"Das lineare Fernsehen wird es in dieser Form nicht mehr lange geben"

35 Jahre nach seinem Durchbruch stand Heiner Lauterbach für den Fernsehfilm "Ihr letzter Wille kann mich mal!" erneut mit Uwe Ochsenknecht vor der Kamera. Ein Gespräch über den Wert von Freundschaft, gemeinsame Erinnerungen und die Veränderungen im Filmgeschäft.

35 Jahre nach seinem Durchbruch stand Heiner Lauterbach für den Fernsehfilm "Ihr letzter Wille kann mich mal!" erneut mit Uwe Ochsenknecht vor der Kamera. Ein Gespräch über den Wert von Freundschaft, gemeinsame Erinnerungen und die Veränderungen im Filmgeschäft.

Da konnten selbst Sylvester Stallone in "Rambo" und Michael J. Fox alias Marty McFly in "Zurück in die Zukunft" nicht mithalten: Die Komödie "Männer" stellt 1985 die deutschen Kinocharts auf den Kopf und konnte nur von Otto Waalkes "Otto - Der Film" überflügelt werden. Mit dem Erfolg des Films der damals aufstrebenden Regisseurin Doris Dörrie feierten auch die beiden Hauptdarsteller Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht ihren Durchbruch. Die beiden wurden zu den Gesichtern der deutschen Schauspielszene und sind bis heute gefragte Mimen. 35 Jahre nach ihrem gemeinsamen Karrierestart kreuzen sich in der ARD-Komödie "Ihr letzter Wille kann mich mal!" (Freitag, 24. Januar, 20.15 Uhr) erneut die Wege der beiden. Im Interview spricht Heiner Lauterbach (66) über die besondere Freundschaft, die Zukunft des klassischen Fernsehens und verrät, warum er auf eine angenehme Art und Weise jung geblieben ist.

teleschau: In Ihrem neuen Film "Ihr letzter Wille kann mich mal" spielen Sie neben Uwe Ochsenknecht, mit dem Sie einst durchgestartet sind. Wie war das Wiedersehen?

Lauterbach: Uwe und ich sind seit "Männer" befreundet, also seit knapp 35 Jahren. In der Zeit haben wir auch das ein oder andere Mal miteinander gearbeitet, insofern war es für uns gar nicht so besonders.

teleschau: Hat sich zwischen Ihnen in den Jahren eine richtige Männerfreundschaft entwickelt?

Lauterbach: Ja, da sind wir zwei auch ganz froh darüber. Im Leben kommt es nicht so oft vor, dass Menschen 35 Jahre befreundet sind, und in unserer Branche schon gleich gar nicht. Deswegen ist es eine schöne Sache, über die wir beide sehr glücklich sind.

teleschau: Wer von Ihnen beiden ist besser durch die Jahre gekommen?

Lauterbach: Aussehen tue ich natürlich besser als der Uwe. Das muss ich ja jetzt sagen, damit er sich ärgert, wenn er das liest. (lacht) Fitter bin ich auch. Er hat vielleicht etwas mehr gesundheitliche Reserven, weil er nie so exzessiv gelebt hat wie ich. Aber da habe ich mittlerweile auch aufgeholt. Aber Spaß beiseite, ich glaube, dass wir beide ganz gut durch die Jahre gekommen sind.

"Bin derjenige, der bei uns zu Hause die lauteste Musik hört"

teleschau: Wie spiegelt sich eine solche Freundschaft beim Dreh wider?

Lauterbach: Wir hatten unglaublich viel Spaß zusammen. Der Drehort war recht einsam, wodurch wir über Wochen den ganzen Tag zusammen waren und auch abends noch immer etwas gemeinsam unternommen haben. Wir hatten auch viel Gaudi mit jungen Leuten, zum Beispiel abends in irgendwelchen Kneipen. Wir sind verhältnismäßig offen für alles Neue, aber ohne jetzt unbedingt dem klassischen Bild der ewig Junggebliebenen zu entsprechen. Das ist etwas, was ältere Menschen im Normalfall von der Jugend unterscheidet. Das im Kopf neugierig bleiben. Das geht schon bei der Musik los.

teleschau: Erzählen Sie ...

