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Vor 95 Jahren erstes Autorennen auf dem Nürburgring

MOTORSPORT Eifel-Kurs erlebte bis dato 41 Formel-1-Rennen

Nürburgring. 

Nürburgring. 

Wie der Sachsenring feiert auch der Nürburgring in diesem Jahr sein 95-jähriges Bestehen. Während im Freistaat der Motorradrennsport die größere Anhängerschaft und mehr der größeren Rennen gesehen hat, stehen in der Eifel die Autorennen geschichtlich gewachsen höher im Kurs.

Eingeweiht wurde der Nürburgring am 18. Juni 1927 mit Motorradrennen. Die Autoklassen zogen tags darauf, also heute vor genau 95 Jahren, nach.

 

Zweigeteilte Auftakt-Veranstaltung

 

Der Ursprung von Streckenabschnitten mit wohlklingendem Namen wie Flugplatz, Schwedenkreuz, Fuchsröhre, Karussell, Pflanzgarten und Schwalbenschwanz liegt Anfang der 1920er Jahre, einer Zeit, zu der in Europa mehr und mehr eigens für den Motorsport hergerichtete Strecken entstanden und die Grand Prix der jeweiligen Länder an Bedeutung gewannen. Damals hat ein gewisser Dr. Creutz, seines Zeichens Landrat, die Vision, die wirtschaftlich schwache Eifel-Region mittels Motorsport für den Tourismus und die damit verbundenen Gewerbezweige interessanter zu machen. Einer seiner vielen Mitstreiter war der damalige Oberbürgermeister von Köln und spätere Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer, der in dieser Angelegenheit in Berlin vorsprach. Nach reichlichem Für und Wider begann man mit der Planung der "Versuchs- und Rennstrecke Nürburgring" im Januar 1925 und drei Monate später mit den ersten Spatenstichen.

Finanzielle Zuschüsse kamen von den Städten Köln und Koblenz, sowie der Reichsregierung in Berlin. Die feierliche Einweihung fand am Samstag, dem 18. Juni 1927, beim Eifelrennen der Motorradklassen statt. Tags darauf jagten die Automobile um den insgesamt 28,3 km langen Kurs, bestehend aus Nord- (22,8 km) und Südschleife (7,7 km). 173 Kurven zierten damals die Strecke, das heißt, die Fahrer sollten Durchschnittlich alle 160 Meter am Volant drehen müssen bzw. dürfen. Der erste Gesamtsieger hieß Rudolf Caracciola auf Mercedes-Benz. Für seine Fahrt wurde ein Stundenmittel von 96,5 km/h errechnet. Diesem Sieg ließ "Carratsch" am Nürburgring noch sieben weitere folgen und ist somit einer der erfolgreichsten am Ring. Einen Monat später wurde der "Große Preis von Deutschland für Automobile" ausgetragen. Hier stand mit Otto Merz erneut ein Fahrer der Stuttgarter Wagenschmiede auf dem obersten Treppchen. Den Sieg in der Klasse bis 3.000 ccm Hubraum und gleichzeitig den 4. Gesamtrang erreichte die damals 26-jährige Pragerin Elisabeth Junek auf ihrem Bugatti. Die zurückzulegende Renndistanz betrug 509 km, wofür sie fünf Stunden und 40 Minuten benötigte, rund 40 Minuten mehr als der Sieger.

 

Die Legende der Silberpfeile entstand am Nürburgring

 

