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Corona-News

"Da blutet mir als Ex-Olympionike das Herz"

2016 krönte Fabian Hambüchen bei den Olympischen Spielen mit der Goldmedaille seine Karriere. Nun ist der einstige Weltklasseturner als Olympia-Experte für Eurosport im Einsatz. Ein Gespräch über den größten Moment seines Lebens, öffentlichen Druck und ein Großereignis in Corona-Zeiten.

Eine kleine, runde Brille wie ein Professor, ein muskelbepackter Körper und gerade einmal 1,63 Meter Körpergröße: So betrat Fabian Hambüchen bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen die Weltbühne. "Damals war alles nur aufregend, toll, spannend", erinnert sich der einstige Weltklasseturner im Interview zurück. Es war der Auftakt einer Weltkarriere, die ihre Krönung 2016 im Olympiasieg am Reck fand. Auch bei der Olympiade in Tokio (ab 23. Juli) ist der 33-Jährige mit dabei - als Experte für Eurosport. Was er über das Sportgroßereignis unter Corona-Bedingungen denkt, warum Sport für Kinder so wichtig ist und wie er mit 16 den Hype um den "Turn-Professor" verkraftete, erklärt Fabian Hambüchen im Gespräch.

teleschau: In wenigen Tagen starten die Olympischen Spiele. Nicht mit dabei sein werden die Zuschauer, die wegen der Corona-Lage ausgeschlossen werden - ein großer Wermutstropfen?

Hambüchen: Da blutet mir als Ex-Olympionike definitiv das Herz. So ein Großevent lebt einfach von den Zuschauern. Das kenne ich von den anderen Städten, wo ich schon war. Das ist immer so ein geiles Ambiente. In Tokio geht das jetzt natürlich komplett runter. Die Athleten und Offiziellen leben alle in einer Blase. Außerhalb der Wettkampfstätten und des Olympischen Dorfes dürfen sie sich nicht frei bewegen, müssen schnell wieder abreisen nach den Wettkämpfen - es ist schon eine verschärfte Aktion.

teleschau: Olympia lebte bis dato auch immer von Begegnungen zwischen Menschen aus aller Welt - egal ob auf Zuschauer- oder Athletenseite. Kann Olympia ohne Zuschauer überhaupt funktionieren?

Hambüchen: Ich denke, das wird es trotzdem. Klar, vor Ort ist es ganz anders als sonst. Aber als Zuschauer zu Hause guckst du Olympia ja wegen der Wettkämpfe und der Sportler. Insofern werden es Fernsehspiele. Uns erwarten hochkarätige Wettkämpfe.

teleschau: Wie wird das Fehlen der Zuschauer vor Ort die Sportlerinnen und Sportler beeinflussen?

Hambüchen: Das ist ganz unterschiedlich. Manch einer ist vielleicht ganz froh, dass es ein bisschen ruhiger ist und man nicht nervös gemacht wird durch die Atmosphäre. Andere brauchen dagegen genau diesen Push. Ich kenne das von den Stabhochspringern, die sagen, dass sie die Höhe, die sie unter dem Adrenalinkick eines Wettkampfes springen, in einem Training nie schaffen. Es wird dieses Jahr ein reines Kopfding. Ich denke, das Mentale wir mehr gefragt sein denn je.

"An der Bushaltestelle stand auf einmal Carl Lewis neben mir"

teleschau: Sie selbst feierten auf olympischem Boden Ihren größten Triumph mit Gold am Reck 2016. Was davon ist Ihnen heute noch besonders präsent?

Hambüchen: Jede einzelne Sekunde. Ich bin sowieso jemand, der noch ganz viel von den Wettkämpfen von klein auf im Kopf hat und vieles reproduzieren kann an Gefühlen und Erinnerungen. Gerade der Olympiasieg fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen, wenn ich mich mental wieder hineinversetze. Das war ein Wahnsinnstag.

teleschau: Welche Gefühle verbinden Sie mit dem Sieg?

Hambüchen: Es war die Vollendung meiner Karriere. Ich hatte bis dahin alles erreicht, was man erreichen konnte. Nur dieser Olympiasieg hat noch gefehlt. Das war mein großer Traum, den ich von klein auf hatte. Den zu erreichen, in meinem letzten internationalen Wettkampf, war das Highlight meines Lebens. Da war einfach unbeschreiblich. Wenn man einen Traum hat, der einen 20 Jahre immer wieder antreibt, und du erreichst den, dann ist das ein Gefühl, das man gar nicht in Worte fassen kann.

teleschau: War auch Erleichterung dabei? Immerhin war der öffentliche Druck groß ...