Lauterbach: Als ich damals mit 15 Jahren angefangen habe, in einer Band zu spielen und meinem Vater beispielsweise gesagt habe: "Hör mal, was für ein geiler Bass", wusste er gar nicht, wovon ich gesprochen hatte. Der kannte Musik nur aus dem Aufzug. Ich habe mir immer geschworen, das anders zu gestalten.

teleschau: Wie ist es Ihnen gelungen?

Lauterbach: Ich habe noch zwei verhältnismäßig junge Kinder mit 12 und 17 Jahren, und ich bin derjenige, der bei uns zu Hause die lauteste Musik hört. Das kann auch aktuelle Musik sein, sofern sie musikalisch gut ist und nicht zu monoton. Ähnlich ist es bei Uwe. Wir sind auf eine, wie ich finde, angenehme, unaufgesetzte und gelassene Art und Weise jung geblieben. Nicht so wie Männer, die in unserem Alter noch ständig in Diskotheken rumhängen oder mit Knieprotektoren auf Rollerblades rumlaufen, das finde ich eher albern. Dadurch, dass wir für alle Dinge offen sind, nehmen wir am Leben teil, und das ist das Wichtigste. Welche Zahlen letzten Endes im Pass stehen, ist dann egal.

teleschau: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren Durchbruch nach dem Film "Männer" 1985?

Lauterbach: Schöne. Wir haben im August gedreht, und Uwe und ich hatten uns schon im Vorfeld der Dreharbeiten kennengelernt. Wir hatten eine tolle Zeit und haben wahnsinnig viel gelacht. Es hat sich dann ziemlich schnell herausgestellt, dass der Film ein Erfolg werden würde. Auf den Hofer Filmtagen wurden schon Wetten angenommen, wie viele Zuschauer der Film machen würde. Das war zu einer Zeit, zu der sich im deutschen Kino überhaupt nichts tat. Umso außergewöhnlicher war es, und es hat uns in einer Welle nach oben gespült. Dadurch sind Uwe und ich für immer unzertrennlich verbunden.

"Für mich muss ein Film in erster Linie unterhalten"

teleschau: Wie hat sich seit dieser Zeit das Filmgeschäft verändert?

Lauterbach: Die wesentlichste Veränderung ist die Digitalisierung. Ich habe mich lange gesträubt, nicht mehr auf klassischem Filmmaterial zu drehen. Der erste Film, den ich digital gemacht habe, war "Ein seltsames Paar" 2004 mit Uwe und Doris Dörrie. Das war damals ziemlich neu. Die Doris hatte das aus Amerika mitgebracht. Ich fand die Optik zunächst furchtbar. Mittlerweile dreht man aber nur noch auf Digitalfilm, und die Kameras sind toll geworden.

teleschau: Beobachten Sie auch eine Veränderung auf inhaltlicher Seite?

Lauterbach: Darunter fällt definitiv der Wechsel von 90-Minütern zu seriellen Formaten. Auch ich bevorzuge letzteres, sowohl als Konsument als auch als Filmschaffender. Du kannst eine Figur als Schauspieler ganz anders erzählen, wenn du eine Staffel von 20 Mal 55 Minuten drehst. Dann hast du Zeit, deine Rolle zu formen, und musst nicht alles in jede Szene hineinpressen. Das lineare Fernsehen, mit dem ich aufgewachsen bin, wird es in dieser Form nicht mehr lange geben.

teleschau: Was müsste sich im klassischen Fernsehen ändern, damit es konkurrenzfähig bleibt?

Lauterbach: Die TV-Macher müssten im fiktionalen Bereich mehr auf Vertiefung und Hintergründe setzen. Gerade mit dem ursprünglichen Dokumentarfilmer Daniel Harrich habe ich in den letzten Jahren viele Filme mit politischer Relevanz und im Rahmen von Themenabenden gedreht. An den fiktiven Film schloss sich ein Dokumentarfilm und eine Diskussionsrunde zu dem Thema an. Das ist ein Format, worauf sich das Fernsehen konzentrieren sollte, weil es dort unschlagbar ist. Streamingdienste können das nicht bieten, weil sie nicht solche großen Nachrichtenredaktionen haben.

teleschau: Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Rollen aus?

Lauterbach: Für mich muss ein Film in erster Linie unterhalten. Dafür fühle ich mich berufen, und dafür werde ich bezahlt. Wenn das verbunden wird mit einer gesellschaftspolitischen Relevanz, finde ich das toll und erstrebenswert. Aber mein erstes Ziel ist immer eine gute, nicht zu blöde, niveauvolle Unterhaltung.

