In der Zwischenwelt

Aus dem Schoß der hippen Musikszene von Los Angeles entsprungen, zählt Sudan Archives mit ihrem Debüt "Athena" 2019 zu den spannendsten R&B- und Soul-Emporkömmlingen. Auf ihrem Album geht es um die Mehrdimensionalität einer persönlichen und musikalischen Selbstfindung.

Aus dem Schoß der hippen Musikszene von Los Angeles entsprungen, zählt Sudan Archives mit ihrem Debüt "Athena" 2019 zu den spannendsten R&B- und Soul-Emporkömmlingen. Auf ihrem Album geht es um die Mehrdimensionalität einer persönlichen und musikalischen Selbstfindung.

Einst aus dem Schoß der berühmten "Low End Theory"-Partys erwachsen, einem bis 2018 wöchentlich abgehaltenen Hipster-Treffen in Los Angeles, zählt Sudan Archives aktuell zu den interessantesten R&B- und Soul-Emporkömmlingen aus den USA. Und ja, Brittney Parks, so ihr bürgerlicher Name, ist wieder eines dieser Multitalente: Sie singt, schreibt Songs, produziert und spielt ihre Instrumente virtuos. Aber Parks spielt nicht auf dem Klavier oder der Gitarre, sondern: ausgerechnet auf der Geige.

Angefangen hat alles mit Beats, die die 24-Jährige nach ihrem Umzug aus dem heimischen Connecticut nach L.A. noch unter dem Namen Sudan Moon bastelte. Parks Hang zu avantgardistischen Sounddesigns sickert schon auf ihren EPs "Sudan Archives" und "Sink" durch, was die Produzentin und "Musikethnologin" schnell zum Kritikerliebling macht. Ihr eigenwilliges Musikverständnis findet im nun auf dem Auskennerlabel Stones Throw erscheinenden Albumerstling "Athena" eine märchenhafte Vollendung.

Unkonventionell und unwiderstehlich

Vor allem die Neunziger dringen auf "Athena" durch. Die geerdete Neo-Soul-Natürlichkeit der Soulquarians um Erykah Badu oder D'Angelo, aber auch der Experimentiergeist der damaligen Trip-Hop-Blase zwischen Bristol und London. Schwerfällige Beat-Konstrukte küssen schwebende Streicherensembles, die Sudan mit hauchzartem Gesang benetzt. Autodidaktisch soll sie sich im Kindesalter die Geige beigebracht haben, was ihr auch heute noch eine Spielweise beschert, die unkonventionell und gleichzeitig unwiderstehlich ist.

Ähnlich wie ihre Kollegin Kelsey Lu am Cello schert sich Sudan nicht um Standards, gleichwohl aber um ihre Wurzeln. So kombiniert sie urbane Laptop-Arrangements und Violinenspiel mit westafrikanischer Folklore, die sie beim Recherchieren für sich entdeckte und übersetzte - daher auch ihr neuer Beiname "Archives", die Archivarin. Sudan Archives entlockt dem eigentlich als streng verschrienen Streichinstrument Klänge, die der Geige eine ungeahnte Magie verleihen. Zupfen, Klopfen, Streichen, ja Sägen, keine Spielweise ist zu abwegig bei den 14 Liedern, die eine Zwischenwelt aus Dream-Pop, HipHop, Ambient, Jazz und Soul bauen. "Athena" kann somit auch als moderner Ansatz von Afrofuturismus gesehen werden, der seit einigen Jahren von zeitgenössischen, afroamerikanischen Künstlern wie Kendrick Lamar, Janelle Monáe oder Jamila Woods aufgegriffen wird. Es geht um also (Re-)Kontextualisierung, Aufzeigen von Dualitäten und, nun ja, Selbstfindung.

"There is a place that I call home, but it's not where I am welcome", singt sie etwa auf der Single "Confessions". Archives Künstlercharakter ist nämlich auch auf textlicher Ebene mehrdimensional. Mal ist sie zerbrechliche Zwillingsschwester, mal die kämpferische Heldin, die mystische Geliebte und dann die selbstbewusste Powerfrau. "When I was a little girl, I thought I could rule the world" heißt es bei "Did You Know", "You think I'm soft like iceland moos", wiederum beim herzschmerztrunkenen Break-Up-Song "Iceland Moos". Die Achterbahn ihrer Gefühlswelt behandelt sie gleichermaßen dringlich, cool und sensitiv. "Athena" beweist: im Leben gehört alles dazu - und dazu gehört am Ende auch alles.

Sudan Archives - Confessions