Eine Bank, ein Gespräch, ein offenes Ohr: In Zwickau wird Zuhören zur Herzenssache

Mit Tee, Decke und offenen Ohren begegnen Ehrenamtliche der Einsamkeit – Gespräch für Gespräch.

Zwickau

Ein Platz zum Sitzen, Reden und Zuhören - mehr braucht es manchmal nicht, um Einsamkeit zu begegnen. In immer mehr Städten entstehen sogenannte Plauderbänke, die Menschen miteinander ins Gespräch bringen sollen. Auch in Sachsen wächst das Netzwerk solcher Begegnungsorte und in Zwickau hat sich das Konzept besonders engagiert entwickelt.

Einfache Idee mit großer Wirkung

Eine Plauderbank sieht auf den ersten Blick aus wie jede andere Sitzbank im öffentlichen Raum. Der Unterschied: Ein Schild oder eine auffällige Farbe signalisiert, dass man hier willkommen ist, wenn man Lust auf ein Gespräch hat oder einfach jemanden braucht, der zuhört.

Das Ziel ist so schlicht wie wichtig: Menschen sollen sich wieder begegnen, sich austauschen, Geschichten teilen und einander wahrnehmen.

Aus Großbritannien importiert

Die Idee stammt ursprünglich aus Großbritannien, wo "Chat Benches" bereits seit einigen Jahren in Parks und Stadtzentren stehen. In Deutschland greifen immer mehr Städte diese Idee auf, häufig getragen von Wohlfahrtsverbänden, Seniorenprojekten oder Nachbarschaftsinitiativen.

Ein Land, das wieder miteinander ins Gespräch kommen muss

Hintergrund ist eine gesellschaftliche Entwicklung, die sich auch in Zahlen zeigt:

Laut dem Einsamkeitsbarometer 2024 des Bundesfamilienministeriums fühlt sich rund jede sechste Person in Deutschland häufig einsam - bei jungen Erwachsenen sogar jede vierte. Besonders betroffen sind ältere Menschen über 75 Jahren sowie Alleinlebende.

Das Einsamkeitsbarometer zeigt zudem, dass Einsamkeit deutliche Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit hat. Menschen mit erhöhter Einsamkeitsbelastung bewerten ihren Gesundheitszustand deutlich schlechter - mehr als 60 Prozent gaben 2021 an, eine unterdurchschnittliche körperliche Gesundheit zu haben. Weitere Infos zum Einsamkeitsbarometer hier.

Plauderbänke in Sachsen: Begegnung mitten im Alltag

In Görlitz wurde im Juli 2025 die erste Plauderbank auf dem Städtischen Friedhof eingeweiht. Sie soll, so die Initiatorinnen, "niederschwellig zu Begegnungen und Gesprächen einladen". Ehrenamtliche des Christlichen Hospizdienstes setzen sich dort regelmäßig dazu und bieten ein offenes Ohr an. "Einsamkeit sieht man den Menschen nicht an - aber sie ist da. Eine Bank allein kann das nicht ändern. Aber sie kann ein Anfang sein", sagte Nicole Mirle von der Telefonseelsorge Oberlausitz bei der Einweihung.

Auch an anderen Orten Sachsens machen mit, beispielsweise Oschatz. Doch besonders Zwickau hat das Konzept zu einem festen Bestandteil der Stadtarbeit gemacht.

Zwickau als Vorreiter: Plaudern gegen die Stille

In Zwickau gibt es die Plauderbänke seit dem Herbst 2023. Getragen wird das Projekt vom Caritasverband Zwickau und seinem Projekt "Die Lachfalten Zwickau". Dieses setzt sich für Menschen ab 60 Jahren ein, bietet Beratung, Veranstaltungen und Besuchsdienste und eben auch Zeit für Gespräche auf den Plauderbänken.

Die Idee entstand aus der Erfahrung, dass viele ältere Menschen sich nach dem Verlust von Partnern oder Freunden zurückziehen. "Nicht alle trauen sich, zu einer Veranstaltung oder Beratung zu kommen", erklärt das Projektteam. "Eine Bank senkt die Hemmschwelle. Man kann einfach Platz nehmen - ohne Anmeldung, ohne Verpflichtung."

Mittlerweile gibt es drei Standorte: auf dem Hauptfriedhof, dem Friedhof Planitz und dem Paulusfriedhof in Marienthal. Die Orte wurden bewusst gewählt: Sie bieten Ruhe, zugleich aber auch Begegnung. Denn gerade auf Friedhöfen kommen Menschen mit sehr unterschiedlichen Gefühlen zusammen: Trauer, Erinnerung, Dankbarkeit und manchmal auch Einsamkeit.

