Ex-DDR-Meister Thomas Wittig ist 70

Vogtländer hat vor allem am Sachsenring viel erlebt

Sachsenring

Auch Thomas Wittig gehört zu jenen ehemals aktiven Motorrad-Rennfahrern, die nicht von ihrem Sport loskommen. Der DDR-Meister von 1983 feiert heute sein 70. Wiegenfest

Sportliche Laufbahn

Seine motorsportliche Laufbahn begann der am 27. Dezember 1955 im vogtländischen Schnarrtanne geborene Thomas Wittig 1976. Damals beteiligte er sich mit einer MZ-TS 150 sporadisch an Bergrennen. Im darauffolgenden Jahr 1977 fand er den Weg zur Rundstrecke und trat in der Klasse bis 250 ccm Ausweis Leistungsklasse II an. Sein erstes Rundstreckenrennen war jenes auf dem Sachsenring, bei dem er mit seiner MZ-RE unter über 30 Startern sogleich auf dem guten sechsten Rang ins Ziel kam. Der Sachsenring sollte in seiner weiteren Karriere noch eine besondere Stellung einnehmen. So kam er hier beispielsweise in den folgenden zwei Jahren jeweils auf Platz drei ins Ziel und somit aufs Podest. Weitere vordere Platzierungen bei den anderen beiden übriggebliebenen Rundstreckenrennen der DDR, Schleiz und Frohburg, in der Saison 1979 ermöglichten ihm den Aufstieg in die 250er-Lizenzklasse. Weitere zwei Jahre später gehörte er schon zur Nationalmannschaft.

 

Mit Konstanz zum Titel

Neben seinen unbestrittenen fahrerischen Qualitäten hatte er mit seiner SWG-Eigenbau einen Untersatz, der im halbinternationalen Vergleich zumindest einigermaßen mithalten konnte. Die SWG-Eigenbau war Motorrad, das von einem Yamaha-Motor befeuert wurde und von den Auerbacher Ex-Rennfahrern Erich Schulten und Michael Gruschwitz, zusammen mit Thomas Wittig, auf die Räder gestellt wurde.

Die DDR-Meisterschaft umfasste damals lediglich die drei bereits erwähnten Rundstreckenrennen, sowie zwei bis drei Bergrennen mit halber Punktzahl. Somit war es enorm wichtig, vom Ausfallpech verschont zu bleiben.

1983 war dann Thomas Wittigs Jahr. In Schleiz passierte er im Regen als Achter die Ziellinie und war damit bester DDR-Fahrer. Auch auf den beiden anderen Rundkursen klassierte er sich in den Top-3 der DDR-Fahrer und gewann somit die Lauf-arme Meisterschaft.

Im darauffolgenden Jahr folgte er dann seinem Ex-Clubkameraden Stefan Tennstädt und wechselte ebenfalls vom MC Auerbach zum am Sachsenring beheimateten MC Hohenstein-Ernstthal. Dieser versuchte nach dem Rücktritt seiner Aushängeschilder in der DDR-Königsklasse (bis 250 ccm Lizenz) Frank Wendler und Bernd Dörffeldt die entstandene Lücke zu schließen und konnte, wie der MSC Schleizer Dreieck und wenngleich in insgesamt begrenzten Maße, auf zumindest etwas größere Ressourcen als manch anderer DDR-Motorsportclub zurückgreifen.

 

Teil 2 der Karriere im Westen

Thomas Wittig konnte zwar 1986 noch einmal DDR-Vizemeister werden, aber zum ganz großen Wurf sollte es dem gelernten Diplom-Ingenieur für Feinwerktechnik nicht mehr reichen. Andere hatten das Glück des Tüchtigen. Schade, dass im DDR-Rennsport so viel von Glücksgöttin Fortuna abhing. Trotzdem waren meist die Gesamtsieger auch verdiente Meister.