Hambüchen: Absolut. Du merkst danach erst, was von dir abfällt und welchen Rucksack du getragen hast - nicht nur für dieses eine Event, sondern fast über zwei Jahrzehnte hinweg. Um ehrlich zu sein, habe ich das erst im letzten Jahr im ersten Lockdown so richtig verarbeiten können. Da bin ich so richtig runtergekommen und habe gemerkt, wie kräftezehrend die letzten Jahre und die ganze sportliche Karriere waren.

teleschau: Ihre Karriere nahm 2004 mit Olympischen Spielen in Athen richtig an Fahrt auf. Wie haben Sie damals dieses Abenteuer mit gerade einmal 16 Jahren begangen?

Hambüchen: Damals war alles nur aufregend, toll, spannend. Wir sind etwa zur Einkleidung in Mainz in die Kaserne gefahren - was ich da allein an Klamotten bekommen habe für dieses Event! Dann zogen wir in das Olympische Dorf in Athen ein, das war wie eine Kleinstadt. Wenn du nicht zu lange laufen wolltest bei 40 Grad Außentemperatur, musstest du mit dem Bus fahren, um zur Mensa zu kommen. An der Bushaltestelle stand auf einmal Carl Lewis neben mir. Ich war jeden Tag auf 150 Prozent und hätte ständig Wettkämpfe turnen können. Es war ein unbeschreibliches Gefühl.

teleschau: Begleitet waren Ihre ersten Olympischen Spiele von einem massiven öffentlichen Interesse - Stichwort "Turn-Professor". Wie haben Sie das in Ihrem jungen Alter verkraftet?

Hambüchen: In Athen selbst wurde ich von Termin zu Termin geschleppt - ich war ja noch eine Woche da, bis zur Abschlussveranstaltung. Das war schon heftig mit 16 Jahren. Auch der deutsche Turnerbund war damals überfordert mit diesem riesigen Medienaufkommen. Wir haben unglaublich viele Pressetermine wahrgenommen - und das nach einer Phase nach den Wettkämpfen, in der man einfach müde und kaputt ist. Dann habe ich aber zum Glück meinen heutigen Manager Klaus Kärcher noch in Athen kennengelernt. Der hat sich dann um alles Weitere gekümmert.

teleschau: Was hat Ihnen geholfen, bei all dem Trubel bei sich zu bleiben?

Hambüchen: Als 16-Jähriger ist das schon krass, wenn du dauernd im Fernsehen bist. Da besteht natürlich die Gefahr, abzuheben. Aber aufgrund des guten Familienumfelds und einiger guter Freunde in der Schule ist das nie passiert. Auch dank der guten Zusammenarbeit mit Klaus Kärcher war schnell klar, dass Sport und Schule Priorität haben und wir alle anderen Termine drumherum planen.

"Ich glaube nicht, dass der Sport an Glaubwürdigkeit verliert"

teleschau: Insgesamt waren Sie bei vier olympischen Spielen dabei. Was macht für Sie den olympischen Geist aus?

Hambüchen: Das ist fast ein Mythos, der sehr schwer zu beschreiben ist, das muss man einfach erleben. Es heißt ja: "Dabei sein ist alles" - und das ist wirklich so. Es sind so viele Sportler bei den Olympischen Spielen, die mit einem Dauergrinsen herumlaufen. Du merkst total, wie sie es schätzen, dabei zu sein. Dann hast du andere Sportler, die Top-Favoriten, die nur an die Medaillen denken. Diese total verschiedenen Stimmungswellen habe ich auch alle durchlebt. Mit 16 war ich einfach nur happy, 2008 war es das totale Gegenteil, als ich mich als Top-Favorit von allem anderen abgeschottet habe.

teleschau: Diese Olympischen Spiele sind die politischsten seit Jahrzehnten. In Japan wurden Proteste laut, die Einwohner müssen starke Einschränkungen während des Corona-Notstandes erdulden. Wie ist die Durchführung eines Sport-Großereignisses in diesen Zeiten zu rechtfertigen?

Hambüchen: Da bin ich wahrscheinlich der falsche Ansprechpartner. Grundsätzlich muss man erst einmal sagen: Die Japaner sind ein super freundliches Volk, sehr hilfsbereit, loyal, auch ein Stück weit patriotisch. Für sie war es natürlich ein absolutes Highlight, die Olympischen Spiele im eigenen Land zu haben. Das muss man vorneweg sagen.

teleschau: Aber dann kam Corona ...

Hambüchen: Richtig, und dann gingen die Probleme los. Eine Absage war erst einmal keine Option, weil das japanische Volk auch sehr stolz auf diese Spiele war. Aber keiner hat erwartet, dass sich die Situation so lange zieht. Irgendwann kam die Zeit, dass sich die normale Bevölkerung einschränken musste. Ich glaube, da ist bei einigen Japanern der Punkt gekommen, an dem sie gesagt haben: "So und nicht weiter." Wie die Offiziellen die Durchführung rechtfertigen - da sehe ich nicht meine Befugnis, darüber zu urteilen. Aus Sportlersicht bin ich dankbar, dass ihre harte Arbeit nicht umsonst war. Aber ich kann auch die japanische Bevölkerung verstehen, dass es eine schwierige Geschichte ist.

teleschau: Riskiert der Sport durch diese Privilegien, in eine Glaubwürdigkeitskrise abzurutschen?

