Es war als würden die Elemente miteinander kämpfen... Am Wochenende fand das 29. Full Force Festival auf der Halbinsel Ferropolis in Gräfenhainichen statt. Über 20.000 Besuchende reisten zum selbst ernannten "most metal place on earth", um drei Tage lang sämtliche Formen des Metal genießen zu können. Auf dem Animationsprogramm standen neben den Party-Abrissbirnen von Electric Callboy, auch Gojira - die französische und musikalische Reinkarnation von Godzilla - sowie die US-amerikanischen Jugendhelden von Papa Roach. Zwischen Pfützen-Moshen, Sonnenbad, Crowdsurfing, Erdbeerbowle und Zeltplatzromantik gab es viel zu erleben. Auf vier Bühnen versprach das Line-Up in diesem Jahr einige Kracher und Überraschungen bereit zu halten. 

Als ich am Freitag auf dem Yellow Campingground anreiste, dachte ich noch, ich wäre schlau gewesen und das Gewitter der letzten Nacht wäre vorüber. Nun, das war es auch. Auf dem Weg zum Festivalgelände überraschten die Wolken mich entgegen der Wettervorhersage dann aber doch mit: Regen. Meh. Ich war gerade auf dem Weg zu meinem Interviewtermin mit der Band "Motionless In White", als mich deren trockener Tourmanager klatschnass am Backstagebereich der Artists in Empfang nahm. So hatte ich mir mein erstes Treffen mit Chris Motionless zwar nicht vorgestellt, aber was soll's. Ich versuchte, mir meinen Stress nicht anmerken zu lassen und lächelte freundlich, während mir der Regen aus den Haaren übers Gesicht lief. Das war schon mal ein guter Start ins Festival, dachte ich. Gehyped von meinem wirklich tollen, angenehmen Interview, machte ich mich auf den Weg zurück zum Camp, denn ich brauchte etwas Trockenes zum Anziehen. Der Regen wurde nämlich immer stärker, was die Merchstände freute, denn so schnell wie nie waren die ganzen teuren Windbreaker mit Bandlogos sowie Regenponchos ausverkauft. Ich hatte zum Glück vorgesorgt. 

Chris Motionless energetisiert die Crowd

Der Regenponcho hielt mich jedoch so gar nicht trocken und die Laune der Festivalgäste sank. Da konnten auch die ersten Bands wie Caliban, ZSK oder Annisokay leider nicht viel ausrichten. Toller Start ins Festivalwochenende, dachte wir uns. Ständige Blicke aufs Regenradar zeigten keine Besserung vor 22 Uhr. Doch das sollte nicht ganz stimmen. Der Wettergott hatte nämlich Erbarmen mit uns und pustete die dicken Wolken bereits gegen 20 Uhr weg. 20.10 Uhr kamen dann Motionless In White auf die Bühne, eine meiner absoluten Lieblingsbands. Sie haben letztes Jahr das Album "Scoring The End Of The World" herausgebracht und freuten sich, das erste Mal seit 2017 wieder hier zu sein, denn MIW spielen super selten Festivals in Europa. Deshalb war es auch eine Ehre für mich, ein Interview mit der Band ergattert zu haben. 

Bei Sänger Chris Motionless war deutlich zu spüren, wie sehr er den Auftritt genoss. Die Crowd machte sowas von mit. Es war, als wöllte sie die Freiheit der Regenponchos in Form von Circle und Mosh Pits feiern. Den Regen einfach wegtanzen und headbangen war die Devise. Das Konzert war super toll! Leider sind MIW demnächst erstmal nicht in Deutschland unterwegs, hier kommt ihr aber zur Konzertfotogalerie, als sie Ende März im Haus Auensee Leipzig mit Beartooth (Blick berichtete) Unten drunter habe ich die tollen Fotos von ihrem Auftritt auf dem Full Force hingepackt.  

