Nie vergessen: Die Dreiräder am Sachsenring

MOTORSPORT Vor 60 Jahren letztes Seitenwagen-Rennen auf altem Kurs

Sachsenring. 

Sachsenring. Seit (fast) ewigen Zeiten haben die Seitenwagen eine überdurchschnittlich große Fan-Schar im Osten Deutschlands. Zwar waren in Hohenstein-Ernstthal schon beim 1. Badberg-Vierecksrennen 1927 Gespanne am Start, doch in den 1930er-Jahren gehörte das Badberg-Viereck bzw. der Sachsenring (seit 1937), anders als zum Beispiel das Schleizer Dreieck, ausschließlich den Solo-Motorrädern. Bei den Großen Preisen von Deutschland bzw. Europa waren die Seitenwagen nicht vorgesehen, doch ab dem ersten Sachsenring-Rennen nach dem 2. Weltkrieg im Jahr 1949 gehörten sie wieder zum Programm. Das Rennen der Klasse F - Gespanne bis 600 ccm Lizenz - gewann damals am 25. September der erst 17-jährige Michael Grauer aus dem Elbe-Dörfchen Elster in Sachsen-Anhalt mit seinem Co-Piloten Herbert Dorn.

Von Beginn an bei der WM dabei

Ebenfalls 1949 wurde die Motorrad-Weltmeisterschaft vom Motorrad-Weltverband FIM (Federation Internationale de Motocyclisme) geboren. Neben den Solo-Klassen bis 125, 250, 350 und 500 ccm gehörten die Seitenwagen von Beginn an zum WM-Programm. Erste Weltmeister wurden die Briten Eric Oliver und Dennis Jenkinson mit einer Norton. 1954 stießen dann die BMW-Paarung Wilhelm Noll/Fritz Cron die bis dahin dominierenden englischen Gespann-Fahrer - neben der viermaligen Weltmeister Eric Oliver kam auch dessen Landsmann Cyril Smith zu höchsten Ehren - vom Thron.

Seitenwagen-Macht Deutschland

Es war der Auftakt einer Ära, die ihres Gleichen sucht, aber nicht finden wird. Bis 1976, also in 23 Saisons, gingen sage und schreibe 21 WM-Titel nach Deutschland. Verdient machten sich dabei neben Noll/Cron, die 1956 einen zweiten Titel nachschoben, die Paarungen Willy Faust/Karl Remmert, Friedrich Hillebrand/Manfred Grunwald, Walter Schneider/Hans Strauß (2x), Helmut Fath/Alfred Wohlgemuth bzw. Helmut Fath/Wolfgang Kalauch, Max Deubel/Emil Hörner (4x), Klaus Enders/Ralf Engelhardt (5x), Klaus Enders/Wolfgang Kalauch (1x), Horst Owesle/Julius Kremer bzw. Peter Rutherford sowie Rolf Steinhausen/Sepp Huber (2x). 1982 schoben Werner Schwärzel/Andreas Huber einen weiteren WM-Titel in der goldenen Zeit der Seitenwagen nach. Diese währte bis 1996, denn nur bis dahin waren die Gespanne eine regelmäßige Grand-Prix-Klasse.

Weltmeister gaben sich am Sachsenring die Klinke in die Hand

Auf dem Sachsenring trugen sich 1950 zunächst die damals sehr bekannten Hermann Böhm/Karl Fuchs oder Ludwig Kraus/Bernhard Huser in die Siegerliste ein. 1951 gewannen dann hier die ersten Weltmeister aus Deutschland, Wilhelm Noll/Fritz Cron, die Klasse Cs - Gespanne bis 500 ccm Lizenz. Von den späteren deutschen Weltmeistern gewann hier auch Willy Faust/Karl Remmert (1954 und 1955), Friedrich Hillebrand/Manfred Grunwald (1956), Walter Schneider/Hans Strauß (1957 und 1958). 1959 gewannen dann die Schweizer Florian Camathias/Hilmar Cecco.

Das letzte Rennen vor 60 Jahren

Am 31. Juli 1960, also heute vor genau 60 Jahren, gewann Florian Camathias wieder auf dem Sachsenring, diesmal mit seinem Landsmann Roland Föll im Boot. Da ab 1961 die Motorrad-Weltmeisterschaft bis einschließlich 1972 hier Jahr für Jahr ihr Stelldichein geben sollte, fanden die Seitenwagen keinen Platz im Programm. Somit erlebten die hiesigen Fans 1960 das letzte Seitenwagen-Rennen auf dem alten Sachsenring bzw. für sehr lange Zeit das letzte in Hohenstein-Ernstthal insgesamt. Nach dem WM-Aus wichen viele Fans ins tschechische Brno aus, wo die Gespanne eine feste Größe und in der Regel der krönende Abschluss des Rennwochenendes waren.

In der Neuzeit sogar mit WM-Status

1996 wurde der nun neue Sachsenring mit der Deutschen Motorradmeisterschaft bzw. der Pro Superbike motorsportlich eingeweiht, doch fehlten die Gespanne hier noch. 1997 kehrten sie dann in diesem Rahmen hierher zurück. Als ab 1998 die Motorrad-Weltmeisterschaft ihr Comeback in Westsachsen gab, wurden hier in diesem Rahmen fallweise sogar Seitenwagen-WM-Läufe abgehalten. Diese waren dem WM-Promoter Dorna aber seit jeher ein Dorn im Auge, doch da die Sidecars hier eine große Anhängerschaft haben, ließ man sie auf Wunsch des lokalen Veranstalters ADAC bzw. SRM gewähren. Allerdings kam es am Trainingssamstag 2014 (12. Juli) zu einem verhängnisvollen Unfall, bei dem Enrico Becker aus Wernigerode als Beifahrer des Hessen Kurt Hock sein Leben verlor. Seitdem sind die Seitenwagen im Rahmen des Motorrad Grand Prix auf dem Sachsenring verbannt.

Umso mehr freuten sich die hiesigen Dreirad-Fans, als 2018 im Rahmen der ADAC Sachsenring Classic hier die Sidecar-Weltelite wieder zu Gast war.