Alles sagen

Ibibio Sound Machine werfen auf ihrem dritten Album erneut viele Genres in den Elektromixer. Das Ergebnis klingt trotzdem aufgeräumt und drückt auch noch ein globalisiertes Lebensgefühl aus.

Der Bandname sagt im Falle von Ibibio Sound Machine schon viel über die Band. Die Ibibio sind ein Volk, das im südöstlichen Nigeria lebt. Sängerin Eno Williams ist Londonerin, hat aber lange in Nigeria gelebt und spricht die Sprache der Ibibio. Der Albumtitel "Doko Mien" bedeutet darin so viel wie "Sag mir alles". Die zweite Hälfte des Bandnamen erinnert an Gloria Estefans Band Miami Sound Machine, die schon in den 80-ern erfolgreich Genres verschmolz, in diesem Fall vor allem Synthpop und lateinamerikanischen Bolero. Ibibio Sound Machine wurden ursprünglich von drei Produzenten gegründet, die sich für die Schnittmenge von Afrobeat und Drum'n'Bass interessierten. Durch das Hinzufügen von Williams und Band wurde das Ganze dann zu einem dichten Zitatwerk, in dem die elektronischen Einflüsse eher untergehen.

Die Musik von Ibibio Sound Machine kann unheimlich spezifisch klingen, wenn Schichten aus Percussions um die Wette klappern oder die Gitarren im Stil des westafrikanischen Genres Highlife gezupft werden. Sie klingt aber aber auch unheimlich universell und zugänglich, wenn dann die Funk- oder Disco-Rhythmen einsetzen, zu denen man überall auf der Welt tanzen könnte. Ein solcher Gegensatz ist vielleicht die beste musikalische Repräsentation des Lebens, das Menschen in der Diaspora führen, oder des Lebens, das Eno Williams führt.

Musik ohne Grenzen

Nigeria, England und Amerika haben in der Musik von Ibibio Sound Machine keine natürlichen Grenzen. Weil die Zielsetzung "alles sagen" ist, finden sich auf "Doko Mien" aber mehr englischsprachige Texte als noch auf dem Vorgänger "Uyai" (2017). Williams scheint das zu reflektieren, wenn sie auf dem Titeltrack singt "Tell me what you want me to do", bevor sie die Sprache wechselt, oder wenn sie auf "Guess We Found A Way" feststellt: "Guess we found a way to speak to you / Guess we found a way to say what's true." Wenn Williams die Sprache wechselt, wechselt sie gewissermaßen auch die Zielgruppe. Es fühlt sich aber nie an, als wollte sie der jeweiligen Zielgruppe mehr Platten und Konzerttickets verkaufen, sondern immer, als ginge es um ein Gemeinschaftsgefühl. Disco und Funk sind nicht nur ein Retro-Chic, sondern Teil einer gemeinsamen musikalischen Vergangenheit verschiedener Kontinente, und deshalb die Basis des Sounds.

Ob daraus dann ein klanglich sehr voller Track wie "She Work Very Hard", das elektronische Stück "I Will Run" oder das halbakustischen Traditional "Kuka" entsteht - Eno Williams kann sich stimmlich problemlos in den Vordergrund spielen, und ihre vielseitig geschulte Band dürfte bei einem Live-Konzert noch beeindruckender wirken als auf diesem Album. Obwohl Ibibio Sound Machine die Summe vieler Teile sind, klingt "Doko Mien" nicht chaotisch, sondern warm und kitschfrei und so universell, dass man beinah den zu Recht eingestaubten Begriff der Weltmusik wieder bemühen möchte.