Bei Regen mit ZSK in den See hüpfen

Nach und nach erkundigte ich das Festivalgelände und staunte nicht schlecht: Vier Bühnen, eine davon direkt am See, inmitten einer Kulisse aus Tagebaubaggern. Ich hätte das niemals gedacht, aber Ferropolis ist ja mal so ein geiles Veranstaltungsgelände, da können nicht viele Festivals mithalten. ZSK spielten zum Beispiel auf der Medusa Stage und obwohl es in Strömen regnete, verabschiedete sich Sänger Joshi nach dem Konzert direkt von der Bühne in den See. Das war krass. 

Hypnotisiert von Jinjers Neon-Eyeliner

Als nächstes standen Jinjer aus der Ukraine auf dem Line-Up. Viele sind von der Band begeistert, weil Sängerin Tatiana einfach eine unglaubliche Vocal-Range hat. Zu ihrer krassen Performance stimmte auch der Look. Ein Neon-Eyeliner leuchtete und machte das gewisse Etwas aus. Das Publikum zeigte auch deutlich, dass sie Jinjer richtig gut fanden. Einen drauf konnte da nur der Headliner des Tages setzen.  

Electric Callboy bringen Full Force zum explodieren

Ich habe Electric Callboy wirklich schon mehrfach gesehen und würde mich sogar als Fan bezeichnen. Popmetal der, egal was ist, IMMER für gute Laune sorgt. EC sind in den letzten beiden Jahren so unglaublich gewachsen, dass sie dem Publikum ohne Ausnahme immer eine spektakuläre Bühnenshow abliefern können. An Effekten wie Pyro, Nebelspuckern, Glitzerregen und zuletzt sogar einem Feuerwerk fehlte es auch auf dem Full Force nicht. Nico und Kevin machten so sympathische Ansprachen, dass man die Band einfach nur mögen muss. Mein Lieblingslied im Set war der "Arrow of Love". Aber ein Hit jagte hier den nächsten. Ihre brandneue Single "Everytime We Touch" (Cover von Cascada) performten sie hier erstmalig. Die Nummer war klasse. 

Bei "MC Thunder" hüpfte das Publikum in geballter Menge erst acht Hüpfer nach rechts, dann acht nach links. Das sah von oben unglaublich gigantisch aus. Ich würde auch behaupten, dass bei Electric Callboy die meisten Festivalgänger auf dem Platz waren und sich die Show zu Gemüte führten. Die Stimmung kochte und der Regen war vergessen. Jeder, der EC nicht kennt oder glaubt, nicht zu mögen: Geht auf Tour und ihr werdet eines Besseren belehrt. Sogar Motionless In White-Sänger Chris gab zu, einen Song von Electric Callboy in der "Get Ready For Stage-Playlist" von Motionless In White zu haben. Ein fast (wenn der Regen nicht gewesen wäre) perfekter Tag neigte sich dem Ende. 

Blind Channel hatten mehr Energie als so mancher Headliner

Tag 2 startete mit genau entgegen gesetztem Wetter. Es ging vom Regenwald in die Wüste. Keine Wolke schwebte am Himmel über Ferropolis und die Festivalbesucher und -besucherinnen mussten den Regenschirm gegen die Sonnencreme tauschen. Top fand ich, dass es super coole Sprinkleranlangen auf dem Gelände gab. So konnte man sich immer wieder abkühlen. Die Hauptbühne eröffneten an diesem Tag Blind Channel aus Finnland. Die Band mag ich ja auch total. Obwohl es richtig warm war, gaben die Musiker alles und hüpften und tanzten über die Main Stage. Hinterher verriet ein Instagrampost, dass sie direkt in den See gesprungen sind. Da wäre so mancher Fan bestimmt gern mitgeschwommen. 

