Frei von allen Konventionen

Sie scheren sich nicht um die gängigen Erfolgsrezepte im Deutsch-Pop - und das ist gut so: Auf ihrem Debütalbum bestechen die Brüder Jakob und Matti Bruckner, die sich zusammen schlicht Bruckner nennen, mit klugen Texten und musikalischer Vielfalt.

Ihr musikalisches Talent wurde Jakob und Matti Bruckner quasi in die Wiege gelegt. Ihr Vater studierte einst Klavier am altehrwürdigen Mozarteum in Salzburg und arbeitete als Musiklehrer. Musik war bei den Bruckners also immer ein großer Teil des Familienalltags, und seit 2012 werkeln die Brüder Jakob und Matti fleißig an der eigenen Musikkarriere. Nachdem eine Verlosung in einer Regionalzeitung dem Duo einen Auftritt als Vorband von Christina Stürmer eingebracht hatte, stand Bruckner auch schon im Vorprogramm von Adel Tawil und Mark Forster auf der Bühne. Vom Geheimtipp haben sich die Geschwister aus Bayern längst zur deutschen Pop-Hoffnung gemausert. Lohn der Mühen: ein Plattenvertrag bei Sony Music und nun das Debütalbum "Hier".

In den zwölf Songs der Platte verarbeitet Songwriter Jakob klassische Motive des zeitgenössischen deutschen Pops. Während er im eingängigen Indie-Pop-Opener "Für immer hier" das Leben im Moment besingt und vom Unterwegssein berichtet, handelt das spärlich instrumentierte Stück "Josephine" vom Abschiednehmen. Nachdenklich kommt auch "Klebe Fest" daher, ein Song über das Nichtstun - samt Spezi vom Späti und maximal ausgereizter Prokrastination. Textlich verzichtet Bruckner glücklicherweise auf Banalitäten und abgedroschene Worthülsen.

Stattdessen glänzt das Brüdergespann bei einem herrlich selbstironischen Stück über die eigene Generation, "Hätt ichs gewusst": "Ist da nicht irgendwo ein Sunset, den du verpasst, irgendein Retreat, in dem du Power Yoga machst." Untermalt ist das Ganze mit einer knackigen Gitarren-Hookline, die auch dem Repertoire von Wanda entsprungen sein könnte.

Vielseitiges Debüt

Die freche Unbedarftheit in den Texten spiegelt sich auch in der musikalischen Gestaltung wider. Matti, dem Techniker und Tüftler der Band, gelingen variantenreiche Arrangements, die Genrekonventionen des oft so braven Deutsch-Pop spielerisch unterwandern. Heraus sticht besonders das Indie-Rock-Stück "Lifestyle", das mit röhrenden Gitarren und verzerrten Stimmen ein wenig an Kraftklub erinnert. Obendrein funktioniert der raffinierte Song wunderbar als Persiflage auf das Leben von reichen Hipstern im Großstadttrubel: "Die Seychellen sind um diese Zeit sensationell, und ich hab mal wieder Bock auf ein Sabattical."

Eine weitere spannende Facette verleiht dem modernen Sound von Bruckners gelungener Debüt-Platte auch das Kopfstimmenfalsett, das als Backgroundgesang im verträumten Popsong "Regenmacher" herumflirrt und den Disco-Pop der 70er-Jahre aufleben lässt. Ebenfalls geglückt ist das Autotune-Experiment in der Trennungsschmerz-Ballade "Weit weg", zugleich eine der drei Single-Auskopplungen von "Hier". Diese musikalische Vielseitigkeit, die erfrischenden Texte und eine ordentliche Prise Unbekümmertheit sind die Kernelemente eines in der Summe beachtlichen Debüts. Von Bruckner wird man noch einiges hören.

Bruckner - Für immer Hier