Aus Tradition wird Zukunft: Unternehmensnachfolge für Kunsthandwerk Liebig geglückt

Zwickaus Traditionsgeschäft „Kunsthandwerk Liebig“ bleibt 106 Jahre nach seiner Gründung weiter bestehen – unter neuer Inhaberin und neuer Adresse

Zwickau

Sie haben sich gesucht und gefunden: Die Liebigs - Arndt Liebig und seine Frau Katrin, die seit 1995 bis zum 30. Juni 2025 in dritter Generation das 1919 von Arndt Liebigs Großvater gegründete Geschäft geführt haben und nach dreißig Jahren Nachfolger suchten – und die Pharmazeutisch-Technische-Assistentin Jana Kehle, die einen Traum von einem eigenen Laden mit schönen Dekoartikeln träumte.

Ein Traum wird wahr: Von der Kundin zur Ladeninhaberin

Die Zwickauerin kannte den Laden in der Hauptstraße 55 als langjährige Kundin. Und als es sich herumgesprochen hatte, dass die Liebigs engagierte Nachfolger für ihr Geschäft suchen, weil die beiden Söhne andere Berufswege gehen, stand sie eines Tages bei den Liebigs am Tresen, um mit ihnen nicht über Einkaufswünsche, sondern über ihre Zukunftspläne zu sprechen. Um zu sehen, ob aus Träumen Wirklichkeit werden könnte, und um das Geschäft und die Welt des erzgebirgischen Volkskunst Schritt für Schritt besser kennenzulernen, begann sie vor anderthalb Jahren zuerst als Verkäuferin im Kunsthandwerk Liebig zu arbeiten. „Wir haben zusammen Fachmessen gefahren. Arndt Liebig hat mich bei den Kunsthandwerkern im Erzgebirge eingeführt“, sagte Anja Kehle bei der offiziellen Übergabe des Geschäftes am 30. Juni.

Ein neuer Abschnitt beginnt – mit vertrauter Unterstützung

Die beiden Liebigs werden ihr vorerst auch weiterhin mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auch bei dem bevorstehenden Umzug in die Hauptstraße 3-5, in das Gebäude, das zum Schocken-Komplex gehört und aktuell noch eine Baustelle ist. „Der Termin steht noch nicht fest“, sagt Anja Kehle. „Entweder wird’s noch im September vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft. Oder erst im neuen Jahr.“

Rückblick: Drei Standorte in über 100 Jahren

Es wird der dritte Umzug in der über 100-jährigen Geschichte des Unternehmens sein. 1978 wurde die Familie gezwungen worden, das dreigeschossige Haus an der Hauptstraße 64, das Geburtshaus von Arndt Liebig, in dem sich bis dahin ihr Geschäft „Kunsthandwerk Liebig“ befand, an die Stadt zu verkaufen. Für 5000 DDR-Mark, die in die marode Elektrik in den zugewiesenen Gewerberäumen am Marienplatz 10 „gesteckt“ wurden. Das Haus der Liebigs, wie alle Häuser auf dieser Seite der Hauptstraße, sollte abgerissen werden. Doch es fehlte zuerst das Geld für den Abriss, und dann wurde glücklicherweise „zurückgerudert“ und alle Häuser blieben erhalten. „Die Hauptstraße sah in der Zwischenzeit ganz schön gespenstig aus“, erinnert sich der 69-Jährige Arndt Liebig. Im Erdgeschoss des Hauses Hauptstraße 64 befindet sich seit sieben Jahren das gläserne Klassenzimmer der Humboldtschule. Darauf steht: „Schaufenster Zukunft“.

Weil ihr Mietvertrag nicht verlängert wurde, zog das „Kunsthandwerk Liebig“ 1994 unter der Regie von Arndt und Katrin Liebig vom Marienplatz 10 in das Haus Hauptstraße 55 – direkt gegenüber vom ehemaligen Liebig-Haus.

Mehr als nur Volkskunst

Die Angebotspalette wurde von dem Inhaberehepaar kontinuierlich erweitert. So stellt die erzgebirgische Volkskunst zwar heute noch eine wichtige Geschäftssäule dar, doch bei weitem nicht die einzige. Fündig werden bei Liebigs alle, die auch etwas Schönes im weitesten Sinne suchen – für zuhause, für sich, für Freunde zum Verschenken.

Ein Lebenswerk lebt weiter

Die Entscheidung von Anja Kehle, näher ans Zentrum zu ziehen, versteht und unterstützt das Ehepaar Liebig voll. Katrin Liebig muss noch einen Monat voll arbeiten, um nach 45 Arbeitsjahren mit 65 Jahren abzugsfrei in Rente zu gehen, danach wird die gelernte Buchhalterin als Mini-Jobberin Anja Kehle unterstützen. Für Arndt Liebig, der Gartenbau studierte, ist auch klar, dass er zwar kürzer, doch weiterhin hinter dem Tresen sein wird. „Wir sind glücklich, dass das Geschäft erhalten bleibt, denn es ist nicht schön, wenn ein Lebenswerk abgewickelt wird“, sagt der 69-Jährige. „Anja Kehle hat sich in den anderthalb Jahren gut eingearbeitet, wird von den Kunden akzeptiert von Mitarbeitern geschätzt, der Name des Geschäfts bleibt erhalten, so sind wir heute nicht traurig, sondern sehr glücklich, dass es nahtlos weiter geht“, sagt Arndt Liebig, der die gewonnen Freizeit unter anderem in seinem Garten verbringen will. Seine Frau Katrin wird als leidenschaftliche Leserin die Zeit im Garten bestimmt auch beim Schmökern in Büchern genießen.

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