Das Wischi-Waschi-Wunderkind

Der einstige R'n'B-Hoffnungsträger Khalid verwässert auf seinem zweiten Album "Free Spirit" seine charismatisch-unscheinbare Stimme mit milden Pop-Songs und Durchhalteparolen.

Fünf Grammy-Nominierungen, Streamingrekorde und sogar ein eigener Kinofilm - Khalid hat innerhalb von nur zwei Jahren den Sprung vom R'n'B-Geheimtipp und Soul-Wunderkind zum internationalen Shootingstar geschafft. Es ist ein fast schon typischer Werdegang für die Generation Internet: Khalid Robinson schloss nicht über die klassische Karriereleiter mit Labels und Radio-Airplay zu den oberen 10.000 der Musik-Branche auf, sondern mithilfe der sozialen Medien. Macht das seine Musik automatisch hörenswert? Nein. Doch als er Mitte 2017 sein Debütalbum "American Teen" vorlegte, wurde er tatsächlich ein neuer Pop-Hoffnungsträger. Mit Synthie-Melodien im Stil der 80-er, energetischen Dance-Elementen und einer guten Balance zwischen Kunst und Kommerz sang Khalid in leichtfüßiger Schwermut über die Alltagsprobleme der Teenager. Es ging um unerfüllte Liebe und die Schwebe zwischen Erwachsenwerden und Kindbleiben. Das war erfrischend - und machte Khalid zu einem der meistgestreamten Künstler der Welt.

Das mit Spannung erwartete zweite Album "Free Spirit" ist entsprechend groß aufgestellt. John Mayer ("Slow Dancing In A Burning Room") hat mitgesungen, die schwedischen Hit-Produzenten Stargate (Rihanna, Beyoncé) saßen hinterm Mischpult. Und natürlich finden sich hier große Pop-Momente. Der Opener "Bad Luck" verknüpft zeitgemäße Westcoast-Beats mit fluffigen Gitarrenriffs. Die Single "Better" lockert eine eigentlich kitschige Moll-Abfolge durch stilbewussten Talkbox-Einsatz auf, und "Outta My Head" ist ein Stück sommerlicher Funk, der auch Bruno Mars gut zu Gesicht stünde. Dazu überzeugt der inzwischen 21-jährige Sänger Khalid mit seiner kindlichen Gelassenheit, die das Falsett ebenso beherrscht wie hypnotischen Sprechgesang.

Rekordverdächtige Unterforderung

Das erste Problem von "Free Spirit" liegt in den Texten. Khalids Ansatz, aufgrund des Hypes um seine Person die Flucht nach innen anzutreten, ist eigentlich ein kluger Schachzug. Doch damit, entwaffnend ehrlich über Depressionen und Ängst zu singen, machten etwa Frank Ocean oder Drake schon vor Jahren von sich reden. Khalid watet also durch längst beschrittene Felder - und verfängt sich dann in Gemeinplätzen. "Life is never easy", heißt es in dem Roadmovie-Popsong "Hundred", "There's many people dyin' / I've always been afraid" in dem Stück "Self", das seinen Wankelmut zwischen Kampfansage und Niederlage beschreibt. Khalids Weisheiten erstrecken sich leider allzu oft im Unpersönlichen. Obwohl in der Vergangenheit gerade nahbare Motive wie in "8Teen" (ein Song über's 18-Sein) zu Khalids großen Stärken gehörten. Seine neue Musik wirkt beliebiger, austaschbarer, ja, massenkompatibler.

Das zweite Problem der zweiten LP ist ihre Länge. Mit einer Spielzeit von über einer Stunde ist die generische Mixtur aus Durchhalteparolen und eingägigen Pop-Motiven zwar leicht konsumierbar, aber auch derartig luftig, dass man sich als Hörer andauernd unterfordert fühlt. Am Ende wird es den jungen Popstar mit den vielen Streams wenig kümmern. Wenn jeder seiner knapp 45 Millionen Spotify-Abonnennten "Free Spirit" nur einmal hört, dürfte wieder irgendein Rekord gebrochen sein.

Khalid - Better