Meerane: In der Pflege wächst Yvonne Hilbig über sich hinaus

Endlich angekommen! Kleine Betreuerin ganz groß

Meerane. 

Meerane. Wenn es um Hilfsbereitschaft und menschliche Wärme geht, ist sie eine ganz Große: Yvonne Hilbig (47). Rund 20 lange Jahre suchte sie nach ihrem beruflichen Glück. Ein Hürdenlauf für die Kleinwüchsige. Aber sie hat es geschafft. Das Energiebündel betreut Pflegebedürftige und hat dabei die Herzen der Bewohner vom Kursana Domizil Meerane erobert.

Wie wenig sind schon 44 Zentimeter! Möchte man meinen. Doch diese Zahl hat das Leben von Yvonne Hilbig völlig auf den Kopf gestellt. Etwa 1,64 Meter groß ist die Durchschnittsfrau in Deutschland. Die Sächsin misst 1,20 Meter. Ein K.O-Kriterium auf dem Arbeitsmarkt. Diese schmerzliche Erfahrung musste sie machen. Jahrzehnte hangelte sich die gelernte Bürofachkraft von einem Aushilfsjob zum nächsten. Sie musste demütigende Vorstellungsgespräche über sich ergehen lassen. "Schon an den Blicken sah ich, dass mir mit meiner Größe niemand etwas zutraut", erzählt Yvonne Hilbig. Doch sie fand sich mit dem Schicksal nicht ab, bildete sich weiter, suchte weiter. Noch heute erinnert sie sich an ihren Glückstag. Nachdem sie einen Lehrgang als Betreuungs- und Pflegeassistentin in der Tasche hatte, stellte sie sich 2015 im Kursana Domizil Meerane vor. Und diesmal war etwas anders, das spürte sie sofort. Direktorin Andrea Tannert redete mit ihr auf Augenhöhe. Und dann fiel da im vertrauensvollen Gespräch dieser Satz, den die Kleinwüchsige nie vergessen wird: "Ich nehme sie so, wie sie sind", sagte die Chefin und gab ihr sofort das Gefühl, gebraucht zu werden. Am liebsten hätte Yvonne Hilbig einen Luftsprung gemacht. Hinauf in die Höhen der Normalwüchsigen, in die sie durch eine Laune der Natur nie kommen kann. Privat hat sie ihr Leben voll im Griff. Mit Hendrik (44) fand sie einen 1,85 Meter (!) großen Partner an ihrer Seite, der ihr besonders auch bei den vielen Problemen, die Kleinwüchsige im Alltag haben, hilft: beim Einkaufen, beim Geldabheben, beim Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Nun diese berufliche Chance. Endlich! Die Probezeit bestand die Betreuerin mit Bravour. Seitdem zählt sie zum festen Team. Wie ein Wirbelwind ist sie im Pflegeheim unterwegs und kümmert sich rührend um die Bewohner. Dass sie dabei manchmal kaum hinter einem Rollstuhl oder einem Essenswagen zu sehen ist, stört überhaupt nicht. Sie kann zupacken, improvisieren, kombinieren. All die Kniffe, die sie sonst anwendet, um als Kleinwüchsige in der Welt der Großen zu bestehen, beherrscht sie aus dem Effeff. "Hängt doch etwas mal zu hoch, helfen mir auch gern die Kollegen", lobt Yvonne Hilbig. Es brennt ihr auf der Seele zu sagen, wie glücklich sie darüber ist, beruflich endlich angekommen zu sein. Und dieses Wohlfühlen überträgt sich auch auf die Senioren, die sie ins Herz geschlossen haben. Ein Pfund besonders in den so schwierigen Corona-Zeiten. Gern plaudert die Betreuungsassistentin mit den Bewohnern auch über den Münsteraner Tatort, in dem die kleinwüchsige Schauspielerin Christine Urspruch die Rechtsmedizinerin "Silke Haller" verkörpert. "Sie macht in der Rolle wirklich eine gute Figur", findet Yvonne Hilbig. Genau wie sie im Pflegeheim.