Im Veteranen-Camp des Rock

Don Felder, langjähriges Mitglied der Eagles, veröffentlicht mit Anfang 70 sein drittes Soloalbum. In großer Starbesetzung und mit vielstimmigem Gitarrengewitter feiert es die alte Kraft des "American Rock'n'Roll".

Wenn sich ein 71-jähriger Kultgitarrist aus Los Angeles mit anderen Saiten-Veteranen des Rock trifft - Menschen wie Slash, Joe Satriani, Sammy Hagar, Peter Frampton oder Mitgliedern der Red Hit Chili Peppers - dann ist was genau zu erwarten? Richtig: ein Gitarrengewitter alter Schule. Furios fliegen die Finger über elektrisch verstärkten Saiten, es werden alte und ganz alte Rockriffs wiederbelebt sowie jene Zeiten besungen, in denen sie enstanden. Wer von Don Felder, ehemaliges Mitglied der Eagles und Komponist von "Hotel California", etwas Modernes erwartet, ist selbstredend schief gewickelt. Dieser Mann ist "Classic Rock" in der tiefsten Bedeutung des Wortes. "American Rock'n'Roll" (digital ab 5. April erhältlich, physisch ab 26. April) ist erst das dritte Soloalbum des 1947 in Florida geborenen Wahl-Westcoastlers. Das Gitarrespielen auf hohem Niveau wurde im noch von Duane Allman beigebracht, dem verrückten, hochverehrten Extremgitarristen der Allman Brothers Band. Dessen Hobby waren neben schnellen Gitarrenläufen noch schnellere Motorräder, er fuhr sich mit 24 Jahren zu Tode.

Deutlich abgehangener verlief das Leben Don Felders. Als sich die Eagles 1980 das erste Mal auflösten, zog er seine vier Kinder groß, schrieb Soundtracks und arbeitete als gefragter Studiogitarrist für Pop-Größen wie Michael Jackson, Elton John, Diana Ross, die Bee Gees und Joni Mitchell. Weil Felder, der sich mit den Eagles-Bossen Don Henley und Glenn Frey während der Nullerjahre einen erbitterten Rechtsstreit um nicht gezahlte Tantiemen lieferte, viel erlebt hat und zudem ein guter Erzähler ist, schrieb er 2008 den lesenswerten Bestseller "Mein Leben mit den Eagles - Durch Himmel und Hölle (1974 - 2001)".

Gemeinsam die alten Riffs abrollen

Die Vergangenheit und all die aufregenden Geschichten von damals spielen auch auf "American Rock'n'Roll" eine wichtige Rolle. Auf dem Eröffnungs- und Titelstück erinnert Don Felder, während des legendären Woodstock-Festivals selbst im Publikum, an die Kraft jener Tage auf einem Feld im Staate New York - und daran, was sie für Amerika und seine Musikkultur bedeuteten. Dabei wird Saiten-Sänger Felder von zahlreichen Granden der Rock-Gitarre begleitet, die gemeinsam ihre Riffs abrollen. Das Ganze klingt in etwa so aufregend wie ein neues Album von Status Quo, entbehrt aber dennoch, wenn die Gitarren erst einmal losgelassen wurden, keineswegs einer gewissen Kraft.

Auch im weiteren Verlauf des Retro-Spektakels fühlt man sich an die alten Zeiten erinnert, die auch in den Texten besungen werden. Im balladesken Stück "Falling In Love" könnte man die Akkordstruktur von "Hotel California" wiedererkennen, im perfekt angerührten Satzgesang von "Sun" hört man die alte Eagles-Schule des epischen, vom Country beeinflussten Westcoast-Rock der 70-er. Vorherrschend auf dem Album sind jedoch jene Stücke, auf denen das absurd prominent besetzte Gitarren-Ensemble zum großen Rock'n'Roll-Getöse ansetzt. Stücke wie "Charmed", "Limelight" oder "Rock You". Doch, für diese Musik gibt es ein Publikum. Felders letztes Soloalbum "Road To Forever" (2012) war in den USA vor allem beim Classic Rock Radio ein großer Hit. Auch im Rock darf man das Traditionelle keineswegs unterschätzen.