Der "Große Preis von Deutschland" wurde in den folgenden Jahren ausschließlich am Nürburgring ausgetragen. Der erste und einzige vor dem Zweiten Weltkrieg fand 1926 auf der Berliner AVUS statt. Einzige Ausnahme generell war 1930 auf Grund der Weltwirtschaftskrise. Die gleiche Ursache veranlasste 1932 Mercedes-Benz, die Rennaktivitäten ruhen zu lassen. Rudolf Caracciola wechselte für diese Saison zu Alfa Romeo und holte für sie den Sieg am Nürburgring. 1934 trat die 750-Kilogramm-Formel (Maximalgewicht) in Kraft. Mercedes-Benz und die junge AUTO UNION, hervorgegangen aus den sächsischen Fahrzeugherstellern Audi, Wanderer, Horch und DKW, waren im internationalen Maßstab konkurrenzfähig bisweilen überlegen, nicht zuletzt durch die Förderung der neuen Machthaber in Deutschland. Beim Eifelrennen lagen die beiden gemeldeten Mercedes ein unerweichliches Kilogramm über dem Gewichtslimit. Da entschied der Sage nach der Rennleiter Alfred Neubauer, die weiße Farbe von den Autos zu kratzen und abzuschmirgeln. Zur damaligen Zeit hatte jede Nation ihre Wagenfarbe. Italien zeigte sich in Rot, Frankreich in Blau, England in Grün und Deutschland ... von nun an in Silber. Der Mythos der Silberpfeile war nach einer Nachtschicht der Mechaniker geboren.

Die Mühe hatte sich gelohnt. Der spätere ADMV-Präsident in der DDR, Manfred von Brauchitsch, der ebenfalls zur Sage beigetragen haben will, gewann vor Hans Stuck auf AUTO UNION. Einen Monat nach dem Eifelrennen stand wiederum der Große Preis auf dem Programm. Hans Stuck und AUTO UNION nahmen Revanche und siegten mit dem 16-Zylinder Typ A Rennwagen vor dem Mercedes mit Luigi Fagioli am Steuer. Der Große Preis von 1935 ging ebenfalls in die Geschichte ein. Bei diesem Rennen gewann der große Tazio Nuvolari mit dem deutlich unterlegenen Alfa Romeo vor der übermächtigen deutschen Konkurrenz. Zwar etwas begünstigt durch den Ausfall des lange führenden von Brauchitsch, aber trotzdem sensationell.

 

Der Stern Bernd Rosemeyer strahlte auch in der Eifel

 

Ein Jahr später behielt sich der junge Bernd Rosemeyer vor, den Nürburgring, mittlerweile wurde nur noch die Nordschleife mit der Südkehre gefahren, als erster unter 10 Minuten zu umrunden und siegte bei Eifelrennen und beim GP. Ersterer Sieg war mit dem Prädikat "legendär" zu versehen. Rosemeyer distanzierte den alten Haudegen Nuvolari in jenem 1936er Nebelrennen, bei dem die Sichtweite teilweise unter 50 Meter betrug, durch Rundenzeiten, die denen die unter optimalen Verhältnissen erreicht wurden, sehr nahe kamen.

1937 wurde erstmals auch am Nürburgring die Startaufstellung nach den gefahrenen Trainingszeiten vorgenommen, bislang entschied das Los. Den begehrten ersten Startplatz holte sich der Draufgänger Rosemeyer, der in seiner kurzen Karriere am Nürburgring sechsmal an den Start ging und dreimal gewann.

1938 erlebte der Große Preis mit 400.000 Zuschauern seinen Rekord. Der häufig vom Glück verlassene Manfred von Brauchitsch führte lange Zeit, musste aber, nachdem sein Wagen kurz an der Box brannte, erneut die Waffen strecken.

 

Neubeginn

 

Der Zweite Weltkrieg unterbrach sämtliche Motorsportaktivitäten in Europa und somit auch am Nürburgring. Nach Beendigung des Wahnsinns stand die Eifel unter französischer Verwaltung, die schließlich 1947 die Genehmigung für eine neue Asphaltdecke der kürzeren Südschleife, sowie das Eifelpokal-Rennen für Motorräder und Seitenwagen anlässlich des 20-jährigen Jubiläums erteilte. Im Eintrittspreis enthalten war ein Essen, bestehend aus Würstchen und Kartoffelsalat. Imposanten Motorsport erlebte man erst 1950 wieder am Nürburgring, beim Großen Preis von Deutschland für Automobile. Das Rennen wurde für Formel-2-Wagen ausgeschrieben. Man erhoffte sich dadurch einen regeren Zuschauerzuspruch, da in der höchsten Automobilsportkategorie weder deutsche Fahrer noch Wagen mitmischten. Alberto Ascari feierte auf Ferrari einen Start-Ziel-Sieg, bester deutscher Teilnehmer wurde Toni Ulmen auf Veritas als Vierter. Eine Woche später errang der Düsseldorfer seinen zweiten Sachsenring-Sieg.