Bargeldloses Festival

Dass die Preise auf Festivals sehr hoch sind, ist bekannt - so auch hier. Sehr modern war jedoch die Bezahlmethode, denn das Festival war absolut bargeldlos. Jeder Gast bekam mit seinem Festivalband einen QR-Code. Mithilfe von Terminals vor Ort oder mit der Full Force App konnte man hier Geld auf das Bändchen einzahlen. Als Kritik habe ich hier, dass man nicht via Paypal aufladen konnte sondern nur mit Sofort-Überweisung und Kreditkarte. Im Nachgang des Festivals konnte man sich Restguthaben auch wieder zurück überweisen lassen. Das hat insgesamt alle Vorgänge entspannter und schneller gemacht. Ich kritisiere jedoch, dass ein Toilettengang auf dem Campingplatz 2 Euro kostete und dass es keine Mülleimer für weibliche Periodenabfälle gab. Wäre ich ein Mann, ich wäre wahrscheinlich immer an den Zaun pinkeln gegangen. Denn leider pullern wir kein flüssiges Gold. 

Sleep Token als Publikumsmagnet

Am Abend wurde mir von meinen Freunden erzählt, dass ich mir unbedingt Sleep Token aus London anschauen müsste, die Band wäre soooo cool. In der Tat wird die atmosphärische Gruppe gerade gehyped und ich verstehe auch, warum. Der Besucherandrang bei Sleep Token war am Abend soooo groß, dass die Band eigentlich einen Slot auf der Main Stage verdient gehabt hätte. Auf der Bühne erschien ein Sänger mit Maske, Winterjacke und besonderen Tanzelementen. Im Hintergrund sah man drei Personen in Mönchskutte, wo man nicht sicher war, ob sie gleich die Sense oder das Jesuskreuz unter der Kutte hervor holen würden. Optisch auf einer dämonischen Messe, musikalisch irgendwas zwischen Bad Omens und Batushka. Aber irgendwie kann man es auch gar nicht einordnen. Die Gefühle vor Ort waren auf jeden Fall magisch und damit waren Sleep Token eine meiner positiven Überraschungen, die ich mir zu Hause definitiv noch einmal bei Kerzenschein anhören werde. Und ein Mysterium bleibt: Die Frage, wer unter den Maskierungen steckte. 

Gleich im Anschluss spielten die Headliner des Samstags: Gojira aus Frankreich. Ich muss zugeben, dass ich die Band nicht kannte, aber offen aufgestellt war. Die Musik bewegte sich im Death-Metal. Die Bühnenshow von Gojira war auch extrem professionell, dennoch bewegten sich die Musiker kaum und die Songs klangen alle sehr ähnlich. Gojira überzeugten mich irgendwie nicht, aber eine krasse Bühnenshow gab es dennoch und die Hardcorefans ließen sich vom Crowdsurfen nicht abbringen. 

Vielleicht war der Ferroforest mein Lieblingsort

Am Sonntagnachmittag musste ich das Festival leider schon wieder verlassen, ließ mir aber berichten, dass Jacoby Shaddix von Papa Roach einen Überraschungsauftritt beim Konzert von Skindred am Nachmittag hatte, bevor er selbst mit seiner Band den Abend auf der Main Stage headlinete. Was ich übrigens auch richtig gut gelungen fand, war der Ferroforest, ein kleines Waldstück am See, wo es Ecken zum Entspannen gab. Der heißbegehrte Erdbeerbowlestand befand sich in unmittelbarer Nähe und der Strand zum Baden ebenfalls. Hier konnte man gut abschalten. 

Fazit

Hach war das schön! Drei Tage Party. Ich war so positiv von der Location und der Stimmung des Festivals angetan, dass ich nächstes Jahr sicher zurückkommen werde. Denn vom 22. bis 24. Juni 2024 feiert das Full Force sein 30. Jubiläum. Early Bird Tickets kann man im Frühbucherrabatt für 149,95 Euro ab sofort im Onlineshop vom FFF erhalten. Natürlich steigt und fällt alles auch mit dem Line-Up. Aber obwohl ich wenige Bands in diesem Jahr kannte, war ich trotzdem sehr zufrieden mit allem. Nur, dass die Toiletten auf dem Campingplatz sehr teuer waren, fand ich nicht okay. Bei allen anderen Sachen gehe ich mit und habe mich gut aufgehoben gefühlt.