"Einen witzigen Dialog zu schreiben, ist eine wirkliche Herausforderung"

teleschau: "Ihr letzter Wille kann mich mal" ist eine willkommene Abwechslung im Krimiland Deutschland. Wie schwer ist es, eine gute Komödie zu machen?

Lauterbach: Sehr schwer, man spricht nicht umsonst von der Königsdisziplin der Schauspielerei. Es ist schwerer, Menschen zum Lachen zu bringen als zum Weinen. Das hat viel mit Timing zu tun, das auf die Zehntelsekunde perfekt sein muss. Selbst auf der Schauspielschule kann man das nicht lernen. Entweder man hat es oder eben nicht. Gute Schauspieler aus einem Drama können in einer Komödie total überfordert sein. Die Schnelligkeit im Kopf und in der Sprache gehört genauso dazu wie die gelungenen Dialoge des Drehbuchautors. Wenn du ein Drama über ein krebskrankes Kind und seiner alkoholkranken Mutter schreibst, da fängt man schon fast an zu weinen. Aber einen witzigen Dialog zu schreiben, ist eine wirkliche Herausforderung.

teleschau: Der Dreh auf der nordfriesischen Insel Nordstrand fand in einer sehr beschaulichen Umgebung statt. Könnten Sie sich vorstellen, in so einer Gegend zu leben?

Lauterbach: Wir Schauspieler leben im Allgemeinen von einer großen Vorstellungskraft, insofern kann ich mir fast alles vorstellen, auch das. Ich würde es aber nicht gerne machen. Ich lebe am Ende des Starnberger Sees, also auf dem Land, wo ich permanent alten Traktoren hinterherfahren muss. Dort lebe ich seit 25 Jahren und bin sehr glücklich. Das hat nichts mit dem Schicki-Micki-Starnberg zu tun. Davor habe ich aber fast 30 Jahre in Schwabing gelebt. Ich bin irgendwann ganz bewusst umgezogen und habe es nicht einen Tag bereut.

"In der Schule habe ich mein Schauspieltalent entdeckt"

teleschau: Abseits Ihres filmischen Schaffens haben Sie 2019 ein neues Projekt namens "Meet Your Master" aus der Taufe gehoben. Worum geht es?

Lauterbach: "Meet Your Master" ist eine Internetplattform, auf der Koryphäen ihres Fachs ihr Wissen in Form von Online-Kursen weitergeben. Die Kurse bestehen aus Filmen mit jeweils etwa 25 Kapiteln und haben eine Gesamtlänge von fünf bis acht Stunden. Dazu gibt es ein Masterbook mit zusätzlichen Informationen. Gemacht sind die Clips in hochwertiger Spielfilmqualität und dramaturgisch sehr differenziert. Meine Vision ist, dass in zehn Jahren ein Vater seinem 18-jährigen Kind zu einem solchen Abo rät, wenn es unschlüssig ist, wo die berufliche Reise hingehen soll. Perspektivisch wollen wir alle Berufe hineinnehmen, die es gibt, zum Beispiel auch Schreiner oder Landschaftsgärtner.

teleschau: Wie konnten Sie die zum Teil sehr prominenten Master von dem Projekt überzeugen?

Lauterbach: Es hilft natürlich in diesem anfänglichen Stadium, wenn man ein paar Leute kennt, oder wenn die einen selbst kennen. Ich habe zum Beispiel Jürgen Klopp angerufen. Er kannte mich nicht persönlich, sondern nur über meine Filme. Aber er mochte mich offensichtlich und sagte: "Ich habe zwar überhaupt keine Zeit, aber habe Lust, das mit Ihnen zu machen."

teleschau: In Ihrem Masterbook steht ein Zitat aus einem alten Schulzeugnis, in dem es heißt, Sie hätten "eine beängstigende Gabe für Laienspiel". Woher kam dieses Talent?

Lauterbach: Keine Ahnung. Von meinen Eltern und im Rest der Familie ist niemand Schauspieler. Aber in der Schule habe ich entdeckt, dass ich dafür ein Talent habe. Die ersten Erfahrungen habe ich in Köln gemacht. Während der Aufnahmezeit für ein Gymnasium, die ich hinterher nicht bestanden habe, fragte die Lehrerin, ob jemand pantomimisch etwas vormachen wolle. Ich habe mich gemeldet. Sonst hatte ich ohnehin recht wenig beizutragen, weil ich ein schlechter Schüler war.