1951 spielte Deutschland wieder auf der großen Motorsportbühne eine Hauptrolle. Auf dem Eifelkurs wurde einer von insgesamt acht zur Formel-1-Weltmeisterschaft zählenden Läufen ausgetragen. Alberto Ascari gewann erneut, diesmal vor Juan Manuel Fangio, und konnte somit den Titelkampf weiter offen halten. Am Jahresende feierten dennoch Fangio und Alfa Romeo die Weltmeisterschaft vor dem Ferrari-Pilot Ascari. Anfang der 1950er-Jahre kamen eigentlich nur italienische Wagen für Siege in Frage. 1952 sicherte sich Ascari mit seinem dritten Sieg den Titel "Meister des Nürburgrings". Diese Ehre wurde vor dem Krieg schon Rudolf Caracciola zuteil. Ein weiteres Jahr später trug man den aufstrebenden Langstreckenrennen für Sportwagen Rechnung. Das erste 1.000 km-Rennen am Nürburgring sah nach 8:20,44 Stunden das Duo Alberto Ascari/Dr. Nino Farina (erster Weltmeister der Formel-1-Geschichte) auf ihrem 4,5 Liter Ferrari-Berlinetta als Sieger.

 

Silberpfeile strahlen wieder

 

Durch den Wiedereinstieg von Mercedes mit ihren Silberpfeilen im Jahr 1954 erlebte der Ring einen neuerlichen Besucheransturm. Prompt kam die Mannschaft aus Stuttgart-Untertürkheim mit ihrem neuen Aushängeschild Juan Manuel Fangio als erste ins Ziel. Doch die Gefühle der Sieger waren sehr unterschiedlich, hatte doch Fangio zwei Tage zuvor seinen Freund und Landsmann Onofre Marimon durch einen Trainingsunfall verloren. Im darauffolgenden Jahr wurden viele Rennen nach der Katastrophe von Le Mans (über 80 getötete Zuschauer beim Unfall von Mercedes-Pilot Pierre Levegh) kurzfristig abgesagt, unter anderen auch der Große Preis von Deutschland.

Beim 1000 km -Rennen erreichte die Thüringer EMW-Mannschaft mit Edgar Barth und Arthur Rosenhammer den dritten Platz, sowie den Klassensieg bei den Seriensportwagen bis 1.500 ccm Hubraum. So auch 1956. Das wahrscheinlich beste Rennen von Juan Manuel Fangio lief 1957 ebenfalls in der Eifel. Dank einer lahmen Maserati-Boxenmannschaft handelt er sich eine knappe Minute Rückstand auf die Ferrari-Stars Peter Collins und Mike Hawthorn ein. Fangio setzte zu einer Aufholjagd par excellence an und siegte dennoch. Dabei fuhr er praktisch das gesamte letzte Renndrittel am absoluten Limit. In den Jahren 1959/1960 fehlte die Formel 1 am Ring. 1959 fand der Große Preis von Deutschland in der Metropole Berlin statt. Doch der erhoffte Zuschauerboom blieb, nicht zuletzt wegen der uninteressanten Streckenführung, aus. Mit dem gleichen Ziel wurde ein Jahr danach, wieder in der Eifel, der GP für Formel-2-Fahrzeuge ausgeschrieben, da sich in dieser Klasse der geglaubte Publikumsmagnet betätigte. Doch auch die ungeliebte Südschleife und die Formel 2 wurden von den Zuschauern nicht wie erhofft angenommen.

