Brians letztes Geläut

Der Zirkus ist in der Stadt - doch will er nicht gesehen werden: Der einst lange unter Verschluss gehaltene letzte Auftritt von Brian Jones als Teil der Rolling Stones bekommt eine digitale Auffrischung. Ein buntes Superstar-Treffen in HD.

Am 3. Juli 2019 jährte sich der tragische Unfalltod von Brian Jones zum 50. Mal. Der einstige Soundgeber der Rolling Stones ertrank 1969 unter mysteriösen Umständen in seinem eigenen Pool. Zuvor hatte der Gitarrist mit Neigung zum Blues und zum Rausch sich geistig wie körperlich immer weiter von seinen Kollegen entfernt - bis es gut einen Monat vor seinem Ableben zur Trennung kam. Live traten die Rolling Stones in den letzten Monaten mit Jones nur noch selten auf. Er sei damals, erklärten Mick Jagger und Co., kaum mehr in der Lage dazu gewesen. Doch hielt man ein letztes kollektives Tamtam ab, das nun aufgefrischt sowohl in Audio- (Stream, CD und LP) als auch in Videovariante (DVD und Blu-ray Disc) als "The Rolling Stones Rock And Roll Circus" neu veröffentlicht wird.

Damals, Ende der 1960-er, gab es bekanntlich keinen Winter. Im Dezember 1968 wehte der andauernde Summer of Love unbeirrt warme Luft über die Kontinente. Noch keiner der bunten Vögel war mit 27 aus den Wolken gefallen - Jones wurde ein gutes halbes Jahr später zum ersten Mitglied des sogenannten "Club 27". In dieser wilden Zeit wollten die Stones als fahrender Zirkus umherziehen, zur großen Fahrt kam es allerdings nicht. Es blieb bei einem einzigen Auftritt in London, zu dem die Rolling Stones reichlich einluden. Die damals noch sehr junge Band Jethro Tull (in ihren zwei Wochen mit Tony Iommi an der Gitarre) war dabei, The Who, der amerikanische Blues-Musiker Taj Mahal, Marianne Faithfull sowie John Lennon als Kopf der Ad-hoc-Supergroup The Dirty Mac (unter anderem mit Yoko Ono), außerdem Eric Clapton und Jimi-Hendrix-Drummer Mitch Mitchell. Le-gen-där, will man meinen. Doch die Stones hielten ihr musikalisches Get-together bis zu einer ersten Veröffentlichung 1996 unter Verschluss.

Müde Stones in bunten Gewändern

Das mag mit dem Tod ihres Freundes zu tun gehabt haben und dem Schutz vor zu vielen (Miss-)Interpretationen zu dessen müden Blicken. Doch gab es auch andere Gründe für die Zurückhaltung: Nicht nur der längst in Ungnade gefallene Jones macht einen wenig frischen Eindruck auf diesem farbenfrohen Zeitzeugnis. Von den Stones versprüht einzig Jagger einen gewissen Esprit; Keith Richards fällt mit ungelenken Ansagen auf, und der ohnehin stoische Bassist Bill Wyman wirkt ziemlich desinteressiert. Andere auf DVD und BD gebannte frühe Auftritte geben mehr Aufschluss über die einstige Live-Kraft der Teufelssympathisanten.

Anders The Who, bei denen es im "Rock And Roll Circus" gewohnt charismatisch und energetisch zur Sache geht. Lennons "Yer Blues" ist ein echtes Live-Musik-Highlight, während Yoko Onos darauffolgendes, von Gitarren und einer Geige begleitetes Gekreische etwas aus dem doch sehr klassischen Rock'n'Roll-Rahmen fällt. Denn trotz Zirkusthema samt Verkleidungen, Schminke, Rundzelt, Manege und aus heutiger Sicht putzig angestaubten Trapez- und Feuerspuckeinlagen hat man es hier zuvorderst mit einer typischen 60er-Rockshow zu tun.

Was aber nicht heißen soll, das Ganze wäre einer Neubearbeitung nicht wert gewesen. Die liebevoll in ein Buchdesign eingegepasste Deluxe-Edition ergänzt das illustre Video-Stündchen inklusive dreier Audiokommentare und Bonus-Clips noch mit einem Essay von "Rolling Stone"-Autor David Dalton sowie einer CD mit bisher unveröffentlichten Liedern - etwa Lennons Supergroup-Version von "Revolution". Trotzdem: Wer etwa die kürzlich veröffentlichte Scorsese/Netflix-Dokumentation zu Bob Dylans knapp zehn Jahre später veranstalteter "Rolling Thunder Revue" gesehen hat, hätte auch hier etwas mehr erwartet. Ungeniertes Ausmalen und Hinzudichten wie bei Dylan, der seinerzeit den Sarg für seinen Freund Brian Jones bezahlte, wäre hier durchaus erlaubt gewesen. Illusion und Fantasie gehören schließlich zu jedem guten Zirkus.