• Corona-News
  • Sachsen
  • Chemnitz
  • Erzgebirge
  • Mittelsachsen
  • Vogtland
  • Westsachsen

"Ehrlich gesagt, ich habe 'Schtonk' nie gesehen"

In der Miniserie "Faking Hitler" (RTL+) spielt Lars Eidinger jene Rolle, die Götz George 1992 in Helmut Dietls "Schtonk" verkörperte: "Stern"-Journalist Gerd Heidemann, der 1983 glaubte, Hitlers Tagebücher entdeckt zu haben. Hat man heute einen anderen Blick auf den größten deutschen Presse-Skandal?

Im deutschen Fernsehen erlebt man derzeit so etwas wie Lars-Eidinger-Festspielwochen. Nach zwei eindrucksvollen Episoden-Hauptrollen in "Tatort"-Krimis mit Axel Milberg und Ulrich Tukur spielt der 45-jährige Schauspiel-Exzentriker nun einen der größten Presseskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte nach. 1983 glaubte "Stern"-Journalist Gerd Heidemann, Hitlers geheime Tagebücher entdeckt zu haben. Die Redaktion vertraute ihm, gab viel Geld aus und erwarb von Fälscher Konrad Kujau die "privaten Einsichten" des Führers. 1992 wurde der Stoff bereits von Helmut Dietl verfilmt. In "Schtonk" spielte Götz George Eidingers Rolle, Uwe Ochsenknechts damaliger Part als Konrad Kujau wird nun im Serien-Update "Faking Hitler" (ab 30. November beim Streamingdienst RTL+) von Moritz Bleibtreu übernommen. Die Serie "Faking Hitler" beruht auf einem gleichnamigen "Stern"-Podcast, der auf faszinierende Weise Heidemanns mitgeschnittene Telefonate mit Kujau öffentlich machte.

teleschau: Herr Eidinger, wahrscheinlich ist "Faking Hitler" die erste deutsche Serie, die auf einem Podcast beruht ...   Lars Eidinger: Das kann sein. Man könnte aber auch sagen, dass es die erste Serie ist, die aufgrund von Telefonmitschnitten entstanden ist. Die vielen Telefonate zwischen dem "Stern"-Journalisten Gerd Heidemann und dem Fälscher Konrad Kujau waren ja die Legitimation, sich diesem Stoff nach "Schtonk" noch mal zu nähern.   teleschau: Was finden Sie persönlich spannender - den Film "Schtonk" oder den echten Gerd Heidemann, den Sie auf den alten Telefon-Mitschnitten und im Podcast "Faking Hitler" erleben?   Eidinger: Ehrlich gesagt, ich habe "Schtonk" nie gesehen. Da kommt mir zugute, dass ich kein Cineast bin. Und ich hätte es auch unpassend gefunden, den Film extra für diese Serie anzuschauen. Ich war eher froh, dass ich "Schtonk" nicht die ganze Zeit als Referenz im Kopf hatte.

"Erstaunlicherweise kennt die jüngere Generation den Skandal überhaupt nicht"

teleschau: Also haben Sie sich eher am echten Gerd Heidemann orientiert?   Eidinger: Nein, auch das nicht. Für den "Stern"-Podcast wurden zwar auch lange Interviews mit dem echten Gerd Heidemann geführt. Wenn ich mir sie anhöre, weiß ich jedoch nur, wie er sich im Interview verhält. Nicht jedoch, wie er in anderen Situationen ist. Wie er zum Beispiel seiner Frau einen guten Morgen wünscht. Der Reiz von Fiction besteht unter anderem darin, dass man sich über die Grenzen der Realität hinwegsetzen kann. Ich interpretiere Gerd Heidemann, aber ich spiele ihn nicht nach.    teleschau: Als die angeblichen Hitler-Tagebücher 1983 veröffentlicht wurden, waren sie sieben Jahre alt. Sie haben wahrscheinlich keine Erinnerungen daran, oder?   Eidinger: Ich bilde ich mir ein, mich erinnern zu können, aber mit sieben Jahren ist das eher unwahrscheinlich. Vermutlich habe ich eher später davon gehört. Erstaunlicherweise kennt die jüngere Generation den Skandal überhaupt nicht. Wenn ich Leuten, die um die 20 sind, davon erzähle, haben die in der Regel noch nie etwas davon gehört.   teleschau: Was interessiert Sie heute an der Geschichte?   Eidinger: Am interessantesten finde ich zu ergründen, welchen Platz der Nationalsozialismus Anfang der 80-er in Westdeutschland hatte. Moritz von Uslar sagte mal zu mir, dass der Zweite Weltkrieg aus damaliger Sicht so lange zurücklag, wie für uns heute die 80-er-Jahre. Und die 80-er sind für jemand wie mich, der 1976 geboren ist, wahnsinnig präsent.

