauso technologieoffen sollte auch die Politik ans Werk gehen. Das wünschen sich die BI-Mitglieder. Andreas Heinz - seit 1991 im Landtag und damit der zweitdienstälteste Abgeordnete des Freistaates Sachsen - machte am Ende deutlich: „Wir werden mit dem Planungsverband sprechen, aber wir werden hier jetzt nichts versprechen. Grundlage des Austauschs hier vor Ort ist der Informationsfluss.“

Eine sachliche Diskussion

Im Nachgang ergänzte Andreas Heinz: „Wir sind dankbar, wenn Bürger sachlich mit uns diskutieren. Es gibt etliche Studien über das Für und Wider von Windrädern.“ Schon deshalb hätte sich Andreas Heinz anstelle des Flächenkontingents eine Ertragszielplanung gewünscht. So wäre die benötigte Energiemenge errechnet worden und dann gäbe es nicht so viele Standorte, weil man bestehende Standort durch den Einsatz neuer Technologien hätte ausbauen können.

Acht Fragen wurden überreicht

An dem Gespräch im Wald hatte auch Pfarrer Tilo Kirchhoff teilgenommen, weil die Kirche als Grundstückseigentümer ebenfalls in Frage kommt. Zudem gilt der beliebte Pfarrer auch als Diplomat. Prinzipiell spaltet die Windenergie die Gesellschaft. Wer so ein Monstrum vor die Türe gesetzt bekommen soll, der geht auf die Barrikaden. Die Landbesitzer freuen sich hingegen über 70.000 bis 90.000 Euro Pacht pro Jahr. Fabian Rödel drückte den beiden Landtagsabgeordneten acht Fragen in die Hand: „Unser Anliegen ist nicht die pauschale Ablehnung jeder Windenergieanlage. Wir wollen eine nachvollziehbare Standortwahl. Das heißt auch: Sensible Wald- und Trinkwasserflächen dürfen erst nach unabhängiger Prüfung, transparentem Alternativenvergleich und geklärter Finanzierung weiterverfolgt werden“, betont Fabian Rödel. Die Antworten dazu werden nun eingeholt.

Es muss sich was ändern

Was in Deutschland immer wieder deutlich wird: Das ganze Land braucht schnell mehr Strom. Windräder und Photovoltaikanlagen werden deshalb dort gebaut, wo genügend Platz ist. Der Eingriff in die Natur und ins Landschaftsbild wird kritisch gesehen. Besonders von der ländlichen Bevölkerung. Dort heißt es oft, dass die Dörfer für die Städte herhalten und bluten müssen. Fakt ist aber auch, dass auf dem Land viele Menschen wohnen, die in den Industriebetrieben arbeiten, wo der Strom dringend zum Erhalt der Arbeitsplätze und des Wohlstands der Gesellschaft benötigt wird. Der Strom in Deutschland ist aktuell zu teuer, um wirtschaftlich richtig erfolgreich zu sein. Das muss sich ändern.

Habt ihr eine Meinung zu diesem Artikel oder einen Fehler entdeckt? Dann weist uns gern darauf hin.