Lichtenaus Bürgermeister: "Wir hinterfragen plötzlich unser Verhalten"

einblick Interview mit dem Bürgermeister der Gemeinde Lichtenau Andreas Graf

Lichtenau. 

Lichtenau. Die Coronakrise hat den Alltag in den letzten Wochen fest im Griff. Es ist eine Zeit der Ungewissheit und der Einschränkungen. Im Interview mit BLICK-Reporterin Sarah Schmidt erklärt Andreas Graf, wie er als Bürgermeister der Gemeinde Lichtenau diese Zeit wahrgenommen hat, welche Schwierigkeiten es gab und ob er in der Krise auch Chancen erkennt.

 

Anfang des Jahres war Corona bereits in China ein ernstes Thema - hätten Sie sich damals vorstellen können, dass uns Corona tatsächlich erreicht und es zu solchen Auswirkungen kommt?

Ich habe in letzter Zeit selbst darüber nachgedacht, mit welcher Geschwindigkeit die Veränderungen uns erreicht haben! Noch zu Silvester hätte ich alles Mögliche für dieses Jahr erwartet, aber nicht ansatzweise so eine dramatische Entwicklung.

Wie waren die letzten Wochen für Sie ganz persönlich?

Anders als viele Menschen in unserer Gemeinde bin ich glücklicherweise nicht von den wirtschaftlichen Auswirkungen betroffen gewesen. Somit konnte ich meine ganze Kraft in die Bewältigung der kommunalen Aufgaben investieren. Die Leitung des Krisenstabes unserer Gemeinde ist die zeitintensivste Aufgabe der letzten Wochen gewesen. Es waren anstrengende Wochen, aber durch eine konsequente Informationspolitik konnten wir zumindest das unseren Einwohnern bieten, was wichtig war: schnelle und klare Informationen! Privat hatten wir wie alle Familien die Organisation der Kinderbetreuung zu bewältigen, was aber mit einem Wechsel zwischen meiner Frau und mir gut funktioniert hat.

Was war bisher die größte Herausforderung während der Coronakrise?

Die größte Herausforderung bestand darin, die Ankündigungen der Bundes- und Landespolitik in kürzester Zeit umzusetzen. Denn von der medialen Berichterstattung über die neuesten Absprachen zwischen Kanzlerin und den Ministerpräsidenten bis zum Vorliegen der entsprechenden Allgemeinverfügung vergingen ja noch einige Tage. Oft hatten wir von der Bekanntgabe der Verfügungen bis zum Inkrafttreten nur wenige Stunden Zeit, um die Vorgaben zu erfüllen. Aber die Anrufe der Menschen gingen schon eher bei uns ein, bevor wir die Verordnungen in den Händen hatten.

Sie sind mit den Lichtenauern in Kontakt getreten, um neue Informationen schnell zu verbreiten. Dazu haben Sie die digitalen Möglichkeiten genutzt - werden Sie diesen Informationsweg auch nach Corona beibehalten?

Ja, die Kommunikation über soziale Medien war in der Art und Weise auch für mich eine neue und gute Erfahrung. Das hilft bei jeder neuen Verfügung, um schnellstmöglich viele Leute zu informieren. Wenn die ganz intensive Corona-Zeit vorbei ist, will ich daher auch weiterhin die kommunalen Ereignisse oder Fragestellungen auf diese Weise zu den Menschen hier transportieren.

Corona hat uns gelehrt, dass alles möglich ist. Manche Veränderung ist langfristig vielleicht gar nicht so schlecht. Was hat sich in Ihrem beruflichen oder privaten Alltag verändert, das eventuell sogar so bleiben könnte?

Was sich auf alle Fälle über die Corona-Zeit hinaus erhalten sollte ist die Überprüfung, welche Termine wirklich zwingend notwendig sind. Viele Besprechungen könnten durchaus weiterhin per Video- oder Telefonkonferenz laufen. Das spart oft Fahrtzeit und Kilometer. Und nicht zuletzt fand ich persönlich auch wichtig, den Wert von Familie neu zu entdecken und Zeit mit Ehefrau und Kindern zu verbringen. Wir sprechen immer von Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wenn wir ehrlich sind merken wir, dass das sehr schwierig ist, denn sowohl die Familie als auch mein Beruf verlangen nach ungeteilter Aufmerksamkeit. Wenn wir zugunsten unserer Kinder und Familien mehr Zeit investieren wollen, dann kann diese Zeit nur durch andere Organisation des Berufslebens gewonnen werden. Durch die jetzt gemachten Erfahrungen mit Homeoffice und Zeiteinsparung mit Videokonferenzen haben wir eine Idee, wie es gehen kann.

Sehen Sie auch Chancen, die sich aus der Krise ergeben?

Definitiv! Wie schon erwähnt hinterfragen wir plötzlich unser Verhalten: muss ich zu jedem Termin fahren oder geht es auch Online? Auf welche Gespräche, Beziehungen und Informationen kommt es tatsächlich an? Welche Projekte sind wichtig? Welche Dienstleistungen können wir als Rathaus künftig auch ohne Besucherkontakt anbieten, also bequem von zu Hause? Auch die Bedeutung des schnellen Internets ist einmal mehr in den Blick geraten - im wahrsten Sinne des Wortes (lacht). Wenn wir Kinder im Notfall auch zu Hause unterrichten wollen, dann braucht jedes Haus einen Breitbandanschluss und jede Familie einen Computer. Das könnte vielleicht auch Kindern helfen, die mal krankheitsbedingt länger ausfallen und so doch ein wenig am Unterricht teilhaben können.

Was wünschen Sie sich für die Zeit nach Corona?

Ob es diese Zeit tatsächlich gibt, da bin ich noch gespannt. Aber wenn ich mir etwas wünschen kann, dann dass die Menschen hilfsbereit bleiben, wie wir es während dieser Zeit gesehen haben.