Das "verlorene Album" des Meisters

Am 2. April 2019 wäre Soul-Großmeister Marvin Gaye 80 Jahre alt geworden. Am Tag vor seinem 45. Geburtstag wurde der Sänger jedoch vom eigenen Vater erschossen. Nun veröffentlicht Gayes Label Motown jenes Album, das 1972 als Nachfolger seines Meisterwerks "What's Going On" hätte erscheinen sollen.

Die Geschichte von Marvin Gaye, sensibler Großmeister des Soul, ist an Dramatik kaum zu übertreffen. Bereits als smarter Jungspund mit bluesig-sanfter Goldkehle bescherte er seinem Label Motown in den 60-ern Millionen von Dollar. Dann musste der Sänger aus Washington, D.C., 1970 den Tod seiner kongenialen Duettpartnerin Tammi Terrell ("Ain't No Mountain High Enough") verkraften, die im Alter von nur 24 Jahren einem Hirntumor erlegen war.

Gaye, der ein Leben lang an den Folgen des Missbrauchs durch seinen Vater litt und immer wieder mit schweren Depressionen kämpfte, hielt eine bewegende Trauerrede an Terrells Grab. 1971 veröffentlichte er dann sein Meisterwerk "What's Going On". Mit sanfter Stimme zu einem komplexen, ja fast Soul-symfonischen, Soundtrack aus Jazz, Klassik und R'n'B geleitete es den Hörer durch die Geschichte der Heimkehr eines fiktiven Vietnam-Soldaten nach Amerika, die dessen Enttäuschung über das eigene Land thematisierte.

"What's Going On" gilt heute als eines der größten Kunstwerke der Popgeschichte - in einer Reihe mit "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" von den Beatles oder dem Post-Surf-Opus-Magnum "Pet Sounds" der Beach Boys. Nach "What's Going On" soll Marvin Gaye an einem weiteren Album gearbeitet haben, das jedoch nie erschienen ist. Das Label Motown, das im Januar 2019 seinen 60. Geburtstag feierte, gibt es nun unter dem Titel "You're The Man" heraus.

Völlig "neu entdeckt" sind die darauf zu hörenden Aufnahmen jedoch nicht. Immerhin erschienen alle Stücke bereits als diverse Singles und auf CD-Kompilationen. Als Doppel-Vinyl-Veröffentlichung feiert die (spekulative) Zusammenstellung des Album "You're The Man" jedoch tatsächlich Premiere. Der eine oder andere Retro-DJ am Plattenteller dürfte sich also besonders freuen.

Sanfte, traurige Nachtigall des Soul

Marvin Gaye, so schreibt sein Biograf David Ritz in den Liner Notes zu "You're The Man", sei ein chronisch zögerlicher Genius gewesen. Stets habe sich der nach "What's Going On" gefeierte Sänger gefragt, ob sein Werk eigenen und fremden Ansprüchen genüge. So richtig hat aber wohl auch Ritz nicht herausgefunden, warum Gaye 1971 und 1972 mit zahlreichen Top-Produzenten des Soul der frühen 70-er aufnahm, diese Songs aber niemals zu einem richtigen Album verband. Stattdessen folgte 1972 der Soundtrack zum Blaxploitation-Film "Trouble Man" und schließlich 1973 das Album "Let's Get It On", das Platz zwei der US-Albumcharts erreichte und damit - in seiner Zeit - noch erfolgreicher war als der spätere Longseller "What's Going On" (ursprünglich Platz sechs der Albumcharts).

Unstrittig dürfte jedoch sein, dass auch die nun als "You're The Man" veröffentlichten Aufnahmen einen Marvin Gaye in Bestform zeigen. Stücke wie die fiebrig groovenden Titel "You're The Man" oder "The World Is Rated X", berührende Balladen wie "Piece Of Clay" oder "I'd Give My Life For You" - all diese Tracks sind wunderschön Soul-versonnen gesungen, sie atmen die Ausdruckskraft eines Mannes, der mit Anfang 30 auf dem Höhepunkte seiner künstlerischen Ausdruckskraft stand.

"Sexual Healing" und die Sehnsucht nach dem Tod

Den Jahren kreativer Höchstleistungen folgte in der zweiten Hälfte der 70-er ein langsamer kreativer Abstieg. Gayes Ehe mit Anna, der Schwester seines Labelbosses Barry Gordy, scheiterte 1975. Wenige Monate zuvor war Gaye Vater einer Tochter geworden, die Mutter des Kindes war jedoch nicht Anna Gordy. Das 1978 veröffentlichte Album "Here My Dear" vertonte diese sehr persönliche Erfahrung, ehe der Sänger mit zunehmenden Drogen- und Steuerproblemen zuerst nach Hawaii und später ins belgische Ostende umsiedelte.

Als der Autor David Ritz Anfang der 80-er während eines Interview dort einen Stapel Pornohefte in Gayes Zimmer fand, gestand der Star, dass er ein wenig "sexuelle Heilung" aufgrund seines angeknacksten Seelenzustands benötige. Daraus entstand 1982 der enorm erfolgreiche Comeback-Song "Sexual Healing", welcher die vollbärtige Musiklegende auch der neu nachgewachsenen MTV-Generation bekannt machte.

Neue und alte Fans waren umso schockierter, als Gaye, der nach einigen Selbstmordversuchen wieder beim Vater untergeschlüpft war, 1984 am Vortag seines 45. Geburtstags von ihm erschossen wurde. Der Prediger, so hieß es, habe den haltlosen Lebensstil des Sohnes einfach nicht mehr ertragen können. Einige Biografen bringen auch die These ins Spiel, Gaye jr. habe seinen Vater voll mit Todessehnsucht derart provoziert, dass er selbst keinen weiteren Versuch unternehmen musste, um dem Leben zu entkommen.

Faszinierend bleibt bei all dem Drama rund um Marvin Gaye die unglaubliche Sanftheit und Sensibilität von dessen Musik, die sich auch auf den Aufnahmen des Jahres 1972 wiederfindet. Wenn das "verlorene Album" hilft, daran zu erinnern, dann hat es definitiv seinen Wert, auch wenn man die einzelnen Songs vielleicht schon kennt.