"Das war eine richtige Mafia"

teleschau: Was ist dann passiert?

Lauterbach: Ich ging nach vorne und hatte eigentlich gar keine Ahnung, was ich machen wollte. Während des Gangs zur Tafel und beim Spielen selbst habe ich mir das dann überlegt. Es war eine absurde Situation, aber ich konnte mich sehr extrovertiert ausdrücken. Außerdem habe ich gemerkt, dass es auf eine Resonanz stieß und schloss daraus, dass ich wohl ein Talent dafür habe. Danach bin ich auf ein Internat gegangen, wo ich einen sehr netten Lehrer getroffen habe - den einzigen, mit dem ich mich verstanden habe. Er hat schnell gemerkt, dass ich eine Ader dafür habe, und dann habe ich einige Hauptrollen in seinen Theaterstücken gespielt. Dafür habe ich auch den einzigen Preis während der Schulzeit bekommen, nämlich für besondere Leistung im Laienspiel. Danach wollte ich Schauspieler werden.

teleschau: Was haben Sie sich damals für Ihre Zukunft gewünscht?

Lauterbach: Gar nichts, um ehrlich zu sein. Es war vermessen, sich zu erhoffen, eine erfolgreiche Karriere hinzulegen. Das war so weit weg, zumal es zu der Zeit nur zwei Fernsehsender gab. Da haben immer die gleichen Leute gespielt, das war eine richtige Mafia. Dort hineinzukommen war eigentlich unmöglich. Nachdem ich von der Schauspielschule in Köln flog, ging ich nach München, weil es dort viele kleine Theater gab und einige Film- und Synchronstudios. Aber zum Film zu gehen - an diese riesige Schlange habe ich mich damals gar nicht angestellt. Ich war froh, wenn ich hier und da mal am Theater spielte oder synchronisieren konnte. Vor "Männer" gab es im deutschen Kino auch kaum Filme, abgesehen von Autorenfilmen, die sich niemand ansah.

"Mit meinen Kindern bin ich überkritisch"

teleschau: Im Frühjahr startet der Kinofilm "Enkel für Anfänger", in dem Sie mit Ihrer Tochter Maya zu sehen sind. Wie war es, mit ihr zu drehen?

Lauterbach: Das ist sehr schön, auch wenn wir in dem Film nicht sehr viele Szenen zusammen haben. Abgesehen davon habe ich mit Maya schon größere Projekte gemeinsam gemacht. Sie ist unglaublich talentiert. Ich sehe das natürlich durch die Brille des Vaters, aber die ist eher dunkelblau als rosa. Mit meinen Kindern bin ich eher überkritisch. Zwar fände ich es toll, wenn sie auch Schauspieler werden, aber man muss zwei Dinge haben: ein großes Talent und eine große Leidenschaft. Wenn das nicht der Fall ist, würde ich jedem davon abraten. Wenn sich bei Maya auch noch die Leidenschaft in vollem Maße entwickelt, dann wünsche ich ihr alles Gute.

teleschau: Sie sind leidenschaftlicher Fan des 1. FC Köln. Dennoch haben Sie angekündigt, sich vorerst keine Spiele mehr anzusehen ...

Lauterbach: Das ist eine Gurkentruppe, die vorne und hinten nicht zusammenpasst, kein Zusammengehörigkeitsgefühl hat und nicht den Arsch hochkriegt. Ich habe einfach keine Lust, mich jedes Wochenende zu ärgern. Sie müssen wieder vernünftig spielen und eine geschlossene Einheit bilden, der man gerne zusieht - selbst wenn sie verlieren.

teleschau: Kann Lukas Podolski der große Heilsbringer werden?

Lauterbach: Ich liebe den Poldi natürlich als Kölner. Er ist ein feiner Kerl und die Zugehörigkeit von ihm zum Verein finde ich super, und die ist äußerst selten in der heutigen Zeit. Aber ich glaube, es wäre nicht der richtige Weg, so einen alten Spieler zu integrieren. Der FC Köln sollte lieber auf junge Leute aus der Region setzen.