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Maria Furtwängler zieht Bilanz: 20 Jahre "Tatort" - und was nun?

Interview zum "Tatort"-Jubiläum Seit 20 Jahren spielt Maria Furtwängler die "Tatort"-Kommissarin Charlotte Lindholm. Im Interview spricht sie über Lieblingsfilme und Flops sowie Gemeinsamkeiten zwischen Charlotte und ihr. Ihr Jubiläums-"Tatort" fasst ein heißes politisches Eisen an: Femizide durch Geflüchtete in Deutschland.

Vor wenigen Wochen machte sie selbst Schlagzeilen, als Maria Furtwängler und ihr Ehemann, Medien-Unternehmer Hubert Burda, sich nach mehr als 30 Jahren Ehe trennten. Darüber sprach die 56-jährige Schauspielerin im Interview zwar nicht, dafür aber über ihre letzten 20 Jahre, die sie als Charlotte Lindholm in Diensten des "Tatorts" verbrachte. Was war in diesen beiden Dekaden gut, was weniger und wohin könnte sich die kühle Blonde aus nördlichen Ermittlungsgefilden noch hin entwickeln? Einen Wunsch hat Maria Furtwängler schon mal für ihre "Freundin" formuliert: "Eine glückliche Liebe hätte Charlotte nach 20 Jahren wirklich verdient." Auch beim brisanten Thema ihres Jubiläumsfilms ("Tatort: Die Rache an der Welt" am Sonntag, 9. Oktober, 20.20 Uhr, Das Erste) spricht die politisch engagierte Mimin Tacheles. Es geht um Femizide in Deutschland und die Frage, ob Geflüchtete dabei "verdächtiger" sein dürfen als andere Menschen.

teleschau: "Lastrumer Mischung", Ihr erster "Tatort" als Charlotte Lindholm, lief im April 2002. Wie schnell oder langsam ist die Zeit seitdem vergangen?

Maria Furtwängler: Wie die meisten meiner Altersgenossinnen bin ich eher erschüttert darüber, wie schnell die Zeit vergangen ist. Noch erschütterter ist aber meine 30-jährige Tochter, die sagte nämlich zu mir: "Mama, da war ich ja erst zehn!" Wenn man rechnet, was 20 Jahre für sie an Lebenszeit bedeuten, dann hat diese Spanne noch mal eine ganz andere Wucht.

teleschau: Hätten Sie damals damit gerechnet, dass Sie so lange Charlotte Lindholm sein würden?

Maria Furtwängler: Nein. Ich hätte eher gefragt: "Wie kann man etwas so lange machen?" Heute kann ich aus voller Überzeugung sagen, dass es sehr gut funktioniert. Vor allem seit man der lieben Charlotte nur einmal pro Jahr begegnet - was ich vor etwa acht Jahren beschlossen habe. Dann ist es eine Rückkehr zu etwas und jemanden, auf den ich mich jedes Mal total freue.

"Man würde wohl auch ein bisschen warnen vor ihr!"

teleschau: Wie hat sich ihr Verhältnis zueinander entwickelt?

Maria Furtwängler: Seit ich selbst produziere, der Udo Lindenberg-"Tatort" war ja meine erste eigene Lindholm-Produktion, habe ich noch mal ein ganz neues Interesse, aber auch eine große Verantwortung der Figur gegenüber gespürt. Aber es ist auch gut, wenn man sie dann wieder in andere verantwortungsvolle Hände geben kann. Beim neuen Film "Die Rache an der Welt" hatte ich beispielsweise wenig bis keinen Anteil an der Ausgestaltung des Drehbuchs.

teleschau: Ist Charlotte Lindholm heute charakterlich anders als zu Beginn der Reihe?

