Die drei Traumata des Tilman Rossmy

Der Songwriter Tilman Rossmy und seine Band Die Regierung gelten als Idole und Paten der "Hamburger Schule". Auf dem Comeback-Album "Was" verrät der mittlerweile 60-jährige Rossmy, welche Lebensereignisse seine lakonisch geniale Textkunst formten.

Sechs Alben in 35 Jahren - so lautet die eher spärliche Output-Bilanz der Band Die Regierung, die dennoch viele deutsche Popdenker wie Blumfeld stark beeinflusste. Als Ein-Mann-Acid-Punk-Projekt mit ziemlich bemerkenswerten Texten begann der Songwriter Tilman Rossmy 1984 in seiner Heimatstadt Essen. "Supermüll" hieß jenes Album, das vom Popkultur-Magazin "Spex" ein paar Jahre später als "wichtigste deutsche Platte der 80-er" bezeichnet wurde. Anfang der 90-er adoptierten die Musiker der "Hamburger Schule" Die Regierung - als Vorbild und Pate ihres Sounds und ihrer Sprache. Damals zogen Rossmy und Co. sogar nach Hamburg und veröffentlichten dort drei Alben: "So allein" (1992), "So drauf" (1994) und "Unten" (1996). Dabei wurde der Song "Loswerden", auch in der Coverversion der Lassie Singers, zu einer der größten deutschen Independent-Hymnen überhaupt.

Mitte der 90-er war dann Schluss mit der Regierung. Rossmy machte - im Sound näher am Country orientiert - als Tilman Rossmy Quartett weiter. Nach vielen Jahren ganz ohne Lebenszeichen von Die Regierung folgte 2017 das überraschende Comeback "Raus". Nun gibt es ein weiteres neues Album, es hört auf den kurzen Titel "Was". Doch lohnt sich die späte Wiederbelebung einer deutschen Pop-Legende?

Seine drei größten Traumata, so erzählt Tilman Rossmy am Telefon aus der Schweiz, habe er auf diesem biografischen Album verarbeitet. Das bedeutendste, welches bereits in früheren Songs des Künstlers angedeutet wurde, war ein Aufenthalt in der Psychiatrie mit Anfang 20. Rossmy textet im Song "Geschichte" in seiner unvergleichlich lakonischen Art: "Und dann wurde ich eingeliefert in die Psychiatrie / und ich erinnere mich noch / wie wir die Auffahrt hinauffuhren zum Klinikum Essen / Man sagte zu mir: Du bist jetzt für immer verloren, wir geben dich jetzt auf / Und dann - hab ich nie wieder von ihnen gehört". Die Schizophrenie blieb eine Episode. Sie war jedoch der Grund, warum Außenseiter und Garagenrock-Fan Rossmy danach mit dem Schreiben von Songs begann. Darin beschrieb er sein Leben und seine Beziehungen so drastisch, klar und grummelnd wie kein deutscher Pop-Künstler zuvor.

Der größte deutsche Song-Grummler aller Zeiten

Noch zwei weitere Traumata, über die der Underground-Poet noch nie zuvor sprach, finden sich auf dem Album. In "Jedes Kind" heißt es: "Ich bin acht Jahre alt / und wenn ich meine Augen schließ' / dann seh' ich diesen riesengroßen Stein / der auf mir liegt und mich zerdrückt / Ja, aber niemand kann diesen Stein sehen - außer mir". Rossmy singt über das frühkindliche Dilemma eines Jungen im Deutschland der 60er-Jahre, in dem es nur Himmel oder Hölle gab. Beides schien dem kleinen Tilman gleichermaßen schlimm: Die Hölle wegen ihrer Qualen und der Himmel wegen seiner Langeweile. Rossmy muss schon mit acht Jahren ein besonderes Kind gewesen sein.

Über Trauma Nummer drei singt Rossmy in "Schönes Paar". Er war 40 und hatte eine sehr attraktive Frau kennengelernt, die sofort von ihm schwanger wurde. Doch die Chemie stimmte nicht - beiderseitig. Noch vor der Geburt trennte sich die Mutter seiner ersten Tochter von Rossmy, bis heute besteht kein Kontakt. "Ich wusste einfach sofort, dass ich alles total verpassen werde. So ist es dann auch gekommen. Es war heftig. Ich habe Jahre gebraucht, um mich wieder lebendig zu fühlen." Doch heute geht es Rossmy gut. Im Brotberuf Software-Entwickler lebt der studierte Physiker mit seiner jetzigen Frau und zwei Kindern in der Schweiz.

Musikalisch gibt es stärkere Alben von Rossmy als "Was". Der Sound orientiert sich am alten Garagenrock mit zwei rhythmischen Gitarren. Hin und wieder dreht sich Country-Folk und - auf diesem Album - auch einen Hauch von Kraut- und Spacerock in den Sound hinein. Die stärkste Leistung auf "Was" vollbringt Rossmy als Texter und Heiler biografischer Wunden und künstlerischer Leerstellen. Die alten Fans wissen es ohnehin, und auch den zu spät Geborenen sei geraten: Ein Durchhören von Tilman Rossmys grandiosem Gesamtwerk lohnt sich jederzeit! Seine Lieder sind Highlights für Fans anspruchsvoller deutscher Text- und Songkunst. Wahrscheinlich ist er der größte grummelnde deutsche Song-Lakoniker aller Zeiten.