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Ein Spaßbad wird zum Kunstraum

Festival "Begehungen" ab Donnerstag erstmals außerhalb von Chemnitz

Vor zwei Jahren wurde Chemnitz zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 ernannt. Doch die Stadt trägt den Titel nicht allein, er wurde der ganzen Kulturregion verliehen. Schon vor dem eigentlichen Festjahr soll diese Verbindung mit Leben gefüllt werden. Daher wird die 19. Ausgabe des renommierten Kunstfestivals "Begehungen" diesmal nicht in Chemnitz stattfinden, sondern im rund 15 Kilometer entfernten, erzgebirgischen Thalheim. Am Donnerstag, 11. August, startet das zehntägige Festival dort im leerstehenden Erzgebirgsbad. Der Eintritt zu allen Programmpunkten sowie zur Ausstellung ist frei. Das erwartet die Besucherinnen und Besucher:

Das Erzgebirgsbad ganz neu erleben

"Der Thalheimer Bürgermeister Nico Dittmann hat uns Anfang 2021 auf das leerstehende Erzgebirgsbad aufmerksam gemacht. Wir waren nach einer Besichtigung sofort begeistert. Für unsere Festivalidee ist das eine einmalige Gelegenheit, ich möchte fast sagen ein Traum", begründet Festivalsprecher Lars Neuenfeld vom Begehungen e.V. die Entscheidung. Passende zum Ort steht Festival in diesem Jahr unter dem Motto "PLANSCH". "Die Besucherinnen und Besucher werden ihr Erzgebirgsbad ganz neu erleben. Die große Halle samt ihrer Becken und Rutschen, der ehemalige Saunabereich und das weitläufige Außengelände werden mit Kunstwerken unterschiedlichster Art in einen einmaligen Ausstellungsraum verwandelt." Die Besucherinnen und Besucher werden ihr Erzgebirgsbad ganz neu erleben. Die große Halle samt ihrer Becken und Rutschen, der ehemalige Saunabereich und das weitläufige Außengelände werden mit Kunstwerken unterschiedlichster Art in einen einmaligen Ausstellungsraum verwandelt. Ein umfangreiches Programm, bestehend aus Konzerten, Vorträgen, Lesungen und Performances, ist ebenfalls wesentlicher Bestandteil des Festivals.

Ausschreibung mit Rekordergebnis

Die Ausstellung entstand als Ergebnis einer international angelegten Ausschreibung, die das Festivalteam überraschte: 691 Bewerbungen wurden über das eigens geschaffene Onlineportal ein- gereicht. Das bedeutete eine erneute Rekordzahl. "Wir waren sehr gespannt. Schließlich findet das Festival in diesem Jahr erstmals nicht in Chemnitz statt. Es war also keineswegs sicher, ob die Kunstschaffenden unseren Weg in die sächsische Kleinstadt Thalheim mitgehen. Umso erfreulicher ist dieses Ergebnis", erklärt Vorstandsvorsitzende Luise Grudzinski. Etwa die Hälfte der Bewerbungen erreichten das Festivalteam aus Deutschland. Viele Bewerbungen kamen zudem aus Großbritannien, Österreich und Frankreich. Stark vertreten waren außerdem Italien, Polen, Tschechien, Spanien, Mexiko, Niederlande und die USA. Insgesamt 68 Länder in Europa, Nord-, Mittel- und Südamerika, Asien, Afrika und Australien sind in der Auswertung gelistet.

Ungewöhnlicher Auswahlprozess

Welche Werke konkret in der Ausstellung zwischen dem 11. und 21. August gezeigt werden, entschied sich in einem achtwöchigen Auswahlprozess, für den das Festival-Team neue Wege beschritt: Bisher wählte eine Fachjury die Werke für die Ausstellung aus, diesmal sieht sich das Begehungen-Team selbst als Teil des Beteiligungsprozesses. "Unser Verein ist für einen Kunstverein erstaunlich divers besetzt. Eine Hälfte ist über 30, die andere darunter. Fast paritätisch bei den Geschlechtern. Einige haben einen Studienabschluss, andere nicht. Selbstständige, Angestellte, Studierende und Auszubildende gehören dem Verein an, jedoch keine Kunstschaffenden oder Menschen mit einem kunstspezifischen Studienabschluss. Gerade deshalb haben wir unser Herz in die Hand genommen und gesagt: Wir suchen die Kunst jetzt selbst aus", verrät Lars Neuenfeld. Ergänzt wurde diese Jury durch eine Person aus Thalheim, konkret der ehemaligen Badchefin Sylvia Schlicke.

