Gänsehautmoment bei „Classics unter Sternen“: Vater dankt für Unterstützung nach Schicksalsschlag

3000 Zuschauer erlebten bei Classics unter Sternen einen Gänsehautmoment, der nicht auf dem Programm stand, aber einem Vater ermöglichte, den Menschen zu danken, die seine Familie in den dunkelsten Stunden ihres Lebens unterstützten.

Zwickau

"Das Leben ist nicht fair" - diesen Satz kennt man aus Herbert Grönemeyers Song "Der Weg", den der Sänger seiner Frau widmete. Zu hören war er am Samstag bei Classics unter Sternen auf dem Zwickauer Hauptmarkt zwar nicht. Doch dieser Gedanke kam wohl jedem der 3000 Zuschauer, nachdem sie von dem harten Schicksalsschlag erfuhren, der vor einem Jahr völlig unerwartet die Planitzer Familie Igel traf.

 

Emotionale Worte mitten im Konzert

Diese Minuten, in denen Ronny Igel über die dunkelsten Stunden seines Lebens berichtete, wurden zu den berührendsten eines Abends voller großer Emotionen. Ronny Igel, dessen Name nicht im Programm stand, betrat die Bühne mit einem "Spickzettel" aus A4-Blättern. "Ohne Zettel schaffe ich es nicht", sagte der 49-Jährige, der - wie er auf der Bühne verriet - nach einem geeigneten Rahmen gesucht hatte, um sich bei den vielen Menschen zu bedanken, die die Familie in den schwersten Stunden ihres Lebens unterstützten, als ihre 16-jährige Tochter an einem seltenen Knochenkrebs im Bein erkrankte.

Der Vater überrascht seine Familie

Seine Stimme geriet immer wieder ins Stocken, kurze Pausen zum Durchatmen folgten. "Als klar wurde, dass unsere Tochter Marie es körperlich schafft, mit ihrem Chor bei Classics aufzutreten, fragte ich bei Krauß Event, ob es möglich wäre, während des Konzertes ein paar Dankesworte zu sprechen. Und auch wenn die Entscheidung und die Anfrage sehr kurzfristig waren, hatte ich sofort eine Zusage von Krauß Event."

Seiner Frau und seiner Tochter verriet er nichts - bis zum Erscheinen auf der Bühne. "Ich wusste, sie hätten es mir sonst ausgeredet. Es war aber mein innigstes Herzensanliegen."

 

Ein Moment der Überraschung und des Innehaltens

Deswegen sagte er seiner Frau kurz vor dem Pausenende, er müsse kurz auf die Toilette. "Und dann kam und kam er nicht, mir war schon richtig schlecht, ich wollte ihn schon suchen gehen, aber dann sah ich ihn plötzlich auf der Bühne stehen - mit einem Mikrofon", erzählte Andrea Igel.

Während sie sich Sorgen um ihren Mann machte, sang ihre Tochter Marie mit dem Chor des Clara-Wieck-Gymnasiums "Fix You" von Coldplay. Ein Song, in dem es - übersetzt ins Deutsche - heißt: "Verzage nicht, mein Licht wird dich in der Dunkelheit wärmen und sicher heimgeleiten. Ich bin an deiner Seite und werde dich wieder aufrichten." Und: "Doch nur wer an die eigenen Grenzen stößt, erkennt sich selbst."

 

Die Entscheidung fürs Leben

Die Elftklässlerin des Clara-Wieck-Gymnasiums bot der Krankheit die Stirn, indem sie sich für die Amputation ihres rechten Beines und damit für das Leben entschied.

 

Stolz und Anerkennung vom Chorleiter

Simon Voigtländer, Lehrer und Chorleiter am Clara-Wieck-Gymnasium, sagte nach dem Verklingen des Songs: "Unsere Marie Igel hat sich zurückgekämpft ins Leben, viele Rückschläge erlitten, sie ist heute wieder dabei, steht ganz vorn im Sopran. Wir sind so stolz, dass sie das aus eigener Kraft geschafft hat."

 

Ein Appell an alle, die Ähnliches erleben

Und dann sprach Maries Vater Ronny Igel: "Seit der Erkrankung unserer Tochter hat sich mit einem Schlag vieles geändert. Geschockt und körperlich im absoluten Ausnahmezustand mussten wir irgendwie die Kraft finden, weiterzumachen. Alles ging rasend schnell und fühlte sich unwirklich an. Es gab viele Tiefpunkte, und wir möchten an dieser Stelle allen Mut machen, die Ähnliches durchmachen müssen: Habt Hoffnung, Kraft und Zuversicht.

Dass wir heute wieder lachen und Pläne fürs Leben schmieden können, haben wir vielen Menschen in unserem Umfeld zu verdanken - Familie, Freunden, Kollegen, Bekannten und völlig unbekannten Menschen."

Er freute sich riesig, dass Marie nach langer Zeit erstmals wieder mitwirken konnte.

 

Unterstützung durch Familie, Kollegen und Mitschüler

Es waren sehr schwere Zeiten auch für Maries Großeltern, sagte der 49-Jährige. "Wir haben zusammen gelitten, gehofft und gekämpft. Wenn bei einem die Kraft zu Ende war, hat der andere ihn wieder aufgerichtet."

Sohn Max, der gerade erst mit dem Studium begonnen hatte und mitten im Umzug war, leistete ebenso seinen Beitrag. "Unsere Arbeitskollegen haben viel Verständnis gezeigt. Sie haben mir den Rücken freigehalten und sogar einen Teil ihrer Überstunden auf mein Zeitkonto gutgeschrieben - Zeit, um für meine Tochter da zu sein."

Das Clara-Wieck-Gymnasium organisierte Online-Unterricht, Mitschüler halfen, wo es ging.

 

Ein unvergessliches Erlebnis mit Ben Zucker

"Musik ist für Marie eine Energiequelle. Am 15. November wollte sie zum Konzert von Ben Zucker in die Stadthalle gehen. Mit den Folgen der Therapie war das nicht möglich. Nach ein paar Telefonaten hat sich das Management bei uns gemeldet. Marie durfte am Nachmittag beim Soundcheck dabei sein. Ihr wurde ein Stuhl in den noch leeren Zuschauerraum gestellt, und am Ende kam Ben und plauschte mit ihr. Ein unvergessliches Erlebnis, das Marie viel Kraft gegeben hat. Vielen Dank dafür, Monique Riemenschneider von Kultour Z."

 

Eine Liebeserklärung an seine Frau

Ronny Igel nutzte die Gelegenheit, seiner Frau öffentlich zu danken: "Jeden Tag am Bett in der Klinik sitzen und sehen, wie dein Kind ums Überleben kämpft - das erfordert extrem viel Kraft. Jeden Tag Trost spenden, jeden Tag stark sein. Für uns ist dieser Fels in der Brandung meine Frau Andrea. Ohne dich hätte Marie das nicht geschafft. Kein Superlativ würde reichen, um das Geleistete zu würdigen."

Eine Liebeserklärung als nachträgliches Geschenk zur Silberhochzeit, die umstandshalber nicht groß gefeiert wurde.

 

Stehende Ovationen für Mut und Dankbarkeit

Nach seinen letzten Worten auf der Bühne kam Marie auf ihren Vater zu und umarmte ihn. Das Publikum schien den Atem anzuhalten. Einige wischten sich verstohlen die Augen trocken, bei anderen kullerten die Tränen ganz ungebremst.

Dann erhoben sich 3000 Menschen und applaudierten stehend - dem Vater und der Tochter auf der Bühne - für ihren Mut.

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