Zusammen ist man weniger allein

Keine Selbstdarsteller, nur Storyteller: Die Nürnberger Jazz-Rap-Formation Ferge X Fisherman macht auf ihrem Debütalbum "Blinded By The Neon" beispielhaft vor, wie Jazz-Rap 20 Jahre nach der Jazzkantine funktionieren kann.

Keine Selbstdarsteller, nur Storyteller: Die Nürnberger Jazz-Rap-Formation Ferge X Fisherman macht auf ihrem Debütalbum "Blinded By The Neon" beispielhaft vor, wie Jazz-Rap 20 Jahre nach der Jazzkantine funktionieren kann.

Die Kombination von Jazz und HipHop hat inzwischen eine lange Geschichte. Schon Anfang der 90-er kreuzten Bands wie De La Soul, A Tribe Called Quest und Gang Starr die schrägen Harmonien von Genre-Legenden wie Charlie Parker oder Herbie Hancock mit Beats und Raps. Insbesondere die Album-Serie "Jazzmatazz" des 2010 verstorbenen Rappers Guru hievte diese Idee ab Mitte der 90-er auf ein neues Level. Statt Samples auf Beats zu legen, arbeitete Guru mit einer Liveband - ein Konzept, das von Bands wie The Roots bis heute weitergetragen wird und weltweit viele begeisterte Anhänger gefunden hat.

Auch in Deutschland wurde immer wieder versucht, die Mutter aller Musikgenres mit den Ansätzen des HipHop kombinieren. Doch das Problem etwa der Jazzkantine, einem Zusammenschluss mehrerer Jazz-Musiker aus Braunschweig, die gegen Ende der 90-er mit Größen wie Die Fantastischen Vier und Blumentopf kollabierten, war die fehlende Zugänglichkeit. Es zeigte sich: Der Minimalismus, der dem Loop-basierten HipHop naturgemäß innewohnt, ließ sich nicht so leicht mit dem offenen Improvisationsgeist des Jazz vereinen. Für Jazz-Hörer waren die Songs oft zu simpel, für HipHop-Hörer zu ausufernd.

Anders machen es Ferge X Fisherman. Auf ihrem Debütalbum "Blinded By The Neon" arbeiten die Nürnberger aus einer geschmackssicheren Mitte heraus zwischen programmierten Beats und Live-Aufnahmen ihrer Band Lakesideboys. Es ist eine stylische Symbiose, die den repetitiven Charakter von HipHop-Produktionen behutsam mit leichtfüßigen Bläser-Sätzen, pointiert eingesetzten Streichern und kurzweiligen Piano-Passagen zusammenführt. Sogar Gospel wird hier untergebracht, ganz ohne Pathos. Anstatt die musikalische Bandbreite so einer Fusion wild zu orchestrieren, werden die Elemente beider Genres portionsweise eingeschoben. Jazz ist hier nicht Zweck, sondern Mittel, Rap ist kein hippes Accessoire, sondern integraler Bestandteil der Musik.

Authentisch und zeitlos

So kann es passieren, dass sich wie etwa bei "Backstage" ein instrumentales Jazz-Pop-Stück in einen geerdeten Rap-Song verwandelt, den Rapper Fisherman mit seiner kratzig-melodischen Storyteller-Stimme veredelt. Es gehört zum Selbstverständnis von Ferge X Fisherman, weder auf der Jazz-, noch auf der Rap-Seite ihr technisches Knowhow beweisen zu wollen, sondern die Gemeinsamkeiten zu ergründen.

Doch auch die Eleganz von Lead-Rapper Fisherman und seinen Vocal-Gästen wie etwa der US-Rapperin Felisha George, Indie-Sänger Florian Heimbuchner oder der Münchener HipHop-Größe Maniac macht "Blinded By The Neon" zu einem erfrischend unaufgeregten Album. Keine ausufernden Angebereien, sondern ehrliche Reflexionen über Selbst- und Fremdwahrnehmungen sind die inhaltlichen Schwerpunkte. "White flag, surrender / What do I know?", fragt sich Fisherman in "Drunk On The Moon", wenn es um die Ungewissheit eines verlorenen Herzens geht. Authentischer geht es kaum. Dass weitestgehend auf Zeitgeist-Phänomene wie Autotune-Effekte oder den 808-Drumcomputer verzichtet wurde, verleiht der Playlist zudem einen Hauch von Zeitlosigkeit.

Stets unterwürfig im Dienst der Musik steht die Platte "Blinded By The Neon" mit ihrem organischen Habitus exemplarisch dafür, was passieren kann, wenn der innere Selbstdarsteller sich zugunsten des Gesamtergebnisses zurücknimmt. Denn egal, ob Jazz oder Rap: Zusammen ist man immer weniger allein.

Ferge X Fisherman - Drunk On The Moon