Februar 1945: "Der letzte Zug in die Hölle fiel aus"

Mahnung Renate Aris überlebte den Holocaust und wird nicht müde über ihr Leben zu berichten

Wiederau. 

Wiederau. Die Winterkirche der St. Pankratiuskirche in Wiederau war bis auf den letzten Platz besetzt als vor Kurzem die Holocaust-Überlebende Renate Aris aus Chemnitz in der Reihe "Kultur in der Kapelle" zu Gast war. Die 84-Jährige freute sich über den großen Zuspruch und besonders, dass auch viele jüngere Zuhörer im Publikum saßen. "Es ist sehr wichtig immer wieder über die Vergangenheit zu sprechen, gerade in Anbetracht der aktuellen Geschehnisse wie die geplante Erstürmung der Synagoge in Halle. Ich gehöre zur letzten Generation, die am eigenen Leib die Pogrome erlebt haben", beginnt Renate Aris ihren Vortrag und erklärt, dass bereits ab 1933 Pogrome gegen die Juden erlassen wurden und das Konzentrationslager Dachau entstand.

Judenstern-Pflicht ab sechs Jahren

Sie wurde am 25. August 1935 in Dresden geboren. Ihr Vater Helmut Aris stammte aus einer alt eingesessenen jüdischen Fabrikantenfamilie und war mit der christlichen Susanna Reinfeld verheiratet. Die Vorschriften für Juden waren gravierend wie beispielsweise mussten alle Kinder ab sechs Jahre ihren Judenstern tragen und eine Kennkarte bei sich führen. Auf dem Bild musste das linke Ohr zu sehen sein, das angeblich anders aussah und für die Nationalsozialisten ein jüdisches Kennzeichen darstellte.

Bombardierung von Dresden verhinderte Transport ins KZ

Kinder durften keine Schule besuchen und nicht auf der Straße spielen. Nur heimlich besuchten sie andere Familien, was jedes Mal Lebensgefahr für alle bedeutete. Der Vater musste zur Zwangsarbeit, durfte zwar Lebensmittelkarten abholen, die wurden jedoch mit "Jude" gekennzeichnet und somit konnte er sie in keinem Geschäft einlösen. Dann erhielten sie am 13. Februar 1945 die Papiere für den Abtransport ins Konzentrationslager Theresienstadt. Jedoch verhinderte die Bombardierung Dresdens am 15./16. Februar diesen Transport.

Ab Oktober 1945 endlich in der Schule

"Der letzte Zug in die Hölle fiel aus. Es ist ein Wahnsinn, das der Tod von zirka 35.000 Menschen in Dresden uns Juden das Leben rettete", stellt die Seniorin nachdenklich fest. Ihr erster Schultag war am 15.10.1945 in einer 4. Klasse. Sie war besessen vom Lernen, machte 1950 einen guten Schulabschluss und lernte weiter am Gymnasium. In den 60er-Jahren zog sie nach Karl-Marx-Stadt und trat der dortigen jüdischen Gemeinde bei und wurde eines der aktivsten Mitglieder. Sie gründete unter anderem den Jüdischen Frauenverein.

Damit sich nicht ein falsches Gedankengut verfestigt

In ihrem Ruhestand widmet sie ihre Zeit der jüdischen Gemeinschaft. Sie berichtet in Schulen von ihrem wechselvollen Leben. In der neuen Chemnitzer Synagoge organisiert sie regelmäßig Führungen, an der Volkshochschule bietet sie Kurse an und begleitet Schüler und Studenten bei jüdischen Themen. "Keine Stunde ist zu viel um darüber zu sprechen, damit sich nicht ein falsches Gedankengut in den Köpfen wieder verfestigt", sagt sie am Ende ihres Vortrages und freut sich auf alle Besucher in der Synagoge in Chemnitz.