"Heidemann hatte sogar die Jacht Görings gekauft und dafür sein Reihenhaus verkauft"

teleschau: Aber wo ist der Aha-Effekt in dieser Erkenntnis?   Eidinger: Einfach darin, dass man 1983 sagte, dass man mit dem Zweiten Weltkrieg nichts mehr zu tun hätte. Das war damals genauso absurd, als wenn wir heute erzählen würden, dass wir keinerlei Verbindung zu den 80-ern mehr hätten. Was absurd wäre, weil das unsere Jugend war und wir natürlich entschieden davon geprägt sind. Auch ich bin stark von den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs geprägt. Mein Vater ist im Krieg geboren, mein Großvater hat im Krieg gekämpft. Wie könnte ich behaupten, das hätte auf meine Persönlichkeit keinen Einfluss?   teleschau: Aber was war anders in Deutschland 1983, als man vom Fund der angeblichen Hitler-Tagebücher elektrisiert war?   Eidinger: Die Verbindung zum Zweiten Weltkrieg war noch sehr viel unmittelbarer. Gerd Heidemann war leidenschaftlicher Sammler von Nazi-Devotionalien. Nur darüber ist er überhaupt auf die gefälschten Hitler-Tagebücher gestoßen. Heidemann hatte ja auch ein Verhältnis mit der Tochter Hermann Görings. Heidemann hatte sogar die Jacht Görings gekauft - und dafür sein Reihenhaus verkauft.   teleschau: Ist jemand, der einen Nazi-Fetisch hat, auch ein bisschen selbst ein Nazi?   Eidinger: Darüber möchte ich mir kein Urteil erlauben. Mich interessiert vielmehr die Frage: Woher rührt die Faszination für die Zeit und was sagt das über uns als Gesellschaft aus? Man muss sich ja nur mal anschauen, wie häufig Adolf Hitler in den letzten 40 Jahren die Cover von "Spiegel" und "Stern" zierte. Und welche Konsequenzen das für die Auflage beziehungsweise die Verkaufszahlen hatte.

"Menschen, die heute die AfD wählen, wählen auch diese nicht aus Protest"

teleschau: Aber warum waren die Leute in den 80-ern noch so fasziniert von Hitler?   Eidinger: Man muss gar nicht so weit zurückgehen. Die Faszination hält ja bis heute an. Man darf auch nicht vergessen, dass sich die Nationalsozialisten nicht an die Macht geputscht haben, sondern dass sie von der Bevölkerung gewählt wurden. Menschen, die heute die AfD wählen, wählen auch diese nicht aus Protest, sondern aus Überzeugung und weil sie deren Werte teilen.

teleschau: Haben Sie den Podcast "Faking Hitler" denn gehört?   Eidinger: Den habe ich gehört, ja. Man kann darüber viele Rückschlüsse auf die Beziehung zwischen Heidemann und Kujau ziehen, die für meine Darstellung hilfreich waren. Gerd Heidemann ging zum Beispiel im Gegensatz zu Kujau davon aus, dass die beiden eine Freundschaft verbindet.

teleschau: Fanden Sie es auch so faszinierend beim Hören, dass man bei einer Verführung, einem berühmten Akt von Hochstapelei "live" dabei ist?   Eidinger: Ja, das ist der eigentliche Spaß dabei. Diese Virtuosität, mit der Kujau immer wieder seinen Kopf aus der Schlinge zieht, wenn er Heidemann erklärt, warum es mit den nächsten Tagebüchern noch dauert. Er konnte ihm ja schlecht sagen: Weil ich sie erst noch schreiben muss! Auch zu behaupten, er könne die Schrift seiner eigens gefälschten Tagebücher nicht entziffern, ist natürlich ein relativ simpler, aber genialer Clou!

"Vielleicht hat er sich einfach so sehr gewünscht, dass die Tagebücher echt sind"

teleschau: Wie kann es sein, dass ein intelligenter Mensch wie Heidemann auf einen solchen Schwindel reinfiel?   Eidinger: Das ist tatsächlich eine gute Frage. Ich könnte mir vorstellen, dass Gerd Heidemann unterbewusst sogar wusste, dass es sich um Fälschungen handelte. Vielleicht hat er sich einfach so sehr gewünscht, dass die Tagebücher echt sind, dass er alle Zweifel und Bedenken ignoriert und sich im Grunde selbst belogen hat. Es gibt sogar die Theorie, dass er mit Kujau unter einer Decke steckte und dem "Stern" die Tagebücher in vollem Bewusstsein, dass es sich um Fälschungen handelt, verkauft hat.   teleschau: Könnte man sagen, es gab die gefälschten Hitler-Tagebücher auch deshalb, weil viele Deutsche sich gewünscht haben, dass es echte Hitler-Tagebücher hätte geben sollen?   Eidinger: Wie gesagt, die Frage, was die Faszination ausmacht, finde ich interessanter als jene, ob die Tagebücher nun gefälscht sind oder nicht. Oder die Frage, warum man einer so plumpen Täuschung erliegt.

teleschau: Also reden wir eher über Verdrängung als über Täuschung?   Eidinger: Ich bin davon überzeugt, dass so, wie einen die Sprache oft verrät, das Sammeln von Nazi-Insignien oder die Faszination dafür auch etwas über die Persönlichkeit aussagt. Wenn jemand das N-Wort benutzt, um im selben Atemzug zu beteuern, er oder sie sei aber kein Rassist oder keine Rassistin, dann ist das in gewisser Weise ein Selbstbetrug. Ich glaube, dass wir als Gesellschaft nur weiterkommen, wenn wir uns das eingestehen.