Hambüchen: Unter Pandemie-Bedingungen ist das natürlich alles schwer zu erklären. Wie kann man es rechtfertigen, dass beim EM-Finale in Wembley 60.000 Fans im Stadion saßen? Erst recht, weil in Großbritannien die Delta-Variante wütet. Das ist alles fraglich. Aber man weiß nicht, wo man anfangen und wo man aufhören soll. Ich glaube nicht, dass der Sport generell an Glaubwürdigkeit verliert. Das ist eher bei den Offiziellen der Fall, die die Entscheidungen so drehen, wie sie wollen. Der Sport darf nicht darunter leiden, denn ohne die Sportlerinnen und Sportler selbst würde gar nichts stattfinden.

"Sport ist wie eine zweite Erziehung"

teleschau: Die Coronakrise hat dem Sport aufgrund der Zwangspause auch strukturell geschadet und auch Nachwuchsprobleme verschärft. Wie ernst ist die Lage, zum Beispiel im Turnsport?

Hambüchen: Wir hatten generell Nachwuchsprobleme, unabhängig von der Pandemie. Es ist offensichtlich, dass da nicht allzu viel nachkommt. Inwiefern die Pandemie negativ dazu beigetragen hat, kann man erst in ein paar Jahren sagen. Wir sehen aber sicherlich Kinder, die ein Jahr verloren haben, weil sie einfach nicht gesichtet werden konnten. Sie brauchen länger, um an das Top-Niveau heranzukommen. Gerade im Turnen ist eine frühe Förderung sehr wichtig.

teleschau: Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, hat wegen rückläufiger Mitgliederzahlen in Vereinen Alarm geschlagen. Wie kann man dem entgegenwirken?

Hambüchen: Man muss öffentliche Events gestalten. Da ist natürlich die Frage, ab wann die Durchführung von Bundesjugendspielen und ähnlichen Breitensportveranstaltungen wieder möglich sein wird. Über die Masse, die da zustande kommt, kann man wieder Kinder sichten. Auch Eltern müssen es wieder schätzen lernen, öffentliche Veranstaltungen wahrzunehmen, ohne die Angst vor einer möglichen Infektion.

teleschau: Was macht den Sport als Gemeinschaftserlebnis so wichtig für Kinder und Jugendliche?

Hambüchen: Unabhängig davon, dass Sport für die Gesundheit gut ist, gewinnst du als Kind sehr viel an Sozialkompetenz durch den Sport. Dazu gehört auch, dass man mit anderen Kulturen und Nationalitäten in Berührung kommt. Du lernst Fairplay, Disziplin, Fleiß, harte Arbeit - das sind alles Dinge, die du für das restliche Leben brauchst. Ich habe bei mir gemerkt, wie viel mir der Sport geholfen hat, strukturiert zu sein, um Schule und Studium durchzuziehen. Der Sport ist wie eine zweite Erziehung. Man trifft obendrein viele Freunde, und dank Multi-Kulti werden Barrieren und Vorurteile abgeschafft.

teleschau: Lassen Sie uns zum Abschluss noch einen Blick auf Medaillenchancen der deutschen Turnerinnen und Turner bei den Olympischen Spielen werfen. Sehen Sie einen potenziellen Nachfolger für Sie?

Hambüchen: Ehrlich gesagt nicht. Das ist aber nicht, weil ich das Team unterschätze. Aber wenn man realistisch bleibt, haben Lukas Dauser am Barren und Elisabeth Seitz am Stufenbarren Chancen, ins Finale zu kommen. Sie sind auch die Einzigen, die, wenn alles perfekt läuft im Finale, vielleicht eine kleine Chance auf eine Medaille haben. Aber Gold wird sehr schwierig. Bei mir hat in Rio aber auch keiner mehr gedacht, dass ich es noch schaffe. Ich drücke den Jungs und Mädels auf alle Fälle die Daumen.

teleschau: Tokio 2021 sind Ihre ersten Sommerspiele als TV-Experte für Eurosport ...

Hambüchen: Genau, ich habe mich richtig auf Japan, auf die Menschen und die Kultur gefreut. Ich liebe das Land, war schon über 20 Mal in Japan - es ist quasi wie eine zweite Heimat. Und wir haben mit Eurosport ja bereits 2019 für eine Woche in Tokio gedreht und super schöne Geschichten für meine "Hambüchen Challenge" aufgenommen. Ich hatte also richtig Bock, rüberzufliegen und mich ins Getümmel zu stürzen. Aber unter den Umständen und Einschränkungen ist es sinnvoller und entspannter, von Deutschland aus zu berichten.



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