1987 erlebte Thomas Wittig, wiederum am Sachsenring, sein letztes Highlight im DDR-Rennsport. Hinter den Ungarn Janos Szabo, Laszlo Nagy, und Lajos Hagymasi mit ihren überlegenen, ladenneuen Yamaha-Production-Racern schrammte er mit Rang vier knapp am Podest vorbei. Allerdings wurde er, mutmaßlich weil er da bereits offiziell einen Ausreiseantrag in die BRD gestellt hatte, anschließend mit einer fadenscheinigen Begründung disqualifiziert.

Beim nächsten Lauf in Schleiz ging Thomas Wittig dann nicht mehr an den Start. Der besagte Ausreiseantrag bewog die Funktionäre, ihm die internationale Lizenz zu entziehen. Daraufhin verkaufte er sein Material, es war inzwischen eine 1986er-Armstrong-Rotax gespickt mit Eigenbau-Komponenten, an Thomas Lucas. Der Freiberger hatte zuvor schon Thomas Wittigs Yamaha gekauft.

Im darauffolgenden Jahr entsprachen die DDR-Behörden Thomas Wittigs Ausreiseantrag. Seitdem lebt er in Regensburg und konnte mit seiner Qualifikation auch beruflich schnell Fuß fassen. Sportlicherseits wagte er bereits 1989 mit einer 250er des Westdeutschen Martin Fueg das Abenteuer Deutsche Motorradmeisterschaft. 1990 erwarb er dann eine Yamaha vom Schweizer Herbert Graf. Die begrenzten finanziellen Möglichkeiten und Startfelder von mehr als 50 Fahrern vereitelten allerdings größere Erfolge.

 

Verhängnisvolles Sachsenring-Rennen 1990

1990, der "antiimperialistische Schutzwall" war noch frisch von den zu Beschützenden selbst eingerissen worden, kehrte Thomas Wittig zum Sachsenring zum letzten Rennen auf dem alten 8,618 Kilometer langen Berg- und Talkurs zurück. Auf der Abfahrt vom "Heiteren Blick" zur "Queckenbergkurve" stürzte er dann im Training auf Grund einer Kollision mit einem langsameren Fahrer so schwer, dass er eine zweijährige Genesungszeit über sich ergehen lassen musste. Im linken Arm waren die Nervenstränge beschädigt, was eine bis heute bleibende Behinderung darstellt. Später verlor er dadurch auch noch seinen Arbeitsplatz.

An jenem ersten Renntag auf dem Sachsenring 1990, Samstag der 7. Juli, stand für die Klasse bis 250 ccm Zweizylinder das Abschlusstraining auf dem Programm, an das Thomas Wittig noch folgende Erinnerungen hat: "Im Rechtsknick vor der Queckenbergkurve war vor mir ein sehr langsamer Fahrer. Üblicherweise zieht man in der Kurve nach innen, sodass ich ihn außen rum überholen wollte. Doch er zog nicht nach innen, sodass mir außen der Platz ausging. Ich erinnere mich nur noch an sein grünes Heck, danach ist der Film weg. Als nächstes erinnere ich mich, dass ich am gleichen Nachmittag im Krankenhaus Glauchau aufwachte. Man sagte mir, dass ich keine Knochenbrüche oder innere Verletzungen hätte, aber mein linker Arm war arg in Mitleidenschaft gezogen. Der Plexus (Nervengeflecht) war stark überdehnt."

Eigentlich wäre der damalige Ex-DDR-ler gar nicht am Sachsenring gestartet, doch stimmten ihn Kollegen mit der Aussage, dass er von 1987 doch noch eine Rechnung offen habe, um.

Ein schlechtes Omen war zudem, dass er seine Startnummer 17 nicht bekam, sondern die "27". So war sein erster Gedanke an tödlich verunglückten Olaf Zingel, der diese Nummer bei den DDR-Rennen trug. Auch Startgeld bekam er übrigens nicht. Nach seinem Unfall kamen zwei Offizielle zu ihm ins Krankenhaus und hatten nichts Besseres zu tun, als ihm vom Todessturz seines Weggefährten Bernhard Findeisen zu berichten.