Maria Furtwängler: Na klar. Sie ist erwachsener und weniger aufbrausend als früher. Andererseits haben sich natürlich auch ihre Marotten verfestigt. Zum Beispiel jene, immer wieder jenseits des Legalen zu ermitteln. Ich habe mal überlegt, was man ihr für eine Note geben oder was man ihr in die Personalakte schreiben würde. Da würde wahrscheinlich stehen: "Große Trefferquote, nahezu einhundert Prozent gelöste Fälle. Eine gute, hartnäckige Ermittlerin mit großen Schwächen in Sachen Teamfähigkeit." Man würde wohl auch ein bisschen warnen vor ihr!

teleschau: Das deutsche Publikum neigt dazu, langjährigen "Tatort"-Ermittlern die Charakterzüge ihrer Rolle zuzuschreiben. Inwiefern läge man da bei Ihnen richtig?

Maria Furtwängler: Die Hingabe an eine Sache, man könnte es auch Besessenheit nennen, die haben wir schon gemeinsam. Auch ich will Dinge ganz und gar durchdringen, und ich spüre einen gewissen Perfektionismus in mir. Wenn ich mir etwas Neues vornehme, kann ich sehr zielstrebig sein. Man könnte das auch als Verbissenheit bezeichnen (lacht). Was mich aber von Charlotte unterscheidet: Ich bin eine absolute Teamplayerin und ein sehr sozial denkender, fühlender Mensch. In dieser Hinsicht mag ich Charlotte weniger.

"So muss mein Actionfilm nun auch nicht aussehen"

teleschau: Werden Sie bald wieder einen Lindholm-"Tatort" selbst produzieren?

Maria Furtwängler: Ja, das hoffe ich. Aber da gibt es noch nichts konkret zu vermelden. Ich produziere und habe dafür andere Formate produziert. Zum Beispiel eine kleine Comedy-Serie für Warner/TNT über eine Fahrschullehrerin, die nach einer eigenen Krise Online-Lebensberaterin wird. "Ausgebremst" heißt die Serie. Wir sind auch an einer Weihnachtsgeschichte dran und an einem Film, in dem es um die dezidiert weibliche Perspektive auf eine Vergewaltigung geht. Alles sehr unterschiedliche Projekte.

teleschau: Sie haben 30 Lindholm-Fälle gedreht. Gibt es einen persönlichen Lieblingsfilm?

Maria Furtwängler: Ich bin immer noch sehr stolz auf den Zweiteiler "Wegwerfmädchen" und "Das goldene Band" von 2012. Das war ein wichtiges Film-Thema, das in Deutschland viele Augen für das sehr reale Thema Zwangsprostitution geöffnet hat. Und besonders, auch weil mich die Arbeit mit der Regisseurin Anne Zohra Berrached sehr gefordert hat, war "Der Fall Holdt" von 2016. Es war ein sehr persönlicher Fall von Charlotte, die selbst Opfer von Gewalt wurde und wir erleben sie in einem absoluten Ausnahmezustand. Da ist uns, glaube ich, eine echt starke Folge gelungen. Eine, die berührend die Folgen eines solchen Übergriffs thematisiert und auch eine, in der Charlottes gewohnte Souveränität und Toughness schwer ins Wanken gerät.

teleschau: Gibt es auch Filme, über die Sie besser den Mantel des Schweigens hüllen möchten ... ?

Maria Furtwängler: Die gibt es sicher, aber ich sage es ganz ehrlich: Ich kann mich nicht mehr an alle 30 Filme erinnern. Ganz dunkel ist mir noch eine Szene in einem Flugzeug im Kopf, in dem ich vor einer Bluescreen versuche zu verhindern, dass eine andere Person aus der Maschine springt, indem ich sie an den Haaren festhalte. In der Tat ist es so, dass ich schon immer mal gerne einen Actionfilm drehen wollte. Aber da dachte ich: "Na ja, so muss mein Actionfilm nun auch nicht aussehen (lacht)". Ich glaube, der Fall hieß "Spielverderber".

"Einen Femizid gibt es in Deutschland alle zweieinhalb Tage"

teleschau: Ihr Jubiläumsfall "Die Rache an der Welt" ist vom bekannten Kreativ-Duo Daniel Nocke und Stefan Krohmer geschrieben und inszeniert. Die beiden stehen für kluge Gesellschaftskomödien mit subtilem Anarcho-Witz. Ihr "Tatort" ist aber überraschend ernst!

