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Soichiro Honda: Visionär und Gründer eines Imperiums

MOTORSPORT Zum 30. Todestag des Pioniers der japanischen Fahrzeugindustrie

Sachsenring. 

Sachsenring. Nicht erst seit der Spanier Marc Marquez acht Mal in Folge auf einer Honda das MotoGP-Rennen auf dem Sachsenring gewonnen hat, ist der japanische Hersteller bei uns in aller Munde. Erstmals groß in Erscheinung trat die Marke Honda hier beim ersten WM-Lauf auf dem damals noch alten Kurs bei Hohenstein-Ernstthal 1961, als der Superstar der 1960er-Jahre, der Brite Mike Hailwood, das Rennen der 250-ccm-Klasse gewann.

Ältere Äugen- und vor allem Ohrenzeugen werden sich mit Freude auch an den Sound der legendären Sechszylinder-Honda in der ersten WM-Ära des Sachsenrings erinnern. Zu verdanken haben sie dies in erster Linie dem Gründer des japanischen Fahrzeugimperiums Soichiro Honda. Heute vor 30 Jahren verstarb der oft unkonventionelle und doch stets menschliche Japaner im Alter von 84 Jahren.

Der junge Technikfreak

Soichiro Honda wurde am 17. November in Hamamatsu in der Präfektur Shizuoka auf Honshu, der Hauptinsel Japans, gut 100 Kilometer südwestlich von Tokio gelegen, als erstes von fünf Kindern geboren.

An seiner schulischen Entwicklung hatte er ein eher geringes Interesse, an der Technik und Mechanik hingegen ungleich mehr. So trat er bewusst in Tokio eine Lehre in einer Reparaturwerkstatt für Fahr- und Motorräder später auch für Autos an. Mit Unterstützung seines dortigen Chefs Art Shokai kehrte er 1928 in seine Heimatstadt Hamamatsu zurück, um dort eine Niederlassung aufzubauen und als Direktor zu führen. Parallel war er nach Feierabend bei seinem Chef, der auch Autorennen fuhr, als Rennmechaniker im Einsatz. 1931 meldete Soichiro Honda sein erstes Patent an, mit dem Metallfelgen an die Stelle der bis dahin üblichen Holzfelgen treten sollten.

Im Juli 1936 bestritt er selbst als Fahrer und mit einem seiner Brüder als Beifahrer bei der "All Japan Speed Rallye" sein erstes Autorennen. Dieses endete mit seinem ersten von mehreren schweren Unfällen. Beim Oval-Rennen auf dem Tama-River-Kurs bei Tokio des gleichen Jahres lag er mit neuem Rundenrekord bereits weit in Führung, als er beim Überrunden mit einem Nachzügler kollidierte und aus dem Auto geschleudert wurde. Das Auskurieren seiner schweren Verletzungen (u. a. Schulter- und Handgelenkbruch, Gesichtsverletzungen) dauert zwei Jahre.

Irgendwann erlangte er die Einsicht, sich auf das Konstruieren zu beschränken und gründete 1937 mit "Tokai Seiki Heavy Industry" seine erste eigene Firma. Mit dieser stellte er Kolben und Kolbenringe her. Dies tat er nicht in erster Linie des Profits wegen, sondern weil er sich der bis dahin dauernden ständigen thermischen Probleme der Verbrennungsmotoren allgemein bzw. speziell dieser Bauteile annehmen wollte. Unzählige unorthodoxe Versuche führte er mit verschiedenen Materialien und Metalllegierungen durch und erkannte dabei, dass sein Ausbildungsstand nicht ausreichte. Somit begann er mit 31 Jahren noch ein Studium an einer technischen Universität. Im November 1937 "erfand" Soichiro Honda bereits den aus einer Silikon-Metall-Mischung bestehenden "Super-Kolbenring". Mit diesem wurde er Marktführer und Hauptlieferant bei Toyota.

Neuanfang nach dem Krieg

Im Zweiten Weltkrieg produzierte auch "Tokai Seiki Heavy Industry" für die japanische Armee. Für die Massenproduktion wurden in rauen Mengen auch weniger gut ausgebildete Arbeitskräfte benötigt, dem Soichiro Honda mit der Umstellung auf vollautomatisierte und Roboter-unterstützte Fertigung entgegen trat.

Durch die kriegerische Zerstörung sowie einem verheerenden Erdbeben war Soichiro Hondas Fabrik nach Kriegsende schwer gezeichnet und dennoch so interessant, dass er diese für ein damaliges Vermögen an Toyota verkaufen konnte. Danach war Leere in seinem Kopf, doch nach einem Jahr "Urlaub" und einem Selbstfindungsprozess gründete er im Oktober 1946 in Hamamatsu das "Honda Technical Research Institute" und begann mit der Produktion von Mofas mit Hilfsmotoren. Diese erwiesen vor allem bei der verarmten Bevölkerung als Verkaufsschlager.