Künstlerinnen und Künstler arbeiten vor Ort

Für die Ausstellung wurden von der Jury 30 Werke ausgewählt. Die Bandbreite der Werke reicht von Malerei über Fotografie und Film bis hin zu Plastiken, Installationen, Soundkunst, Food-Art und Performances. Die Künstlerinnen und Künstler stammen unter anderem aus Argentinien, Israel, China, Armenien, Großbritannien, Polen und den Niederlanden. Etwa die Hälfte der Ausstellenden stammt aus Deutschland, davon einige direkt aus der Festivalregion - unter anderem aus Zschopau, Hartmannsdorf und Chemnitz. Einen Teil der Ausstellung bilden die Einsendungen, also bereits existierenden Werke. Insgesamt 16 Werke entstehen aber eigens für die Ausstellung in Thalheim. Die Ausschreibung enthielt die Möglichkeit, sich mit einem Konzept zu bewerben, das die Geschichten, Erfahrungen oder Fertigkeiten der Thalheimerinnen und Thalheimer einbezieht. Viele der Bewerbungen nahmen darauf Bezug. Bis zum 21. August wohnen und arbeiten insgesamt zwölf Künstlerinnen und Künstler bis zu vier Wochen in Thalheim. Weitere vier Künstlerinnen und Künstler arbeiten als Remote-Residenz in ihren Heimatorten, kommunizieren aber über digitale Wege mit Menschen in Thalheim und erschaffen so ein ortsspezifisches Werk.

Bürgerbeteiligung erwünscht

Für die Beteiligung an den Kunstwerken hat das Begehungen-Team in den letzten Wochen viele Menschen in Thalheim gewinnen können. Zum Beispiel suchten das österreichische Künstlerpaar Isabel Wolke und Christian Frieß ausrangierte Schwimmgegenständen und Strandutensilien für ihr Kunstwerk. Heimo Lattner wandert an den Festivalwochenende mit Interessierten von Chemnitz zum Erzgebirgsbad. Dagegen sind die Künstlerinnen Clara Elliott und Sevda Güler an eher ideellen Gütern interessiert. Sie sammeln Geschichten rund ums Bad, zum Thema Wasser und auch Thalheimer Legen- den und Erzählungen. Rebecca Dathe, die im Verein für die Koordination der Bürgerbeteiligung zuständig ist, erklärt: "Wir haben zahlreiche Einladungen zur Beteiligung an die Thalheimer Bürgerinnen und Bürger gesandt. Neben der Mitwirkung beim Erstellen der Kunstwerke fanden sich nicht zuletzt viele helfende Hände für den Aufbau und die generelle Herrichtung des Geländes."

Bürgermeister blickt auf Bad-Zukunft

Das Festival entsteht in enger Kooperation zwischen dem Begehungen e.V. und der Stadtverwaltung Thalheim. Bürgermeister Nico Dittmann verdeutlicht, dass das Festival in generelle Aufwertungsmaßnahmen für das Gelände eingebettet ist: "Ich freue mich, dass das Begehungen-Festival nach Thalheim kommt und wir somit viele interessante Kunstprojekte und Veranstaltungen sowie hoffentlich viele tolle Gäste bei uns im Ort begrüßen dürfen. Die Beteiligung und finanzielle Unterstützung so vieler Behörden, Institutionen und Menschen zeigt die hohe Bedeutung dieses Festivals. Insbesondere ist es ein tolles Projekt und eine gute Vorbereitung im Zuge der europäischen Kulturhauptstadt 2025. Thalheim sowie die Region sind wichtiger Bestandteil seit Beginn an und mit der Veranstaltung soll die Vernetzung weiter vorangetrieben werden." Das Bad habe für die Stadt Thalheim seit vielen Jahrzehnten eine besondere Bedeutung. Deshalb war die Schließung, aufgrund finanzieller Schieflage, 2014 ein besonders herber Schlag für alle Thalheimerinnen und Thalheimer. Nunmehr soll aber genau mit diesem Event im August das Bad aus dem Dornrößchen-Schlaf erweckt werden. "Im Zuge des Festivals soll allen Thalheimerinnen und Thalheimer sowie Gästen die Nachnutzung ab 2023, im wahrsten Sinne begehbar, vorgestellt werden."

Was sind die Begehungen?

Das international ausgerichtete Kunstfestival Begehungen findet seit 2003 in Chemnitz an jährlich wechselnden Orten statt. Markenzeichen ist die unkonventionelle und niederschwellige Herangehensweise an Kunst. Die Begehungen sind außerdem ein barrierearmes Festival. Dazu gehören unter anderem Audioguides, barrierefreie Zugänge, Führungen mit Übersetzung in Gebärden sowie die Bereitstellung von Tastmodellen ausgewählter Kunstwerke für sehbehinderte Menschen. Ebenso werden Führung für Kinder angeboten.

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