Ein herzhaftes "Whatever"

Der dritte Langspieler der kalifornischen Band Haim versetzt schon mit seinem Titel den ersten Stich. Dass die drei Schwestern mehr als nur "Women In Music" sind, zeigen sie mit einem persönlichen, breitgefächerten Album.

Es muss endlich Schluss sein damit. Schluss mit den Fragen, Thesen und vorschnellen Urteilen. Haim ist eine Poprock-Gruppe, die aus drei Frauen besteht, kein Mann. Dass eine solche Bandzusammenstellung 2020 in der Presse wie in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer als erklärungsbedürftiges Novum betrachtet wird, geht den drei Schwestern Danielle (Gesang, Gitarre), Alana (Schlagzeug, Keyboard) und Este Haim (Bass) schon lange auf den Keks. So ist der Titel ihres dritten Albums "Women In Music Pt. III" auch durchaus spöttisch zu verstehen. Ohnehin ist es der Biss, der diese Platte voranbringt. Völlig auf den Kopf stellen musste sich das Trio dafür aber nicht.

Der Vorwurf, zahnlos oder belanglos zu sein, verfolgt Haim ebenso wie die sexistische, kurzgegriffene Kategorisierung als "Frauenband". Der Song "Man From The Magazine" erzählt schlicht und rotzig von Momenten, in denen die Drei ihre besondere Stellung im Rockzirkus zu spüren bekommen. Wenn etwa der Gitarrenhändler selbstgefällig auffordert: "Hey girl, why don't you play a few bars?" Der schulterzuckende Kommentar dazu: "It is what it is, it was what it was". Vielleicht sei man zu verspielt in den Musikvideos, vielleicht müsste man dort auch jedes Mal zeigen, dass man selbst die Instrumente spielt, mutmaßen Haim in einem aktuellen BBC-Interview. Doch schnell folgt auch hier ein "Whatever": Anbiederung und das Betteln nach Respekt kommen für die Kalifornierinnen nicht infrage.

Liebe(r) mal anders

Es gibt einfach Wichtigeres, das in den vergangenen Monaten passiert ist und das es aufzuarbeiten gilt. Das trockene Stück "Summer Girl" diente etwa als Aufbaumaßnahme für Produzent und Danielle Haims Partner Ariel Rechtshaid. Er kämpfte erfolgreich gegen den Krebs und konnte wiedergenesen mit Ex-Vampire-Weekend-Mitglied Rostam Batmanglij an den Reglern Platz nehmen. Der folkige Song "Hallelujah", in dem alle drei Haims einen Gesangspart zum Besten geben, berichtet von der Kraft, die man sich gegenseitig schenkt. Alana verlor ihre beste Freundin, Este leidet immer wieder unter den Folgen ihrer Diabeteserkrankung, und Danielle sprach kürzlich öffentlich über ein depressives Loch nach den vergangenen Mega-Touren rund um den Erdball. Von Letzterem handelt auch der Titel "I've Been Down", der aber trotz Zeilen wie "Looking up at the ceiling / It's been making me feel creepy" als kraftvoller Befreiungsschlag daherkommt.

Waren die zwei bisherigen Langspieler, "Days Are Gone" (2013) und "Something To Tell You" (2017), thematisch eng um das Thema Liebe gefasst, klingt vieles an Album Nummer drei wie ein Sich-Freischwimmen. Einfache Liebesbekundungen und -wünsche spielen hier keine zentrale Rolle mehr. In "Gasoline" geht es vielmehr auf dem Rücksitz zur Sache; "3 AM" berichtet stilsicher als 90er-R'n'B von einem nächtlichen "Booty Call". Und sind die Botschaften dann doch mal etwas simpler, killen dominante Gitarren jedes Wischiwaschi-Gefühl ("All That Ever Mattered", "FUBT").

Ein kleiner Wermutstropfen: Die stärksten Stücke des Albums waren im Vorfeld der Veröffentlichung bereits wohlbekannt, "Summer Girl" beinahe seit einem Jahr. Als Singles folgten unter anderem die sich in Gehirnwindungen bohrenden Titel "Now I'm In It" und "The Steps". Der Grund: "Women In Music Pt. III" sollte eigentlich bereits im April erscheinen. Aufgrund der Coronakrise wurde die Veröffentlichung dann verschoben, und so folgte stattdessen Häppchen nach Häppchen. Jetzt ist vieles auf dem Album weniger neu, als es einst geplant war. "Whatever", will man da sagen, und das Ganze als weiteres Statement sehen: Corona kann uns mal, genauso wie all die Schlaumeier mit ihren Fragen, Thesen und vorschnellen Urteilen.

Haim - The Steps