Maria Furtwängler: Wir haben den Film bereits vor zwei Jahren gedreht und dazwischen den - später gedrehten - Lindenberg-Film ausgestrahlt, weil dieser in seiner Märchenhaftigkeit gut in die Weihnachtszeit passte. "Die Rache an der Welt" war inhaltlich nie als Jubiläumsfilm gedacht. Ich glaube, dass Krohmer und Nocke die Ermittlungen in der Asylsuchenden-Szene sehr differenziert dargestellt haben. Es ist eine komplexe Gemengelage, der man gerecht werden muss. Ich glaube, sie wollten - wir alle wollten - die Debatte um kriminelle Geflüchtete nicht auf ungünstige Weise anheizen. Eine humoristische Herangehensweise wäre dabei aus vielen Gründen nicht die richtige gewesen.

teleschau: Sie erzählen von männlichen Asylbewerbern mit islamischem Background, die unter Verdacht stehen, eine junge Studentin ermordet zu haben. Thematisch ein heißes Eisen. Eines, das man nur sehr behutsam anfassen darf?

Maria Furtwängler: Man muss sich davor hüten, dass Zuschauerinnen und Zuschauer am Ende denken könnten: Aha, mit den Männern aus diesem Kulturkreis sind überhaupt erst die Femizide nach Deutschland gekommen. Einen Femizid gibt es in Deutschland alle zweieinhalb Tage. Die Frauen werden fast immer von ihren Partnern oder Ex-Partnern umgebracht, und das definitiv nicht erst seit Asylsuchende zu uns gekommen sind. Es ist ein Thema der patriarchalen Kulturen, keines der Einwanderungspolitik. Frauenverachtung und Gewalt gegen Frauen ist eine Krankheit, die das Patriarchat mit sich bringt.

teleschau: Im Kern schildert der Film akribisch polizeiliche Ermittlungsarbeit - aber es geht auch um Vorurteile, positive wie negative, einem gewissen Kulturkreis gegenüber. Würden Sie zustimmen?

Maria Furtwängler: Ja, ich stimme zu. Ein "Tatort" soll zwar kein Debattenbeitrag sein, trotzdem lotet er diese Fragen aus. Was denkt man - und warum? Welche Vorurteile hat man? Was möchte man gerne denken, und was tut man dafür, dass man eine Bestätigung dafür findet? Diese innere Gemengelage möchten wir hier durchspielen und durchdenken.

"Eine glückliche Liebe hätte Charlotte nach 20 Jahren wirklich verdient"

teleschau: Was denken Sie selbst über Migration nach Deutschland?

Maria Furtwängler: Dass Migration unsere Realität ist und bleiben wird. Es sind eine knappe Million Syrer und Syrerinnen zu uns gekommen. Seit März dieses Jahres kommen ähnlich viele Menschen aus der Ukraine. Viele redliche Menschen und natürlich auch ein paar schwarze Schafe - bei diesen Zahlen unvermeidlich. Damit müssen wir leben und umgehen, wie wir das bei Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes auch tun. Aufgrund der Klimakrise rechnet man bis 2050 mit rund 200 Millionen Flüchtenden weltweit, die rein aus klimatischen Gründen ihre Heimat verlassen müssen. Auch davor können wir die Augen nicht verschließen.

teleschau: Wie lange wollen Sie noch als Charlotte Lindholm weitermachen? Und was wünschen Sie der Figur?

Maria Furtwängler: Wenn es nach mir geht, will ich noch eine ganze Weile weitermachen. Ich liebe die Figur, ich liebe Charlotte Lindholm. Den nächsten Fall drehe ich im November mit der Regisseurin Christine Hartmann, darauf freue ich mich.

teleschau: Jetzt haben Sie aber nicht verraten, was Sie Charlotte persönlich wünschen ...

Maria Furtwängler: Ach ja (lacht) ... Also, wenn ich eine Freundin wäre, würde ich ihr ein Spa-Wochenende verschreiben und andere Dinge, die der Entspannung dienen. Außerdem würde ich für sie gerne noch einen Mann finden. Einen tollen Mann! Eine glückliche Liebe hätte Charlotte nach 20 Jahren wirklich verdient.

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