In den 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre bediente sich MZ im Motorrad-Grand-Prix-Sport immer wieder auch internationaler Spitzenfahrer. Einer ihrer Besten war der Italiener Silvio Grassetti. Heute jährt sich sein Geburtstag zum 90. Mal.
Gute MZ-Heimbilanz auf dem Sachsenring
Als der (alte) Sachsenring 1961 erstmals in den Kalender der Motorrad-Weltmeisterschaft aufgenommen wurde, waren die sächsischen Rennfans natürlich insgesamt Feuer und Flamme. Die enormen Zuschauerzahlen waren historisch gewachsen, denn die sächsischen Berg- und Talbahn vor den Toren Hohenstein-Ernsthals war praktisch die Heimstätte der Motorradbauer DKW bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg MZ. Total aus dem Häuschen waren sie, wenn einer der „ihren“ aufs Podest oder gar zum Sieg fuhr.
In der ersten von 1961 bis 1972 währenden WM-Ära schenkten MZ nationale Rennfahrer, aber auch internationale Top-Stars insgesamt 18 Podestplätze. Herausragend sind dabei die beiden Siege durch Ernst Degner 1961 im Rennen der 125-ccm-Klasse sowie Mike „The Bike“ Hailwood 1963, als er in der Viertelliterklasse alle anderen hinter sich ließ.
Für weitere MZ-Podestplätze sorgten Mike Hailwood ein weiteres Mal sowie Hans Fischer, Werner Musiol, die Briten Alan Shepherd (2 x) und Derek Woodman (4 x), Dieter Krumpholz, Günter Bartusch, Heinz Rosner (3 x), Friedhelm Kohlar und der Italiener Silvio Grassetti. Der Mann aus dem Stiefelland wurde 1970 Zweiter im Rennen der 250er. Es sollte der letzte Podestplatz eines MZ-Piloten sein. Heute würde er 90.
Neben MZ auch für Jawa
Auch wenn er nicht zu Weltmeisterehren kam und etliche seiner Landsleute teilweise über mehrere Jahre den Grand-Prix-Sport dominierten, war der am 24. Februar 1936 in Montecchio unweit von San Marino und Pesaro geborene Silvio Grassetti einer der erfolgreichsten Piloten Italiens.
Zu seiner aktiven Zeit hatten sich verschiedene renommierte italienische Marken aus dem GP-Sport zurück gezogen und die Japaner hatten, vorerst noch in den kleinen Hubraumklassen, das Kommando übernommen. Doch weder noch feierte Silvio Grassetti seine größten Erfolge auf Fabrikaten des damaligen Ostblocks.
Durchbruch in der Saison 1969
So zum Beispiel 1969. Die Saison begann er in der 350-ccm-Klasse auf einer privaten Yamaha. In Assen fuhr er damit hinter dem Serienweltmeister auf MV Agusta, Giacomo Agostini, sowie Jawa-As Bill Ivy und noch vor MZ-Ikone Heinz Rosner auf Platz drei. Am Sachsenring brachte er eine Benelli an den Start, kam in Folge eines technischen Defekts aber nicht ins Ziel. Leider kam Bill Ivy am Trainingssamstag mit dem tschechischen Vierzylinder-Zweitakter mutmaßlich wegen eines blockierenden Motors ums Leben, woraufhin Silvio Grassetti zu Jawa kam. Sein erstes Rennen war gleich das Heimrennen seines neuen Arbeitgebers in Brno, wo er wieder Dritter wurde. In Imola kam er dann hinter Phil Read auf Platz zwei. Beim Saisonfinale im damals jugoslawischen Opatija gewann Grassetti in Abwesenheit zahlreicher Spitzenfahrer schließlich seinen ersten Grand Prix. Mit diesem Finish sicherte er sich hinter dem längst als Champion feststehenden Giacomo Agostini die Vize-Weltmeisterschaft 1969.
Vielumjubelter Zweiter auf dem Sachsenring
Auch im darauffolgenden Jahr wechselte der Italiener des Öfteren die Motorräder. In Opatija fuhr er bei den 350ern als Dritter hinter „Ago Nazionale“ und dem Australier Kel Carruthers (Benelli) wieder aufs Podest. In Assen kam er in der Viertelliterklasse auf Yamaha zu zwei WM-Punkten, um zwei Rennen später am Sachsenring eine Werks-MZ zu pilotieren. Mit ihm, dem Westdeutschen Dieter Braun und dem Ostdeutschen Günter Bartusch hatten die Zschopauer gleich mehrere heiße Eisen im Feuer. Das hochdramatische Rennen gewann der spätere Weltmeister Rodney Gould auf Yamaha, nachdem der amtierende Champion Kel Carruthers seine Maschine gleicher Marke abstellen musste. Dahinter erlebten die über 200.000 Zuschauer den packenden Kampf einer Vierergruppe, zu der neben Kent Andersson und Jarno Saarinen auch Silvio Grassetti und Dieter Braun gehörten. In der vorletzten Runde gab die Braun´sche MZ leider den Geist auf, sodass Grassetti für den Schlussspurt auf sich alleine gestellt war.
Der Italiener rang die beiden Yamaha-Piloten schließlich nieder und kam als strahlender und vielumjubelter Zweiter zur Siegerehrung. Bei seinem Heimrennen in Monza lenkte Grassetti dann wieder eine 350er-Jawa, und zwar auf Rang fünf.
Zwei Grand-Prix-Siege in einem Jahr
1971 konzentrierte sich Grassetti auf die 250-ccm-Klasse und MZ. Mit einem Paukenschlag startete er in die neue Saison, als er auf dem Salzburgring gleich einmal das Rennen der Klasse bis 250 ccm gewann. Im belgischen Spa-Francorchamps wiederholte er diesen Triumph, was die Erwartungshaltung für das Heimrennen von MZ auf dem Sachsenring natürlich weiter erhöhte. Doch an diesem Tag war gegen die übermächtigen Yamaha nichts zu holen.
Als bester Fahrer einer anderen Marke kam Silvio Grassetti als Achter ins Ziel. Beim Großen Preis der Nationen in Monza raste er als Dritter über den Zielstrich, doch trotz seiner zwei Saisonsiege sowie dieses dritten Platzes landete er in der Endabrechnung nur auf Rang sieben.
Letzte WM-Punkte und Karriereende
1972 holte Grassetti mit den Plätzen zwei in Imatra, fünf in Imola und Brünn, sieben in Assen und neun in Anderstorp noch einmal wichtige Punkte für sich und MZ in der Viertelliterklasse. Dem fügte er ein Jahr später noch einen feinen zweiten Platz in Opatija hinzu.
So wie sich jedoch MZ sukzessive werkseitig aus dem Straßenrennsport zurück zog, neigte sich auch Grassettis Karriere dem Ende zu. Mit seinen Leistungen hat er sich aber nicht nur in den MZ-Geschichtsbüchern einen Eintrag gesichert.
Guter Schnitt
Zwischen seinem ersten zaghaften Versuch in der Motorrad-WM 1959 bei der Dutch TT in Assen und seinem letzten WM-Rennen 1973 ebenda, hatte Silvio Grassetti an 44 Grand Prix teilgenommen, davon drei gewonnen und insgesamt 21 Podestplätze erzielt.
Am 9. September 2018 verstarb er im Alter von 82 Jahren.
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