Burgstädt. Gunter Irmscher und seine Frau sind reiselustig und möchten noch viel von der Welt sehen. Nach der Coronapandemie wollen sie nun gemeinsam die wiedererlangten Reisefreiheiten intensiv nutzen. Der Burgstädter vergleicht das mit den neuen Möglichkeiten nach der politischen Wende in der DDR. "Auch damals konnten wir plötzlich reisen. Seitdem ist vieles selbstverständlich geworden, und erst durch solche Einschnitte wie die Pandemie, lernt man diese Freiheiten zu schätzen", erzählt er. In den vergangenen Jahrzehnten habe man bereits einige Länder der Welt gesehen. Nun zieht es das Rentnerehepaar mit seinem Wohnmobil allerdings vorerst nach Deutschland. Die Gründe dafür liegen in Irmschers DDR-Vergangenheit und auch in einer Begegnung beim diesjährigen Burgstädter Stadtfest.

Westbesuch wurde zum Problem

Seit 1975 war Gunter Irmscher als Zugführer und Offizier für politische Arbeit bei der Karl-Marx-Städter Bereitschaftspolizei tätig. "Zwischen dem, was ich bei meiner Arbeit sagen musste und dem, was ich privat dachte, gab es schon immer einen Zwiespalt", so der 69-Jährige. Gespräche mit Urlaubsbekanntschaften haben die Zweifel über das damalige System in ihm größer werden lassen. "In Ungarn und vor allem in Bulgarien trafen wir Menschen, die in der DDR Verantwortung in der Wirtschaft trugen. Diese Leute mit Einblick in das sozialistische Staatssystem berichteten bereits Anfang der 1980er Jahre von unüberwindbaren Differenzen", sagt Irmscher. Zurück in der Heimat habe das in ihm ein Umdenken bewirkt, aus dem mit der Zeit eine immer größer werdende Unzufriedenheit entstand. "Wir empfingen Besuch aus Westdeutschland und schauten Westfernsehen. In meiner damaligen Position hielt man mir das als Verstoß gegen die polizeiliche Geheimhaltungsordnung vor", erinnert er sich. Irmscher vermutet, dass abgefangene Briefe und Pakete der westdeutschen Urlaubsfreunde schließlich dazu führten, dass die Stasi auf ihn aufmerksam wurde. All das hat er jedoch erst lange nach der Wende erfahren. Als er Ende der 1990er Jahre Akteneinsicht bei der Stasi-Unterlagenbehörde beantragte, sei ihm ein dicker Aktenordner mit bis dahin ungeahnten Vorgängen vorgelegt worden, aus dem unter anderem hervorgehe, dass man ihm eine politisch labile Haltung bescheinige. Schon in der DDR befürchtete er, man könne ihn aus dem Polizeidienst entfernen. Warum das jedoch nie geschehen ist, gehe aus der Akte nicht hervor. Nach der Wende wurde Gunter Irmscher in die sächsische Polizei übernommen und arbeitete dort bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2012 in leitender Funktion. Über diese Abschnitte seines Lebens will er nun als Zeitzeuge berichten.

Es soll viel verreist werden

Reges Interesse an seiner Geschichte zeigt Stephan Haenes, Bürgermeister in Burgstädts hessischer Partnergemeinde Ahnatal, den Irmscher im Oktober 2022 zufällig auf dem Burgstädter Stadtfest trifft. Die Männer kommen ins Gespräch, erzählen sich ihre Lebensgeschichten und verstehen sich auf Anhieb. "Gunter Irmscher hat einen unheimlich hohen Wissensschatz. Ich glaube, dass das vor allem auch für junge Leute interessant sein kann, die wenig über die DDR wissen", sagt Haenes. Man befinde sich heute wieder in besonderen Zeiten, vergleichbar mit denen des Kalten Krieges. "Spontan habe ich Gunter eingeladen, um von seinen Erlebnissen zu berichten", so der hessische Kommunalpolitiker. Man plane nun im kommenden Jahr einen Vortrag beispielsweise im Bürgersaal des historischen Ahnataler Rathauses.

Irmscher sagt, er habe viel zu erzählen, vor allem aus der Zeit der politischen Wende in der DDR. Hier schließe sich auch der Kreis zu seiner Reiselust. Seit einigen Jahren sei er gemeinsam mit seiner Frau in einem Wohnmobil auf Tour und genieße die Möglichkeit, unabhängig Urlaub zu machen. Hessen fehle dabei jedoch noch auf der Liste der deutschen Reiseziele. Deshalb freue er sich besonders über die Einladung. Seine Frau habe in diesem Jahr auch das Rentenalter erreicht, deshalb wolle man die hinzugewonnene Zeit intensiv nutzen. "Deutschland ist schön. Solange es unsere Gesundheit erlaubt, wollen wir reisen und uns möglichst viele Bundesländer anschauen", so der pensionierte Polizist.