 

Comeback mit 43

Die eingeschränkte Bewegungsmöglichkeit machte eine Umschulung erforderlich. Sein neuer Job als Hörgerätetechniker machte ihm dann genauso viel Spaß, wie sein vorheriger.

Unzufrieden über dieses Karriereende, streifte er sich in der Saison 1999 noch einmal die Rennkombi über und fuhr den MuZ-Cup. "Ich war beim Neustart des Grand Prix auf dem Sachsenring zum Zuschauen und habe MuZ-Cup lustig gefunden. Ein Schleizer MZ-Händler hat mir ein gutes Angebot gemacht, da bin ich halt noch mal mitgefahren. Der Cup war toll organisiert, aber die Scorpion war halt kein Renn-, sondern ein Straßenmotorrad. Die Jungen haben mich in dem Jahr drei Mal runtergefahren, da habe ich wieder aufgehört", erklärte er zu seinem Comeback mit 43 Jahren. Und weiter: "Mein Karriereende hatte ich mir etwas anders vorgestellt als wie es 1990 geschah. Ich wollte es selbst bestimmen, deshalb trat ich noch einmal im preiswerten MuZ-Cup an. Ich konnte und kann meinen linken Arm zwar nicht mehr bis auf Schulterhöhe anheben, aber dachte anfangs noch, dass mich dies beim Fahren kaum behindert. Im Laufe der Saison musste ich dann feststellen, dass ich das Motorrad nicht mehr so steuern kann wie ich mir das wünschte." Nach diesem einen Jahr beendete er seine aktive Rennfahrer-Karriere endgültig.

 

Nächster Neustart im Klassik-Bereich

Dachte er damals zumindest, denn nachdem er zum Jubiläum "70 Jahre Sachsenring", welches 1997 im Rahmen der IDM inklusive der Pro Superbike gefeiert wurde, seine letzte Yamaha wieder hervor geholt hatte und mit dieser sporadisch an Klassik-Demonstrationsfahrten, zum Beispiel auch auf dem Zschorlauer Dreieck, teilgenommen hatte, wurde daraus später mehr.

So betrachtete auch er es als Glücksfall, dass 2010 die Klassik Trophy, die spätere Moto Trophy, ins Leben gerufen wurde. Sein erstes 250er-Rennen bestritt er 2013 beim Joey Dunlop Memorial auf dem Frohburger Dreieck. Dabei waren er mit seiner 250er und der Ex-Grand-Prix-Fahrer Johan ten Napel aus den Niederlanden mit einer 350er die Schnellsten. Ten Napel gewann das Rennen am Samstag insgesamt und Thomas Wittig wurde Zweiter. Am Sonntag hatte der gebürtige Vogtländer die Nase vorn. "Das war in meiner ganzen Karriere das erste Mal, dass ich als Erster an der schwarz-weiß-karierten Flagge vorbeigefahren bin. Ich war zwar DDR-Meister und Vize und so weiter, aber damals haben die Ungarn und andere internationale Fahrer alles gewonnen. Später bin ich bei der Klassik Trophy einfach mal mitgefahren und am Jahresende war ich Gesamtzweiter. Danach war ich meistens unter den ersten fünf der Gesamtwertung."

Leider wurde die Moto Trophy Ende 2024, zumindest in ihrer ursprünglichen Form mit zahlreichen verschiedenen Klassen und als eigenständige Serie, eingestellt, doch einige Classic-Events haben überlebt und bieten auch Thomas Wittig weiterhin die eine oder andere Gelegenheit zum Fahren.

 

Habt ihr eine Meinung zu diesem Artikel oder einen Fehler entdeckt? Dann weist uns gern darauf hin.

Auch interessant für dich