Der Höhepunkt der TripHop-Ära

Als TripHop für einen kurzen Moment Teil des Mainstreams wurde: Massive Attack veröffentlichen eine Neuauflage ihres 1998er-Meisterwerks "Mezzanine".

Sie wirkten anfangs noch wie die langsame und unscheinbare britische Antwort auf amerikanischen HipHop, wurden zuletzt bei ihren Auftritten in Deutschland aber gefeiert wie Pop-Stars, und völlig egal, was all die Portishead-Fans sagen: Die größte Band, die der TripHop je hervorbrachte, ist Massive Attack. Platin-Auszeichnungen, die Verwendung ihrer Musik in zahllosen TV-Sendungen und Werbespots, große Hallen, MTV Awards und weit über 100 Millionen Klicks bei YouTube - da reicht nichts anderes heran, was während der Hochzeit des TripHop in den 90-ern mit aufstieg. 21 Jahre nach der Erstveröffentlichung ihres dritten Albums erinnern Massive Attack nun an den Höhepunkt der TripHop-Ära - und gleichzeitig an ihr umstrittenstes Werk: "Mezzanine" erscheint als Digital Remaster mit diversen Bonusmaterialien.

Ein wabernder Bass breitet sich im Raum aus, kurz darauf setzt ein minimalistischer Beat ein, dann der markante Vortrag von Dauer-Gastsänger Horace Andy: "You are my angel / Come from way above to bring me love". Schon mit den ersten Takten von "Angel" taucht man tief ein in eine asphaltgraue Klangwelt, in der Düsternis herrscht und doch so viel Schönes verborgen liegt. Das Paradebeispiel für den damals noch ungewohnten Mix aus schwerfälliger elektronischer Härte und engelsgleichen Tönen aber ist "Teardrop", der bis heute bekannteste Song der Band, zu dem auch ein preisgekröntes Musikvideo entstand. Hier singt Elizabeth Fraser (Cocteau Twins) die lieblichsten Vocals, die je auf einem Massive-Attack-Song zu hören waren, und im Hintergrund wummert als Herzschlag des Stückes ein Bass, der in seiner trockenen Brutalität auch heute noch beeindruckt.

Eine Brücke zwischen HipHop und Rock

"Mezzanine" ist Musik für den Bauch, für den Kopf und fürs Herz - künstlerisch anspruchsvoll, progressiv, intelligent und zugleich massentauglich. Trotzdem (oder gerade deshalb) waren seinerzeit viele Fans unzufrieden: Dass Massive Attack in Songs wie "Angel", "Dissolved Girl" und "Group Four" plötzlich E-Gitarren einsetzten, empfanden sie als schlimmen Stilbruch - schließlich entstammten Massive Attack einer Szene, die dem HipHop viel näher stand als der Rockmusik. Auch intern entstanden durch die neue Ausrichtung große Spannungen: Andrew "Mushroom" Vowles, neben Robert "3D" Del Naja und Grantley "Daddy G" Marshall eines der drei Gründungsmitglieder, verließ die Band kurz nach der Veröffentlichung von "Mezzanine" aufgrund künstlerischer Differenzen.

Daran, dass Massive Attack mit "Mezzanine" ihren künstlerischen Höhepunkt erreichten - auch weil sie eine Brücke schlugen zwischen HipHop und Rock -, besteht aber im Rückblick kein Zweifel. So ist es durchaus ein Erlebnis, dieses sinnlich-dystopische Meisterwerk im Jahr 2019 "wiederzuentdecken". Bei der nuancierten digitalen Nachbearbeitung wurden unter anderem ein paar Bässe abgeschliffen und andere stärker betont, im Ganzen dürfen sich Fans aber trotzdem über ein unverfälschtes Ergebnis freuen. Und über einige spannende Zusatzmaterialien ...

Unter anderem enthält die Neuauflage von "Mezzanine" (zunächst erhältlich als Doppel-CD) acht Remixe von dem Dub-Produzenten Mad Professor, die ursprünglich schon 1998 erscheinen sollten, sowie das unveröffentlichte Stück "Metal Banshee". Im Dezember folgt zusätzlich eine 3-LP-Variante, die auch ein Buch mit exklusiven Bildern von Robert Del Naja und Fotograf Nick Knight enthalten wird. Bis dahin wird es vielleicht auch Neuigkeiten zu möglicher neuer Musik geben: Die letzte EP ("Ritual Spirit") liegt inzwischen drei Jahre zurück, das letzte reguläre Studioalbum ("Heligoland") sogar neun Jahre.

Massive Attack - Teardrop