Am 24. September 1948 gründete er dann die "Honda Motor Company", sein letztes und größtes Imperium. Anfangs fertigte man 50- bzw. 98-ccm-Motoren, die in Fahrräder eines Geschäftspartners montiert und als Mofas vertrieben wurden. Da der Fahrradproduzent bei den gelieferten Stückzahlen nicht Schritt halten konnte, entschloss sich Honda, komplette Fahrzeuge selbst zu bauen. Das erste eigene komplette Honda-Motorrad war das Modell Namens Dream Typ D mit luftgekühltem 98 ccm Zweitaktmotor. Diese Technologie erschien Soichiro Honda allerdings nicht als zukunftsfähig, sodass er ab 1951 mit der Honda Dream Typ E mit 146-ccm-Viertaktmotor zur unkomplizierteren Viertakttechnik überschwenkte und auf dieser Schiene fürs zivile Leben blieb.

Der Rennsport als Marketinginstrument

Beseelt von der Philosophie, den weltweiten Motorradverkauf mit Erfolgen im Rennsport anzukurbeln, besuchte er 1954 die Isle of Man, um herauszufinden, wie die erfolgreichen europäischen Hersteller den Rennsport betrieben. Dabei schaute er sich alles genau an und kaufte Räder, Reifen, Vergaser, Bremsen, Stoßdämpfer, Kupplungen und Ketten und nahm diese mit nach Japan, um sie zu kopieren bzw. zu verbessern. Den Vorwurf des Kopierens trat er energisch entgegen, doch wurden japanische Produkte damals in Europa generell als eher minderwertige Ware betrachtet.

Die ersten Rennmaschinen wurden ausschließlich in Japan viel getestet und bei nationalen Rennen eingesetzt. Erst 1959, als man sich konkurrenzfähig fühlte, kehrte Honda mit einem eigenem Werksteam auf die Isle of Man zurück und debütierte in der Motorrad-Weltmeisterschaft. Beim zweiten Grand Prix des Jahres hatte die 125-ccm-Klasse auf der Isle of Man ihren Saisoneinstand, bei dem am 3. Juni Naomi Taniguchi als Sechster des 125er-Rennens den ersten WM-Punkt für Honda errang. Ihm folgten, allerdings außerhalb der damaligen Punkteränge, seine Landsleute Giichi Suzuki und Teisuke Tanaka. Mit über sieben Minuten Rückstand von Naomi Taniguchi auf den Sieger Tarquinio Provini auf einer MV Agusta hatte man allerdings eine ziemliche Schelle bekommen. Doch das spornte Soichiro Honda und seine Ingenieure noch mehr an.

Erste motorsportliche Erfolge

1960 beschränkte sich Hondas Engagement nicht mehr nur auf die Tourist Trophy. Nachdem der Australier Robert "Bob" Brown auf der "Insel" als Vierter des 250er-Rennens das Podest mit großem Zeitrückstand (auf der Isle of Man wird per Einzelstart gegen die Uhr gefahren) noch deutlich verfehlte, wurde am 24. Juli 1960 beim Großen Preis von Deutschland auf der Solitude bei Stuttgart nach dem Rennen der Viertelliterklasse mit Teisuke Tanaka erstmals ein Japaner und zugleich erstmals ein Honda-Fahrer zur Sieger- bzw. Platziertenehrung gerufen.

Der WM-Auftakt 1961 ging am 23. April auf dem Montjuich-Kurs in Barcelona über die Bühne. Bei diesem gewann der Australier Tom Phillis das Rennen der Achtelliterklasse vor dem Noch-Ostdeutschen Ernst Degner auf MZ und dem in die britische Kolonie Rhodesien ausgewanderten Ex-Briten Jim Redman auf einer weiteren Honda. Damit ging Tom Phillis als erster Honda-GP-Sieger in die Geschichte ein.

Der nächste Honda-Meilenstein wurde am 14. Mai 1961 beim Großen Preis von Deutschland, diesmal wieder in Hockenheim, gesetzt. Das Rennen der 250-ccm-Klasse gewann der Japaner Kunimitsu Takahashi auf einer Honda vor seinem Stallgefährten Jim Redman und dem Italiener Tarquinio Provini auf einer Morini. Damit ist Kunimitsu Takahashi der erste Japaner, der einen Lauf zur Motorrad-Weltmeisterschaft überhaupt sowie auf einem japanischen Motorrad gewinnen konnte. Auch die weiteren Saisonsiege gingen an Honda-Fahrer. Neben Kunimitsu Takahashi waren auch Tom Phillis, Jim Redman und Bob McIntyre, vor allem aber Mike Hailwood erfolgreich. Am Jahresende gingen die Weltmeistertitel an Tom Phillis in der 125-ccm-Klasse und an Mike Hailwood bei den 250ern. Das war die Ouvertüre zu einer beispiellosen und bis heute währenden Erfolgsgeschichte. Mit bislang insgesamt 61 Titeln steht Honda unangefochten an der Spitze der Liste der errungenen Motorrad-Weltmeisterschaften.