 

Weitere Schallmauer durchbrochen

 

Die 9-Minutengrenze für den großen Kurs durchbrach der Amerikaner Phil Hill 1961 bei den Trainingsläufen. Das Rennen gewann Stirling Moss im unterlegenen Lotus-Climax vor den die Saison dominierenden Ferrari-156-Piloten Wolfgang Graf Berghe von Trips und Phil Hill. Dieses Rennen zählt neben den Siegen von Tazio Nuvolari 1935 und Juan Manuel Fangio 1957 zu den unglaublichen Drei aller Nürburgringevents. Solche anormalen Siege von David über Goliath erleben meist auch nur außergewöhnliche Rennstrecken bzw. Fahrerstrecken, wie zum Beispiel noch Monte Carlo. Beim 1000-km-Rennen 1967 kam Porsche zu deren ersten Gesamtsieg, wobei sich mittlerweile die Formel-1-Stars mehr und mehr von Langstreckenrennen zurückzogen und das Feld den Spezialisten überließen. Die für ihre Wetterkapriolen bekannte und gefürchtete Eifel zog ein weiteres Jahr später alle Register. Dieser Formel-1-GP war das Schlimmste, was je da war und eine Kombination aus 1936er Nebelrennen und 1962er Seeschlacht. Es siegte schließlich der aufstrebende Schotte Jackie Stewart. Gut vier Minuten nach ihm lief  Graham Hill in den schwer auszumachenden Hafen ein. Ende der 1960er Jahre wurden die Bemühungen nach mehr Sicherheit in allen Bereichen des Motorsports verstärkt. Auch der Nürburgring wurde von den Fahrern als zu gefährlich eingestuft. So wurde der GP 1970 an Hockenheim "ausgeliehen" und der Eifelkurs umgebaut und begradigt. Fünf Jahre später fuhr Niki Lauda als Erster eine Runde unter sieben Minuten und erlebte 1976 seinen schlimmen Feuerunfall. Lauda musste zwei Rennen pausieren, verlor die Weltmeisterschaft an James Hunt und die Eifel den Großen Preis von Deutschland endgültig an Hockenheim.

 

Neuer Grand-Prix-Kurs

 

Die Nürburgring-Verantwortlichen erkannten die Zeichen der Zeit und begannen fortan mit Planung und Bau des neuen Grand-Prix-Kurses, der 1984 eingeweiht wurde. Beim Eröffnungsrennen auf einheitlichen Mercedes 190 E düpierte der Nobody Ayrton Senna die Konkurrenz, bestehend fast allen aktuellen Formel-1-Piloten und weiteren Prominenten. Am Jahresende wurde an gleicher Stelle der GP von Europa ausgetragen. Dabei errang Ex-Nürburgring-Opponent Lauda mit Rang vier wichtige Punkte für seine dritte Weltmeisterschaft, die er sich mit 0,5 Punkten Vorsprung, so knapp wie nie zuvor, vor seinem Teamkollegen Alain Prost, sicherte. Ein Jahr danach gastierte der Große Preis von Deutschland wieder in der Eifel. Doch der ehemalige Londoner Gebrauchtwagenhändler und Formel-1-Gebieter Bernie Ecclestone war mit der Organisation unzufrieden und verbündete sich wieder mit Hockenheim. Zehn Jahre später gelang es dem rührigen Geschäftsführer Dr. Walter Kafitz und seiner Mannschaft, die Formel 1 als GP von Europa in die Eifel zurückzuholen, was auch 1996 gelang. Mit dem Zugpferd Michael Schumacher erlebte der Nürburgring in Sachen Formel 1 eine neue Blütezeit, die im Zuge der Insolvenz 2013 zu Ende ging. Im ersten Corona-Jahr 2020 suchte der aktuelle Formel-1-Promoter händeringend Austragungsorte, um die Saison und ein bisschen "Cash" zu retten. Somit gab es im Oktober 2020 noch einmal ein vermutlich einmaliges Gastspiel der Formel 1 am Nürburgring. Bis dato erlebte der Eifel-Kurs 41 Rennen der Königsklasse.  Doch auch ohne Formel 1 war und ist am Nürburgring immer volles Programm. Aktuell sind das 24-Stunden-Rennen und der Truck Grand Prix die Zuschauer-Massenevents.

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