Eine Enkelin sucht nach Antworten: Theater als Weg zu Verstehen und Erinnerung

Figurentheaterdirektorin Gundula Hoffmann verarbeitet in ihrem Stück die Geschichte ihres Großvaters – und öffnet damit Türen in die Vergangenheit.

Zwickau

Das Theater Plauen-Zwickau war am vergangenen Donnerstag und Freitag Gastgeber eines besonderen Theaterereignisses: Unter dem Titel "Inside Outside Europe" präsentierten die großen Stadttheater der Kulturhauptstadtregion - Freiberg-Döbeln, Annaberg-Buchholz, Chemnitz und Plauen-Zwickau - vier Uraufführungen, die eigens für das Kulturhauptstadtjahr Chemnitz 2025 entwickelt wurden. Jedes der Werke war ein individueller Blick auf Europa, begleitet von Stückeinführungen und intensiven Publikumsgesprächen.

 

Ein Puppenspiel auf Spurensuche in der Familiengeschichte

Besonders viele Fragen und Emotionen löste das persönlichste der vier Werke aus - "Versuch über meinen Großvater", das am zweiten Abend gezeigt wurde. Im Mittelpunkt steht die Figurentheaterdirektorin Gundula Hoffmann, die zugleich Initiatorin, Darstellerin und Enkelin des titelgebenden Großvaters ist.

 

Die Bühnenfassung der Uraufführung, in der parallel die Geschichte des jüdischen Mikrobiologen Ludwik Fleck (1891-1961) erzählt wird, schrieb Karen Breese, die auch Regie führte.

 

Von Zwickau nach Chemnitz

Gundula Hoffmann leitet seit ihrem Weggang im Jahr 2014 vom Zwickauer Puppentheater das Chemnitzer Figurentheater. Im Rechercheprojekt "Versuch über meinen Großvater" des Figurentheaters geht es um ihren 1968 verstorbenen Großvater Heinrich Hoffmann. 1897 in Sudetendeutschland geboren, arbeitet Henrich Hoffmann ab 1924 als Distriktarzt in Rückersdorf, wo er mit seiner Frau und den Kindern Günter, Erika, Rüdiger und Ingrid lebt. Den ältesten, 1928 geborenen, der im Stück Alfred heißt, fragt die Enkelin Frida (Gundula Hoffmann) über ihren Großvater aus. Denn im Gegensatz zu ihrem 1944 geborenen Vater, sollte er ihrer Meinung nach mehr wissen über die Tätigkeit ihres Großvaters Heinrich in den Jahren 1942 - 1944 als Seuchenreferent und stellvertretender Leiter des Gesundheitswesens in Lemberg (heute Lwiw, Ukraine).

 

Schweigen brechen, Geschichte begreifen

"Ich war 45, so alt wie mein Großvater, als er nach Galizien kam", erzählt Hoffmann. Damals begann sie ihre Recherchen - in Archiven, Familienalben, Gesprächen. Der Besuch des ehemaligen Wohnhauses in Rückersdorf war ein prägender Moment. Unter einem losen Dielenbrett am Treppengeländer fanden sich alte Fotonegative - keine brisanten Dokumente, sondern harmlose Familienfotos. "Auf einem fährt mein Onkel Ski", berichtet Gundula Hoffmann, die betont, dass es ihr bei ihrer Recherche nicht darum ging, zu sagen, dass ihr Großvater einer von den vielen tausenden Nazis war und, dass sie ihn verurteilt. "Natürlich verurteile ich ihn, doch ich bin nicht in seiner Situation, deswegen ging es mir nicht darum ihn aus unserer moralisch privilegierten Zeit zu verurteilen, sondern eher versuchen, sich ihm anzunähern, ihn verstehen zu können und zu verstehen, was das Thema vererbte Traumata mit einem macht." Sie habe das auch für ihre drei Kinder getan (14, 10 und 2 Jahre). "Ich denke damit habe ich auch den Kreis gebrochen, denn es wird jetzt darüber gesprochen." Alle Lücken konnte sie zwar nicht schließen, denn in den Tausenden Dokumenten, die sie in Archiven durchforstet haben, fanden sie nichts Relevantes über ihren Großvater, der im Frühjahr 1945 nach Rückersdorf zurückkehrte, im Juni 1945 für seine Mitgliedschaft in der NSDAP verhaftet, 1947 freigelassen, 1948 in mit Familie in die SBZ ausgesiedelt wurde, wo er in Erfurt als Seuchenexperte und Lungenarzt schnell wieder eine Existenz aufbaut.

 

Sie habe noch ganz viele Fragezeichen, so die Enkelin. Sicher könnte die Geschichte ihres Großvaters noch etwas differenzierter erzählt werden. "Es gibt Aussagen von jüdischen und tschechischen Zeugen, die meinen Großvater verteidigt und ausgesagt haben, dass er ihnen geholfen hatte. Das erzählen wir im Stück nicht. Aber diese Zeugenaussagen gibt es. Und es ist kein ,whitewashing‘ (= Vertuschung) von den Deutschen, die versucht haben, ihn aus der Haft herauszuholen, sondern Aussagen von den Menschen, die es tatsächlich betreffen können."

 

Große Resonanz auf ein sensibles Thema

Die Zuschauer fanden das Stück berührend, die Puppen fantastisch, das Interagieren zwischen Puppe und Mensch faszinierend und die Offenheit von Gundula bewundernswert.

 

Weitere Aufführungen in Chemnitz

Wer das Puppenspiel als Teil der Tetralogie ""Chemnitz 2025: Inside Outside Europa" verpasst hat, kann das Stück "Versuch über meinen Großvater" in Chemnitzer Spinnbau am 7. November (18 Uhr) und am 27. November (20 Uhr) erleben.

 

Ein Festival, das Brücken schlägt mit Abschluss im Erzgebirge

Das Festival "Chemnitz 2025: Inside Outside Europa" geht am 30. Oktober in Annaberg-Buchholz in letzte Runde. Das Theater Plauen-Zwickau präsentiert das absolut sehenswerte Stück "EUdaimonía", das auf persönliche Erfahrungen der georgischen Autorin und Regisseurin Tamó Gvenetadze mit deutscher Bürokratie basiert.

 

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