Als 1988 die Superbike-WM die Motorrad-Straßenweltmeisterschaft "ergänzte", fuhr der erste Weltmeister hierbei, der US-Amerikaner Fred Merkel, ebenfalls eine Honda. Neben ihm wurden auch seine Landsleute John Kocinski und Colin Edwards sowie der Brite James Toseland auf Honda-Motorrädern Superbike-Weltmeister, sodass man aktuell auf sechs SBK-Titel verweisen kann.

Jetzt auch noch mit vier Rädern

Doch Soichiro Honda war kein reiner Motorrad-Verfechter sondern ein Fahrzeug-Fanatiker auf ganzer Breite. So entstand bereits in den 1950er-Jahren sein erster Rennwagen. Damals war er auch im Autohandel tätig und stellte mehr zum persönlichen Vergnügen ein Auto mit einem selbstgebautem Fahrwerk und einem gewaltigen amerikanischen V8-Flugzeugmotor auf die Räder.

Als es dann Anfang 1962 zu Gesetzesvorlagen kam, dass die japanische Regierung, gemäß des Vorbilds USA, die Zahl großer japanischen Automobil-Hersteller auf drei limitieren wolle, war Eile geboten. Honda entwickelte innerhalb kürzester Zeit zwei Autos, den Kleinwagen T360 und das Sportcabriolet S360, und stellte diese bereits im Oktober des gleichen Jahres auf der Automobilausstellung in Tokio der Öffentlichkeit vor. Damit war man der Regierung zuvorgekommen, denn nun war ein derartiges Gesetz ad absurdum geführt.

Natürlich sollte es nicht bei den zwei Schnellschüssen bleiben, denn Honda avancierte auch um Vierradbereich schnell zu einem der bedeutendsten Hersteller. Und wieder sollte der Motorsport den Weg ebnen bzw. den Bekanntheitsgrad rasch steigern. Dazu fasste man einen Einstieg in die Formel 1 ins Auge, besorgte sich über Jack Brabham einen Cooper-Climax und begann anhand dessen Chassis ein eigenes zu entwickeln. Als Antriebsaggregat wählte man eine völlige Eigenentwicklung, und zwar einen 12-Zylinder in V-Anordnung.

Da Honda 1964 in Suzuka auch eine eigene Rennstrecke eröffnet hatte, konnte man ausgiebig testen und schließlich vom 31. Juli bis 2. August auf dem Nürburgring erstmals in eine Formel-1-Schlacht ziehen. Als Fahrer hatte man den US-Amerikaner Ronnie Bucknum auserkoren. Mit einem Ausfall wegen einer gebrochenen Lenkung verlief das Debüt aber ähnlich ernüchternd, wie die beiden weiteren Starts 1964 im italienischen Monza und Watkins Glen in den USA, bei denen man ebenfalls keine Zielflagge sah. Auch das Jahr 1965 war von Misserfolgen geprägt, bis es beim Saisonfinale in Mexiko(-Stadt) Ronnie Bucknums Landsmann Richie Ginther gelang, seinen und Hondas ersten Sieg in der Formel 1 einzufahren. Nachdem der Franzose Jo Schlesser beim Großen Preis von Frankreich am 7. Juli 1968 in Rouen in einem Honda tödlich verunglückt war, beschloss Soichiro Honda den Rückzug seines Teams aus der Formel 1 zum Jahresende.

WM-Titel auch in der Formel 1

1977 wurde in der Konzernspitze die Rückkehr in die Formel 1 beschlossen. Allerdings beschränkte man sich auf die übliche Produktion eines Motors für eines oder mehrere ansonsten unabhängigen Teams. Dafür gab man sich sechs Jahre Vorlauf, um eine geeignete Techniker- und Ingenieurmannschaft zusammenzustellen. Nach nur einem Lehrjahr in der Königsklasse des Motorsports gewann Keke Rosberg 1984 am Steuer eines Willimas-Honda den Grand Prix der USA in Dallas.

1987 feierte man dann weiterhin als Motorenlieferant von Williams und dem Brasilianer Nelson Piquet am Steuer den ersten Formel-1-WM-Titel. Daran schloss sich eine Siegesserie mit vier weiteren WM-Titeln in Folge (1988 bis 1991) mit McLaren sowie den Piloten Ayrton Senna und Alain Prost an. Den letzten WM-Titel konnte Soichiro Honda nicht mehr mitfeiern. Er verstarb am 5. August 1991 nach einem arbeitsreichen, aber erfüllten Leben im Alter von 84 Jahren.



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