50 Jahre Zwickauer Weihnachtspyramide: Ein Stück lebendige Stadtgeschichte

Seit einem halben Jahrhundert dreht sich die Zwickauer Weihnachtspyramide zur Adventszeit auf dem Kornmarkt.

Zwickau

Die Zwickauer Weihnachtspyramide, die 1975 erstmals den Weihnachtsmarkt schmückte, feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum. Ohne den Planitzer Schnitzverein gäbe es die Pyramide nicht. Generationen von Vereinsmitgliedern haben sie gepflegt, erhalten und über Jahrzehnte hinweg immer wieder aufgebaut.

Geschichte zum Nachlesen und Anschauen

Die Entstehungsgeschichte sowie ein Interview mit Eberhard Schilbach, einem der zentralen Köpfe beim Bau der fünf Meter hohen Pyramide, können zur Weihnachtszeit sowohl auf den reich bebilderten Tafeln neben der auf dem Zwickauer Kornmarkt aufgestellten Jubilarin als auch neben dem Modell der Pyramide im Museum Priesterhäuser nachgelesen und angeschaut werden.

Der Erbauer blickt stolz zurück

Der Planitzer Schnitzer Eberhard Schilbach stattete dieser Tage der Zwickauer Pyramide einen Besuch ab, die auf dem Kornmarkt unermüdlich ihre Runden dreht. Der 89-Jährige ist sichtlich stolz auf sein Werk: „Wenn man bedenkt, dass sie jetzt 50-mal aufgestellt und wieder abgebaut wurde – und sie funktioniert immer noch.“

Bau in der Werkstatt in Rottmannsdorf

Schilbach erzählt, dass die Pyramide auf seinem Grundstück in Rottmannsdorf entstanden ist. Dort verfügte er über eine Werkstatt mit zahlreichen Maschinen zur Holzbearbeitung. „Im Schnitzerheim war ja kein Platz.“ Rund drei Kubikmeter Holz wurden für den Bau verarbeitet. Zwei Jahre lang wurde in seiner Werkstatt gesägt und gebaut – oft bis spät abends. Nach einem Jahr meinte seine Frau schmunzelnd: Wenn das Ding nicht bald verschwinde, pflanze sie Geranien darauf, erinnert sich der Senior lachend.

Material, Kosten und Arbeitsstunden

Das Material stellte der Rat der Stadt Zwickau als Auftraggeber gemeinsam mit dem VEB MLK, Werk III „Karl Marx“ Zwickau, als Trägerbetrieb dem Schnitzzirkel Planitz zur Verfügung. Die Fertigungskosten beliefen sich auf 6000 DDR-Mark. Heute würden Material und Arbeitsleistung rund 37.500 Euro kosten. Etwa 2500 Arbeitsstunden wurden damals veranschlagt. „Ich glaube, da hat keiner genau draufgeguckt“, meint Vereinsmitglied Detlef Illig augenzwinkernd, der Schilbach und dessen Frau Gerlinde bei ihrem Besuch auf dem Kornmarkt begleitete.

28 Figuren und ihre Geschichten

Die 28 Figuren fertigte Vereinsmitglied Manfred Krämer in seiner Laube. „Dort hatte er eine Drechselbank“, erinnert sich Schilbach. Jede Etage der Pyramide erzählt eine eigene Geschichte: Unten der Bergbau, in der Mitte typische Zwickauer Berufe, darüber Sportler – und ganz oben eine Volkskunstgruppe.

Die Pyramide zeigt die Arbeitswelt der 1970er Jahre: eine Textilarbeiterin, Automobilbauer, Eisenbahner und einen Fleischer. Auf der Sport-Etage steht sogar ein Fußballer im Sachsenring-Trikot, der vom Aussehen her auch eine Fußballerin sein könnte.

Technik aus Vereinshand

Rotor, Mechanik und Elektrik stammen vollständig aus der Hand von Vereinsmitgliedern. „Die Pyramide hält besser als manches Auto“, sagt Schilbach schmunzelnd. Die Elektrik richtete Peter Müller ein – sie funktioniert bis heute zuverlässig.

Vom Rathaus auf den Kornmarkt

Erstmals wurde die Pyramide 1975 vor dem Rathaus aufgebaut, später fand sie ihren festen Platz auf dem Kornmarkt. Der jährliche Aufbau ist bis heute ein kleines Schauspiel. Stück für Stück wächst der Turm, bis sich die Flügel wieder drehen.

Ein Werk für Generationen

Auf die Frage, ob er beim ersten Aufbau geahnt habe, dass die Pyramide auch nach 50 Jahren noch funktionieren würde, antwortet der gelernte Tischler, der seit 75 Jahren Mitglied im Planitzer Schnitzverein ist: „Ich habe es gehofft und ehrlich gesagt auch darauf hingearbeitet. Wir wollten keine Schnelllösungen, sondern etwas schaffen, das den Menschen lange Freude bereitet. Und wie man sieht: Das System hat sich bestens bewährt.“

Stecksystem und Museumsmodell

Besonders schön sei für ihn, dass die Pyramide bis heute jedes Jahr aufs Neue aufgebaut und am Ende der Saison wieder abgebaut werde. „Für den Auf- und Abbau haben wir ein Stecksystem entwickelt. Wer einmal mit uns aufgebaut hat, weiß, wie es geht – und bekommt es im nächsten Jahr auch ohne Anleitung hin“, sagt Schilbach.

Bevor die große Pyramide entstand, baute Schilbach ein Modell, das derzeit rund 200 Meter entfernt im Museum Priesterhäuser zu sehen ist. Dort verweist das Museum auf das Original, während Informationstafeln auf dem Kornmarkt zur Weihnachtsausstellung in den Priesterhäusern einladen.

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