Sachsenring und der Moment des Unfalls: Wie blinde Menschen ihn erleben

Am Sachsenring in Oberlungwitz erleben Menschen mit Sehbehinderung einen simulierten Unfall

Oberlungwitz

Dienstagnachmittag am Sachsenring. Stimmen mischen sich mit dem leisen Klacken von Sicherheitsgurten, Schritte tasten sich vor Hände streifen über Metall. Für die Teilnehmenden dieses besonderen Seminars ist Sehen keine Selbstverständlichkeit. Sie sind blind, oder sehbehindert.

Der Augenblick, in dem die Welt sich dreht

Der Überschlag-Simulator wirkt zunächst unscheinbar. Stabil, technisch, fast nüchtern. Doch was darin passiert, ist alles andere als das.

Eine Teilnehmeinr nimmt Platz. Der Gurt zieht sich fest über Brust und Becken. Ein leises Einrasten – dann Bewegung. Langsam kippt das Fahrzeug. Die Orientierung beginnt zu verschwimmen. Oben und unten verlieren ihre Bedeutung.

Für sehende Menschen ist ein Überschlag ein visuelles Chaos. Für blinde und sehbehinderte Menschen ist es etwas anderes: ein intensives Spiel aus Schwerkraft, Druck, Geräuschen und Körpergefühl.

Fühlen statt sehen: Unfallerfahrung mit allen Sinnen

Organisiert wurde dieses besondere Projekt von der Aura-Pension „Villa Rochsburg“, einer Einrichtung des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Sachsen e. V. und eine von deutschlandweit nur noch drei spezialisierten Begegnungs- und Bildungsstätten für blinde und sehbehinderte Menschen. Unter dem Leitgedanken „Blind sein und dennoch Auto fahren“ erleben die Teilnehmenden neue Formen von Mobilität.

Am Vormittag konnten sie auf einem Verkehrsübungsplatz in Chemnitz selbst ein Fahrzeug lenken – der Nachmittag am Sachsenring führt sie noch einen Schritt weiter: dorthin, wo Kontrolle plötzlich verloren geht.

Übung für den Ernstfall

Was hier passiert, ist keine Show. Es ist ein bewusst inszenierter Ernstfall.

Die Teilnehmenden erleben:

  1. wie sich ein Fahrzeug anfühlt, wenn es auf dem Dach liegt
  2. wie der eigene Körper kopfüber reagiert
  3. wie wichtig die richtige Sitzposition und Gurtspannung sind
  4. wie man sich kontrolliert und ohne Verletzung befreit

Gerade für Menschen mit Sehbehinderung wird dieser Moment zu einer hochkonzentrierten Sinneserfahrung.

Das Knarzen der Konstruktion. Der Druck des Gurtes auf der Brust. Die eigene Atmung, plötzlich lauter.

Und dann: die Aufgabe.

Der Weg zurück in die Kontrolle

„Jetzt lösen.“ Die Stimme des Trainers Sascha Major ist ruhig, klar, präsent.

Doch das ist leichter gesagt als getan. Wer kopfüber hängt, muss gegen die eigene Angst arbeiten. Gegen das Gefühl, gleich unkontrolliert auf das Dach zu fallen.

Die richtige Technik entscheidet: Erst abstützen. Körperspannung halten. Dann den Gurt lösen.

Ein kurzer Moment der Schwerelosigkeit – dann Kontakt. Sicher. Kontrolliert.

Mehr als ein Simulator: Ein Stück Selbstvertrauen

Für viele Teilnehmende ist dieser Moment entscheidend. Nicht nur, weil sie lernen, was im Notfall zu tun ist. Sondern weil sie erleben:

Ich kann handeln. Ich bin nicht hilflos.

Gerade im Kontext des Seminars bekommt der Überschlag-Simulator eine tiefere Bedeutung. Es geht nicht nur um Verkehrssicherheit. Es geht um Selbstwirksamkeit.

Um das Vertrauen in den eigenen Körper. Um die Fähigkeit, auch in Extremsituationen Entscheidungen zu treffen.

Freiheit beginnt im Kopf

Das Seminar zeigt eindrucksvoll, dass Mobilität nicht nur eine Frage des Sehens ist. Sondern des Erlebens, Verstehens und Vertrauens.

Der Überschlag-Simulator ist dabei kein Schockmoment, sondern ein Schlüssel. Ein Werkzeug, das Unsicherheit in Erfahrung verwandelt.

Und vielleicht auch ein Symbol: Dass selbst dann, wenn die Welt auf dem Kopf steht, ein Weg zurück in die Kontrolle möglich ist.

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