Ehrenamtliche betreuen die Bänke regelmäßig während sogenannter Plauderzeiten. Sie bringen eine Decke, eine Thermoskanne Tee und vor allem Geduld mit. Infos zu den Plauderzeiten gibt es hier.

Ein stiller Ort wird zum Ort der Begegnung

Die Resonanz fällt durchweg positiv aus. Karla Purrmann, Ehrenamtliche auf dem Friedhof Planitz, berichtet: "Vorübergehende Besucher sind neugierig und finden das Projekt richtig und wichtig. Manche bleiben stehen, manche winken nur - aber jede Begegnung zählt. Wöchentlich trauen sich ein bis zwei Menschen, Platz zu nehmen, meist Frauen, die einfach mal reden möchten."

Viele Gespräche drehen sich um den Verlust eines geliebten Menschen. "Manche möchten ihre Kinder oder Freunde nicht mit ihren Sorgen belasten. Auf der Bank können sie einfach reden, ohne jemanden zu überfordern", sagt Purrmann.

Alexander Amann, der die Plauderbank auf dem Paulusfriedhof betreut, bestätigt das: "Einige bleiben nur kurz stehen, andere setzen sich. Die Flyerbox ist jedes Mal leer. Das zeigt, dass Interesse da ist."

Kleine Begegnungen mit großer Wirkung

Beide berichten von kleinen, berührenden Momenten. Eine Begegnung ist Purrmann besonders im Gedächtnis geblieben:

"Ein Mann, der das Grab seiner Frau besuchen wollte, wich einem Trauerzug aus und fand sich plötzlich auf der Plauderbank wieder. Er war dankbar, kurz Luft holen zu können und einfach reden zu dürfen."

Eine andere Besucherin sprach ausführlich über ihren kranken Hund - ihr wichtigster sozialer Bezug. Solche Gespräche mögen banal wirken, sind aber für viele Betroffene ein seltenes Ventil.

Keine Bank gegen Einsamkeit, aber ein Anfang

Die Ehrenamtlichen sind überzeugt: Eine Bank kann Einsamkeit nicht beseitigen aber sie kann Türen öffnen. "Das Thema Sterben und Trauer ist noch immer ein Tabu", sagt Purrmann. "Deshalb ist es wichtig, dass die Plauderbänke betreut bleiben. Allein wären sie schnell wieder nur Sitzgelegenheiten."

Positiv: Bisher gab es keine Fälle von Vandalismus. Die Bänke werden gepflegt, respektiert und zunehmend als fester Bestandteil der Friedhofslandschaft wahrgenommen.

Das Projektteam möchte das Angebot weiter ausbauen. Neben den festen Standorten gibt es inzwischen eine "mobile Plauderbank", die bei Veranstaltungen eingesetzt wird. Außerdem entstanden ergänzende Gruppenangebote wie das Handarbeitsprojekt "Wollgeflüster" oder ein Skat-Stammtisch, um den Austausch zu fördern. "Wir prüfen derzeit, ob künftig auch außerhalb der Friedhöfe neue Bänke entstehen können", heißt es von der Caritas.

Vernetzte Initiativen über Sachsen hinaus

Auch über Zwickau hinaus entstehen ähnliche Angebote. In Erfurt und Gera wurden im Rahmen des Thüringer Landesprogramms Agathe Plauderbänke eingeweiht, die speziell auf die Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnitten sind - mit erhöhter Sitzfläche, Rückenlehne und Platz für Rollatoren. Weitere Infos zum Programm Agathe hier.

Diese Form des Austauschs soll Nachbarschaft fördern und Menschen helfen, länger selbstständig im vertrauten Umfeld zu leben. "Miteinander reden statt übereinander", fasste Erfurts Bürgermeisterin Anke Hofmann-Domke bei der Eröffnung treffend zusammen.

Fazit: Einfache Idee, nachhaltige Wirkung

Die Plauderbank ist kein Allheilmittel gegen Einsamkeit - aber sie ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Begegnung zählt.

Sie macht aufmerksam auf ein Thema, das oft übersehen wird, und bietet eine Gelegenheit, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen - sei es beim Spaziergang, beim Friedhofsbesuch oder einfach auf einer Bank in der Sonne.

Zwickau zeigt dabei eindrucksvoll, wie Engagement, Empathie und Ehrenamt zusammenwirken können. Die roten Decken, die Thermoskannen und die freundlichen Ehrenamtlichen auf den Plauderbänken sind kleine, aber wirksame Gegenentwürfe zur wachsenden sozialen Isolation - Gespräch für Gespräch.

Auch interessant für dich